Gladbach-Torwart

Ter Stegen – Ehrgeizig wie Kahn, spielstark wie Neuer

Er ist erst 19 Jahre alt und hat nur neun Bundesligaspiele bestritten. Trotzdem wird Gladbachs Keeper ter Stegen bereits mit den Großen der Branche verglichen.

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty

Es war so ein Abend, an dem du als Torhüter keinen Blumentopf gewinnen kannst. Marc-André ter Stegen, 19, würde das zwar nie so sagen. Immerhin hatte seine Borussia gesiegt, 4:1 gegen Wolfsburg , Was zählen da schon eigene Meriten, die er diesmal nicht sammelte?

Er war machtlos beim 1:0 der Wolfsburger und danach nahezu beschäftigungslos, weil die Seinen wirbelten als sei es ein Trainingsspielchen. Wahrscheinlich hätte ter Stegen dabei noch mehr zu tun bekommen. So aber war nur noch eine hübsche Parade kurz vor Ende der Partie zu notieren.

„Das sind undankbare Spiele für einen Keeper“, sagt Jean-Marie Pfaff, der einstige Bayern-Torhüter. „Wenn du die Konzentration hochhalten musst, falls doch mal einer vor dein Tor kommt.“ Das sei ein Kriterium, an dem man das Potenzial eines Torhüters erkennen könne. „Und der Mann mit den vielen Namen“, sagt Pfaff über Marc-André ter Stegen, „der kann mal ein Großer werden.“

Neun Bundesligaspiele hat ter Stegen erst absolviert, dazu die zwei Partien in der Relegation gegen Bochum . Dass Mönchengladbach in dieser Saison überhaupt noch erstklassig ist, mag vordergründig an Lucien Favre liegen, den Trainer, den die Gladbacher in höchster Abstiegsnot im Februar holten.

Doch mit Favre kam auch die Zeit von ter Stegen und mit ihm der Klassenerhalt. „Traumdebüt“ hieß es nach ter Stegens Einstand beim 5:1 Anfang April in Köln. Ausgerechnet das Derby, „das war kein Risiko, ihn zu bringen“, sagt Favre, „wer nicht gesehen hat, dass er ein richtig Guter ist, der ist blind.“

Seit ter Stegen im Tor steht, hat Gladbach nie mehr als ein Gegentreffer kassiert. Diese Kausalität würde er nie öffentlich propagieren. Ter Stegen sagt wir, wenn er über seine Ambitionen redet, es sind die der Borussia. „Wir haben alle dasselbe Ziel“, sagt er, „nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun haben.“

Ein wenig bescheiden klingt das nach dem fast schon wundersamen Saisoneinstand mit sieben Punkten aus drei Spielen. Doch die vergangenen Monate haben die Gladbacher Demut gelehrt.

Ter Stegen war in dieser Zeit des Zitterns und Bangens eine überaus verlässliche Konstante. „Mini-Kahn“, „neuer Neuer“ und selbst “little van der Sar“ wurde er schon genannt. Er schmunzelt, wenn er das hört. „Das ist alles nett gemeint, aber ich bin ich“, pflegt er auf solche Vergleiche mit den Großen der Branche zu antworten.

Sein Ehrgeiz mag dem von Kahn gleichen, seine Spielweise aber ähnelt der von Neuer und van der Sar, den Verfechtern der modernen Torwartschule, die ihre Profession nicht nur im Toreverhindern sehen, sondern auch in der Spieleröffnung. „Er ist ein guter Fußballer“, lobt Favre.

Ruhe und Ausstrahlung

Das Erstaunliche jedoch ist seine Präsenz, seine Ruhe, seine Ausstrahlung. Ein 19-Jähriger der die Ü30-Fraktion der Gladbacher Abwehr um Kapitän Filip Daems, 32, dirigiert. „Marc hat uns schon Spiele gewonnen“, sagt Daems. „Ich habe noch keinen gesehen, der in seinem Alter so weit war.“

Alles, was Rang und Namen hat, hat ter Stegen in den vergangenen Monaten gepriesen. „Marc ist das beste Beispiel für die neue, glänzend ausgebildete Keeper-Generation“, lobt etwa Bundestorwarttrainer Andreas Köpke. Und Bayerns Jupp Heynckes prophezeite ihm jüngst gar: „Früher oder später ist er die Nummer zwei in Deutschland hinter Manuel Neuer“.

