Mein Brasilien

Brasilianischer Valentinstag kapituliert vor dem Fußball

Morgenpost-Reporter Jörn Meyn berichtet aus Brasilien über die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 - und wie es ihm dort ergeht. Seine Beobachtung: Am Zuckerhut ist der Fußball stärker als die Liebe.

Foto: Pedro Kirilos / dpa-tmn

Der Fußball ist weiblich. Zumindest in Brasilien. Der 2004 verstorbene brasilianische Journalist und Autor Haroldo Maranhão hat in seinem „Fußball-Lexikon“ aufgelistet, dass die Brasilianer insgesamt 37 Synonyme für den Ball – „a bola“ auf Portugiesisch – kennen. Darunter finden sich eine Reihe liebevolle Bezeichnungen: „Junge Frau“ zum Beispiel, oder „Mädchen“ und „Gefährtin“. Ein bisschen plumperer gibt es auch wie „Puppe“, „Dicke“ oder „Baby“. Und dann wäre da noch die ganz sehnsüchtige Variante: „Umworbene“.

Liebe und Fußball, das gehört in Brasilien also irgendwie zusammen. Wäre da nicht eine terminliche Überschneidung. Denn als die Selecão, das brasilianische Nationalteam, am Donnerstag das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Kroatien bestritt, hatten viele Brasilianer ein dickes Problem. Der 12. Juni nämlich ist hier der „Dia dos Namorados“, der Tag der Verliebten, den man bei uns zu Hause Valentinstag nennt und am 14. Februar feiert. Im nüchternen Deutschland mag man sich vielleicht mit einem Strauch Rosen und ein paar billigen Pralinen aus der Affäre ziehen können. Aber hier nehmen vor allem die Frauen den Tag der Verliebten ziemlich ernst.

Wer es sich nicht mit der Auserwählten verscherzen will, lädt sie am 12. Juni abends zum Essen ein – ganz romantisch natürlich. Passiert das nicht, müssen ein paar grundsätzliche Beziehungsfragen geklärt werden.

Fußball statt Liebe? Geht das gut?

Dumme Sache, dass ausgerechnet am Donnerstagabend ein Großteil der männliche Bevölkerung eigentlich vor dem Fernseher hocken wollte, um zu sehen, wie Neymar und die anderen brasilianischen Ballartisten den Kroaten das Fürchten lehren. Fußball statt Liebe? Geht das gut?

Es musste irgendwie. Man hatte ja versucht, das ganze Dilemma zu vermeiden. Die brasilianische Biermarke „Brahma“ startete vor geraumer Zeit eine Initiative, um den „Dia dos Namorados“ – dieses eine Mal nur – einen Tag nach vorn zu verlegen. „Movimento11“, Bewegung11, hieß das Ganze. Valentinstag am 11. statt am 12. Juni. Und schon wären all die programmierten Beziehungskrisen abgewendet gewesen.

Dafür schaltete „Brahma“ sogar einen TV-Spott, der letztlich aber nur wütende Kommentare der weiblichen Fraktion verursachte. Also blieb alles beim Alten. Wer Fußball gucken wollte, stieß die auserwählten Dame vor den Kopf. Dass dies nicht ganz ungestraft bleiben könnte, muss den Liebesverrätern allerdings klar sein. Denn ein weiteres der 37 Synonyme für den Ball in Brasilien lautet nämlich: „Untreue“.