Dortmund und Bayern

Mit Blockbildung holte die Nationalelf viele Titel

Bayern und Dortmunder dominieren im Nationalteam – und knüpfen an eine gute alte Tradition an. Bundestrainer Löw: "Die Automatismen bringen Vorteile."

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Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft war fraglos der Höhepunkt, doch auch ein 65. Rang hat Mats Mummels in der vergangenen Saison höchst zufrieden gestimmt. Beim Managerspiel eines Sportmagazins hatte er diesen Platz erreicht – unter mehr als 120.000 Teilnehmern. Das Geheimnis des deutschen Nationalspielers, der beim 3:2 gegen Brasilien sein achtes Länderspiel bestritt: Er setzte auf Blockbildung. Vor allem Spieler seines Teams Borussia Dortmund kaufte er ein – und landete damit einen Volltreffer. Spieler wie Shinji Kagawa, Nuri Sahin und er selbst brachten Hummels massig Punkte ein.

Vermutlich läge auch Joachim Löw weit vorn in dem Online-Spiel. Doch er braucht nicht in die virtuelle Welt abzutauchen, um sich so sein Wunschteam zusammenzustellen. Schließlich ist Löw Bundestrainer. Und setzt als solcher das Hummelsche Erfolgskonzept quasi in natura um. Wie sein Innenverteidiger baut Löw auf Blöcke.

Acht Spieler des FC Bayern nominierte er für das Brasilien-Spiel, dazu vier Dortmunder. Mit den BVB-Profis Marcel Schmelzer und Kevin Großkreutz, die zum erweiterten Kader zählen, stellen die Fraktionen aus München und Dortmund mittlerweile gut die Hälfte der Elitespieler – ein klares Spiegelbild der aktuellen Kräfteverhältnisse in der Liga. Und mehr: Der Bundestrainer knüpft mit seinem Konzept auch an eine gute, deutsche Tradition an, die zuletzt allerdings in Vergessenheit geraten war.

Schon in den 70er- und 80er-Jahren dominierte die Blockbildung. Zur obligatorischen Bayern-Fraktion gesellten sich jeweils die Spieler des Ligakonkurrenten. Anfang der 70er-Jahre waren es die Spieler des 1. FC Köln um Wolfgang Overath, Hannes Löhr und Wolfgang Weber. Anschließend brach die Ära von Borussia Mönchengladbach an: Günter Netzer, Berti Vogts, Jupp Heynckes und Herbert Wimmer ergänzten sich mit ihren Münchner Kollegen um Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Paul Breitner und Sepp Maier zur erfolgreichsten deutschen Mannschaft. „Das hat Helmut Schön damals schlau gemacht. Es war eine Blockbildung aus den beiden besten Teams, zwischen denen es keine Gräben oder Dissonanzen gab, nur eine gesunde Rivalität“, lobte später Günter Netzer.

In den 80er-Jahren setzte Schöns Nachfolger Jupp Derwall das Konzept fort. Nun steuerte zunächst der Hamburger SV mit Manfred Kaltz, Felix Magath und Horst Hrubesch seine Besten bei, später bildete sich erneut ein Kölner Block mit Torwart Harald Schumacher, Pierre Littbarski, Klaus Allofs und Gerd Strack heraus. Das Plus der „Teams im Team“: Sie sind eingespielt, haben untereinander jene Automatismen gebildet, die das Spiel den entscheidenden Tick schneller machen.

Mitunter entsteht so ein Vorteil gegenüber einer Mannschaft, die aus den besseren Individualisten zusammengesetzt ist, aber weniger harmoniert. Schon Alt-Bundestrainer Sepp Herberger baute 1954 auf diese Taktik. Im Weltmeisterschaftsfinale von Bern standen fünf Akteure des 1. FC Kaiserslautern, angeführt von Kapitän Fritz Walter. Nicht nominierte Spieler raunten später gern, dass sie an Herbergers Vorliebe für Lauterer Spieler gescheitert wären.

