Herthas Ex-Trainer

Unser Lulu! - Lucien Favre und seine Berliner Fans

Bester Saisonstart seit 16 Jahren: Herthas Ex-Coach Lucien Favre feiert Erfolge mit Mönchengladbach – und wird dafür auch in Berlin geliebt.

Ein Mann steht vor der Leinwand, in seiner Hand ein Bierglas. Versonnen blickt er drein, nicht ganz klar ist, ob es die Wirkung des Alkohols ist oder die des Spiels, das vor seinen Augen gerade zu Ende gegangen ist. Jedenfalls ruft der Mann schwärmerisch: "Unser Lulu!" Er ist Berliner, aber im Herzen Borusse. Im "Spree-Eck" in Charlottenburg, wo er und die Seinen sich zu jedem Spiel ihrer Mönchengladbacher versammeln, haben sie sich lange nicht mehr so freuen dürfen wie dieser Tage - und Lulu, der bürgerlich Lucien Favre heißt, ist der Mann, der ihnen den schönen Fußball beschert.

Nicht nur, dass Wolfsburg 4:1 geschlagen wurde; es ist das Wie. Vielleicht präsentiert die Borussia ihrem anspruchsvollen Publikum unter Favre den schönsten Fußball seit den Tagen der legendären "Fohlen"-Elf in den 70ern. Fakt ist, dass Mönchengladbach mit zwei Siegen - darunter ein 1:0 beim FC Bayern - und einem Unentschieden den besten Saisonstart seit 16 Jahren feiert.

In Berlin staunt man über diesen Erfolg weniger als überall sonst im Land - Mönchengladbach inklusive. Denn obwohl Favres Abschied von Hertha BSC nun eineinhalb Jahre her ist, ist er nur für wenige der Schuldige am Niedergang 2009/10. Aber für viele auch in nun fremden Diensten weiter "unser Lulu". Dieser Tage mehr denn je. Das Spiel der Borussia erinnert sie an jenes von Hertha der Spielzeit 2008/09. Modern, klug, phasenweise mitreißend spielte Hertha, ließ Meisterträume reifen und wurde schlussendlich fabelhafter Vierter.

Favres Vorstellung vom Fußball orientiert sich am Ideal. An Arsenal oder Barcelona. Pep Guardiola, sagt er, ist der gegenwärtig Beste der Trainerzunft. Wenig dahinter folgt Arsene Wenger, bei dem Favre einst hospitierte. Jose Mourinho? Erfolgreich, ja. Aber: Keine Manieren! Unattraktiv ist sein Fußball obendrein, findet Favre.

Schwächen abseits der reinen Trainingslehre lassen Favre wohl niemals für Arsenal oder Barca in Frage kommen lassen werden. Aber stundenlang kann er darüber referieren, mittels welcher Details sich nahezu ein jeder Fußballer jeden Tag ein kleines Stückchen besser machen lässt. Worüber Jürgen Klinsmann einst nur plauderte, vollführt Favre auf dem Übungsgelände. Josip Simunic belehrte er hartnäckig, wie sich durch eine veränderte Armhaltung mehr Präzision in den so wichtigen Aufbaupass bringen lässt. Die ungläubigen Blicke des erfahrenen Kroaten kümmerten ihn nicht. Auch nicht jene von Marko Pantelic. Dem Serben, der ein feiner Torjäger ist, erklärte er, wie weniger Rücklage beim Schuss zu mehr Druck auf den Ball führt.

Ebenso wenig hat pure Zauberei aus Mönchengladbach ein Bollwerk gemacht. 47 Tore gestatteten Dante und Kollegen noch in der vergangenen Hinrunde der Gegnerschaft. In jetzt 17 Spielen unter Favre waren es deren zwölf. Und nur ein einziges Mal, in seinem zweiten Spiel an der Seitenlinie, durfte mit Wolfsburg ein Rivale binnen 90 Minuten zweimal jubeln.

Niederlagenserie kostete den Job

Wahrscheinlich gehört Mönchengladbach in dieser Saison über kurz oder lang genauso wenig an die Tabellenspitze, wie Hertha es seinerzeit getan hat. Aber ganz bestimmt ist Favre dort ein paar Monate später zuletzt an fachlichen Defiziten gescheitert. Schnell musste es gehen, damals, als Arne Friedrich und Co. aus sechs Spielen nur drei Punkte holen mochten. Atmosphärische Störungen machten Favre den Garaus. Wenngleich fachlich alles begründbar war, so hatte er die zwischenmenschlichen Verwirbelungen unterschätzt, die seine Maßnahmen hervorriefen. "Es bleibt immer etwas hängen", machte etwa Kapitän Friedrich auch öffentlich keinen Hehl daraus, dass er Favre eine zum Wohle der Mannschaft getroffene Entscheidung persönlich über das Saisonende nachhielt.

Manager Michael Preetz führte das zum Entschluss, dass nur mit einem anderen Trainer die Klasse zu halten (und sein Job zu sichern) sei. Er holte Friedhelm Funkel, der als Trainer nicht weniger als das komplette Gegenteil des Tüftlers Favre ist - ein grandioser Irrtum, der berechtigt im Abstieg mündete.

Preetz ist noch immer da, aber nichts ist geblieben von Favres Aufbauarbeit, der Fußball unter Markus Babbel ein gänzlich anderer. Umso größer ist die Sehnsucht vieler Hertha-Fans nach einem wie Favre. Der eine Ansammlung mittelmäßig talentierter Kicker zu einem funktionierenden Ganzen gemacht hat. Zu einer Einheit. Aus der Spieler herausragen, wie Favre sie liebt. Reus, ter Stegen: jung, entwicklungsfähig, formbar. Reus hätte Favre einst schon gern nach Berlin geholt, in Mönchengladbach retteten seine Tore die Borussia vor dem Abstieg.

Mausetot lag die Mannschaft zur Mitte der vergangenen Rückrunde am Tabellenende. Favre schien zu bestätigen, dass er vieles, aber gewiss kein Retter ist. Kein so genannter Feuerwehrmann. Aber Favre, der in Berlin noch ein Zauderer war, hat sich in seiner unfreiwilligen Auszeit weiterentwickelt. Hat gelernt, dass Ruhe und das Vorleben des festen Glaubens an die eigene Stärke für einen Trainer das Wichtigste überhaupt ist. "Wir schaffen das, wir geben nicht auf", sagte er zwischen Februar und Mai einem jeden, der vom Gegenteil überzeugt war. Und schaffte es schlussendlich, in der Relegation, diesem Spiel der Nerven. Gegen Funkel. Ein Freudenfest für jeden Hertha-Fan. Seitdem lieben sie den "Lulu" umso mehr.

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