Weltmeister-Trainer

Joachim Löw hat wohl noch lange nicht fertig

Joachim Löw genießt den Triumph und scheint Lust auf mehr zu haben. Er deutete an, dass er seinen Weg mit dem Team nicht als beendet ansieht - wie vor der WM für den Titelfall spekuliert wurde.

Foto: Matthias Schrader / AP

Joachim Löw schritt über den Rasen des Maracana, die Hände tief in den Hosentaschen. Gut 50 Meter hinter seinem Rücken wischten sich seine Spieler gerade vor der Kurve der deutschen Fans die Freudentränen aus den Gesichtern. Durch die Stadionlautsprecher dröhnte „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen, über der Arena knallte buntes Feuerwerk – und Löw lief allein über den Rasen.

Er ging langsam zu einer schwarzen Truhe vor seiner Trainerbank. Auf ihr stand eine Wasserflasche, Löw schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck. Dann schaute er hoch zur Tribüne, wo die Weltpresse und die Prominenz saß und eben noch gebannt verfolgt hatten, wie die deutsche Nationalmannschaft 120 Minuten lang in einem denkwürdigen WM-Finale mit den Argentiniern um den Titel rang und am Ende den Sieg mit 1:0 (0:0) erzwang. In diesem Moment muss ihn ein Gefühl der völligen Genugtuung überkommen haben. Er konnte es nun nicht mehr unterdrücken: Löw ballte die Faust und riss sie hoch in den Himmel. Eine Siegerpose, wie man sie selten zuvor gesehen hat beim 54-Jährigen.

Er umarmt alle Spieler und Frauen

Jene Szene spielte sich abseits des Freudentaumels der neuen Weltmeister ab. Löw ging es auch nicht um diese. Die Faust, sie war schnell wieder in der Hosentasche verschwunden, und während seine Spieler vor der Kurve sangen und tanzten, ging Löw zu ihren Frauen und Freundinnen, die hinter der Trainerbank warteten, und bedankte sich mit einer Umarmung bei jeder einzelnen von ihnen.

Schon nach dem Abpfiff war er zu seinen Spielern gelaufen, hatte den weinenden Bastian Schweinsteiger an seine Brust gedrückt und seine Assistenten Hansi Flick und Andreas Köpke umarmt. Im Moment seines größten Triumphes gönnte sich der Bundestrainer keine großen Inszenierungen. Er genoss ihn nicht allein, sondern mit den Menschen, die ihn auf seinem Weg begleitet hatten.

Aufgerückt in die Ahnengalerie

Schon einmal lief ein Weltmeister-Trainer im Augenblick seines größten Triumphes abseits des Getümmels: 1990 flanierte Franz Beckenbauer über den Rasen des Stadio Olimpico von Rom. 1:0 hieß auch damals das Ergebnis für Deutschland gegen Argentinien im WM-Finale. Beckenbauer zelebrierte den Moment allein und in Gedanken. Dieses Bild ist zur Ikone des deutschen Fußballs geworden. Es stand lange für die letzte goldene Ära der DFB-Elf. Aber es hat sich immer mehr auch zu einem Gespenst für Löw entwickelt. Es illustrierte, was die Republik auch von ihm verlangte: Es Beckenbauer gleichzutun und Deutschland wieder zum Weltmeister-Titel zu führen.

Mit seinem Final-Erfolg gegen Argentinien im Maracana – exakt 24 Jahre und fünf Tage nach der magischen Nacht von Rom – hat Löw nun die Lücke zu Beckenbauer geschossen. Er ist aufgerückt in die Ahnengalerie der drei deutschen Weltmeistertrainer vor ihm und steht nun in einer Reihe mit Sepp Herberger (1954), Helmut Schön (1974) und Beckenbauer. „Zuerst kann man das gar nicht realisieren“, sagte Löw auf der Pressekonferenz nach dem Finale, doch seine Worte wollten nicht so recht zu seinem ernsten Gesichtsausdruck passen. „Dieses tiefe Glücksgefühl wird für alle Ewigkeit bleiben.“ Anstatt über sich und seine Genugtuung zu sprechen, nahm Löw das Spiel in all seine Einzelteile auseinander, referierte über den guten Matchplan der Argentinier und erklärte, warum sich seine Mannschaft lange Zeit so schwer getan habe.

Auf der Pressekonferenz von Rom vor 24 Jahren hatte ein amerikanischer Journalist Beckenbauer die letzte Frage gestellt: Es war eine nach der Zukunft des deutschen Fußballs gestellt – nun, da ja nach der Wiedervereinigung auch noch all die Talente aus dem Osten zur Mannschaft dazu stoßen würden. Beckenbauer hatte sich triumphierend zu der Aussagen hinreißen lassen: „Das tut mir leid für den Rest der Welt, aber die deutsche Mannschaft wird für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein.“ Es war eine fatale Fehleinschätzung.

Von diesem Hochmut war bei Löw nichts zu hören. Der gelernte Großhandelskaufmann aus Schönau im Schwarzwald blieb auch im Moment des Triumphes ein Mann, der große Gesten und große Worte meidet. Dabei hätte er Grund gehabt, sich zu inszenieren und seine eigene Leistung hervorzuheben. Denn dass er tatsächlich noch erreichen würde, was man ihm abverlangte, das hatte ihm nicht mehr jeder zugetraut.