Wenn ter Stegen über diese Komplimente reden soll, hält er kurz inne. Es ist nicht so, dass ihm all die Statements egal sind. Aber er redet nicht gern über sich, und die kollektive Lobhudelei ist ihm suspekt. „Es ist schön das Jupp Heynckes das sagt. Aber das ist nicht relevant für mich“, sagt er. Er wisse das einzuordnen. „Ich stehe erst am Anfang“, es müssten noch viel mehr dieser Spiele wie in München folgen. Und überhaupt, „ich habe noch viel Arbeit vor mir“. Das sind typische Antworten des 19-Jährigen. Sie haben oft etwas Abgeklärtes.

Ter Stegen wirkt erwachsener als er ist, unüberlegte Äußerungen in der Öffentlichkeit gibt es von ihm selten. Das wissen sie auch in der Pressestelle der Mönchengladbacher. Selbst in seinen Debütwochen hatten sie ihm keinen Maulkorb verpasst, wie es sonst in der Branche oft mit hochtalentierten Neulingen praktiziert wird. Warum auch?, sagen sie in Gladbach.

Ter Stegen ist der Marke Borussia zuträglich. Einer mit exzellenter Leistung, der authentisch plaudert, ohne Brisantes preiszugeben. Er ist sowieso kein Typ für Eskapaden. Sein Fachabitur hat er in der Tasche, er konzentriert sich auf seine sportliche Karriere. „Ich lebe meinen Traum, sagt er. „Ein Leben, wie es mir Spaß macht.“ Fußball, seine Familie und enge Freunde, das sind seine Eckpfeiler. Er mache all das, was man eben macht, wenn man jung ist.

„Nur Partys sind nicht meins.“ Alkohol auch nicht. Die geschaffte Relegation hat er mit Cola begossen. Dass sie ihn in Gladbach mittlerweile auf der Straße erkennen, das genießt er. Ein Foto, ein Autogramm, alles kein Problem. Seit ter Stegen im Tor steht, ist der Absatz an Torwarttrikots extrem gestiegen. „Er ist einer von uns“, sagen sie im Borussia-Shop am Stadion.

Seit 15 Jahren spielt ter Stegen für die Borussia, er ist derjenige, der am längsten im Verein ist, ein Urgestein mit 19. Als er vier war, meldete ihn sein Opa an. Dass er beim ersten Training gleich munter ins eigene Tor schoss, war der damals noch mangelnden Orientierung zuzuschreiben.

Was dann folgte, war eine Karriere als Stürmer, die allerdings schon in der E-Jugend endete. Sein Laufstil wurde als ein wenig krumm befunden, ter Stegen stand fortan im Tor. Seitdem hat er so ziemlich jede U-Auswahl des DFB durchlaufen, wurde U17-Europameister, erhielt Ehrungen und Auszeichnungen. Seinen ersten Profivertrag musste noch seine Mutter mit unterschreiben, ter Stegen war erst 17, der Kontrakt läuft bis 2014. Ob ihn seine Gier nach Erfolgen auch zu einem anderen Verein treiben könnte?

„Das weiß ich jetzt noch nicht. Aber für mich ist momentan relativ unwichtig, was in den nächsten Jahren passiert. Mir liegt die Borussia sehr am Herzen.“ Und die Nationalmannschaft? „Für mich ist das erst einmal weniger ein Thema.“ Sagt er. Doch ter Stegen ist keiner, der alles auf sich zukommen lässt. Er hat Ziele und einen Karriereplan. Wie der genau aussieht, das will er nicht öffentlich machen. Nur so viel: „Ich bin im Soll.“