Als die 90er-Jahre anbrachen, etablierte Teamchef Franz Beckenbauer den ersten Legionärsblock in der deutschen Fußballgeschichte: Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann von Inter Mailand waren das Herzstück der Weltmeistermannschaft. Zwar stellten die Bayern erneut mit sechs Spielern im Kader die stärkste Gruppe, doch nur Klaus Augenthaler und Jürgen Kohler waren Stammspieler.

Als Deutschland sechs Jahre später Europameister wurde, hatte Bundestrainer Berti Vogts vor allem auf Spieler des Meisters Dortmund und von Uefa-Cup-Sieger FC Bayern zurückgegriffen. Mit BVB-Libero Matthias Sammer und Bayern-Stürmer Jürgen Klinsmann stellten die beiden Klubs auch die Wortführer der Nationalmannschaft. Sammer scharte die BVB-Kollegen Stefan Reuter, Steffen Freund, Andreas Möller und Jürgen Kohler um sich. Klinsmann umgab sich mit Thomas Helmer, Christian Ziege, Markus Babbel, Thomas Strunz und Mehmet Scholl, während Oliver Kahn schmollend auf der Bank saß. „Trotz aller Rivalität war die Zusammenarbeit sehr respektvoll, wir wollten am Ende alle gewinnen. Eine erfolgsorientierte Einheit, aber nicht egozentrisch“, beschreibt Thomas Strunz den Kader von 1996.

Nach der Jahrtausendwende geriet das Konzept ins Wanken. Die Bundesliga war ausgeglichener als zuvor, neben den dominanten Bayern konnte sich kaum ein anderer Klub dauerhaft in der Spitze etablieren. Und wenn, wurden sie wie Werder Bremen oft von ausländischen Stars (Johan Micoud, Ailton, Claudio Pizarro, Diego) angeführt.

Teamchef Rudi Völler, der die deutsche Mannschaft von 2000 bis 2004 betreute, war ohnehin kein Freund der Blockbildung. „Ich habe das Gefühl, das gibt es nur in Deutschland“, zeterte er vor der Europameisterschaft 2004 in Portugal, bei der er seinen 23-Mann-Kader aus elf Vereinen rekrutierte.

Nun gehört es wieder zum guten Ton, seinen Bundesliga-Kader mit deutschen Nationalspielern zu schmücken. Der FC Bayern holte in Manuel Neuer und Jerome Boateng gleich zwei von ihnen in der Sommerpause und sicherte sich die Vormachtstellung in der DFB-Auswahl. Derzeit könnte Bundestrainer Löw bis auf die Plätze der beiden Real-Madrid-Spieler Mesut Özil und Sami Khedira bedenkenlos die übrigen neun Positionen mit Bayern- oder Dortmund-Profis besetzen. Ein Umstand, der ihm durchaus gelegen kommt: „Blockbildung muss nicht sein, aber es kann durch die vorhandenen Automatismen unter den Spielern Vorteile bringen“, sagt Löw.

In der Bundesliga wird die neue Struktur in der Auswahl begrüßt. „Auch wenn es eine zusätzliche Belastung für unseren Kader ist, finde ich es wahnsinnig positiv, dass so ein Gerippe von uns in der Nationalmannschaft spielt“, sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes, und der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge klopft sich angesichts der bayerischen Einkaufspolitik selbst auf die Schulter: „Es ist eine ideale Situation, die Löw dadurch vorfindet.“ Auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer spricht von einer „fantastischen Entwicklung“.

Sogar in den Anfängen des deutschen Fußballs gab es übrigens schon Blockbildung – und wie: Ostern 1924 bestand das Nationalteam aus zwei Gruppen. Sieben Fürther und vier Nürnberger fuhren mit dem Zug nach Amsterdam. Da sie sich zuvor im Lokalderby heftig beharkt hatten, reisten sie in getrennten Abteilen. Kein Wort fiel, weder im Zug noch im Hotel oder der Kabine – und beim einzigen Tor durch den Fürther Auer gratulierten nur seine Klubkameraden. Da es noch keinen Trainer gab, konnte sie niemand zur Harmonie verpflichten. Erst Wochen später sprachen sie auf einem Bankett wieder miteinander.