Vor acht Jahren hatte Joachim Löw seine Titelmission als Chefcoach begonnen, als er das Amt des Bundestrainers von Jürgen Klinsmann übernahm, mit dem er als Assistent das Sommermärchen bei der Heim-WM 2006 erlebte. Drei Mal hatte er seine Mannschaft dicht herangeführt an einen Titelgewinn. Drei Mal war er gescheitert. Das verlorene EM-Finale gegen Spanien 2008 verzieh man ihm noch, weil seine Mannschaft noch nicht titelreif war, und die Spanier eine Klasse für sich. Als bei der WM 2010 im Halbfinale erneut gegen die Spanier das Aus kam, galt er dennoch als Erneuerer, weil sein junges Team einen erfrischenden Fußball zeigte.

Kollektive Skepsis vor der WM

Doch die Niederlage im Halbfinale der EM 2012 gegen Italien verzieh man ihm nicht mehr, weil er sich in dieser einen Partie mit der Aufstellung vertan hatte. Während des Spiels tatenlos mit ansah, wie seine Mannschaft unterging und Deutschland – so die öffentliche Wahrnehmung – fahrlässig um den ersehnten Titel gebracht hatte. Dieses Spiel blieb an Löw kleben wie Kaugummi an einer Schuhsohle mit Profil. Es sorgte für ein Misstrauen ihm gegenüber, das sich bis weit hinein in die WM in Brasilien zog. Löw war von den Kritikern nunmehr zum Schönling mit der Vorliebe für schöne Dinge reduziert, der aber immer dann versagt, wenn es darauf ankommt.

Das Resultat der kollektiven Skepsis waren Debatten über Löws Kader-Zusammenstellung mit nur einem echten Stürmer (Miroslav Klose) und die Position von Kapitän Philipp Lahm im Mittelfeld. Einen durchdachten Plan zum Titelgewinn traute man Löw nicht zu.

Dass er diesen hatte, belegt ein vertrauliches Gespräch, dass der ARD-Kommentator Tom Bartels vor dem Turnier mit Löw führte: Löw habe ihm vor mehr als fünf Wochen prophezeit, dass Lahm nur solange im Mittelfeld spielen werde, bis Schweinsteiger und Sami Khedira endgültig fit würden, erzählte Bartels kurz vor dem Finale in einem Interview. Löw habe ihm gesagt, dass Klose ab dem Zeitpunkt im Sturm gesetzt sein werde, ab dem der 36-Jährige einhundertprozentig belastbar sei. Beides trat so ein.

Kein Wort darüber aber von Löw nach dem Titelgewinn. Er blickte lieber noch einmal zurück. Der WM-Triumph sei ein Langzeitprojekt gewesen. Die große Stärke seiner Mannschaft sei, dass sie sich über Jahre kontinuierlich gesteigert habe, und sich nicht von Rückschlägen hat abbringen lassen von ihrem Weg. „Wir wusste, dass Champions irgendwann den letzten Schritt machen und die Sache zu Ende bringen würden“, sagte Löw. Wenn es ein Team verdient habe, den WM-Titel zu gewinnen, dann dieses.

Bis 2016 mit neuem Assistenten

Vor der WM wurde spekuliert, ob Löw im Falle des Titels zurücktreten werde, weil er erreicht habe, was er sich vorgenommen hatte. Nun aber deutete Löw an, dass er seinen Weg mit dieser Mannschaft nicht als beendet ansieht: „Dieser Titel wird uns für die Zukunft einen Schub geben. Wir haben Spieler, die noch sehr jung sind: Mario Götze, Mesut Özil, Marco Reus, Toni Kroos“, sagte Löw – es klang nach Lust auf mehr. Sein Vertrag beim DFB läuft bis 2016. Konkret über seine Zukunft aber wollte sich Löw nicht äußern. Er werde „erst einmal mit dem Präsidenten sprechen“, betonte der Bundestrainer. Dieser geht fest von einer weiteren Zusammenarbeit aus. „Er wird auch in zwei Jahren Trainer sein“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Ob er sich da auch ganz sicher sei, wurde Niersbach gefragt. Seine Antwort: „Ja!“

Um Löw herum würde sich nur eine Personalie ändern: Assistent Flick wird neuer Sportdirektor des DFB und muss ersetzt werden. Teammanager Oliver Bierhoff dagegen gedenkt, weiter zu machen, „und wie ich Jogi die letzten Tage und Wochen gesehen habe, gehe ich auch bei ihm davon aus“, sagte Bierhoff.

Löw hat geschafft, was vor ihm noch niemandem gelang: Er führte eine europäische Mannschaft auf einem amerikanischen Kontinent zum WM-Titel. Nun könnte er ein ähnlich exklusives Ziel verfolgen: den Gewinn der EM 2016 in Frankreich. Den WM- und den EM-Titel zu gewinnen, gelang bisher nur zwei Trainern: dem Spanier Vicente del Bosque (2010 und 2012) und Helmut Schön (1972 und 1974). In einer Reihe mit ihm steht Löw aber schon jetzt.