Die Betreuer und Reservisten der brasilianischen Nationalmannschaft waren vorbereitet, als würden sie zu einer Expedition in die Antarktis aufbrechen. Allesamt trugen sie bis zu den Knien reichende Daunenmäntel, und auch die Spieler auf dem Rasen schützten sich mit Handschuhen vor der bitteren Kälte. Die Temperatur in Johannesburg fiel pünktlich zur Premiere der Südamerikaner erstmals bei dieser WM unter den Nullpunkt – ähnlich verhielt es sich über weite Strecken der ungleichen Partie gegen Nordkorea (2:1) mit ihrer Stimmung.

„Es ist klar: Wir wollen in den nächsten Spielen besser spielen und mehr Tore schießen“, sagte Brasiliens Trainer Dunga. „Das erste Spiel ist immer schwierig, da ist auch immer viel Nervosität dabei und Anspannung.“

Am Ende feierten die Südamerikaner vor 54.331 Zuschauern in der „Kühltruhe“ Ellis Park einen glanzlosen Auftaktsieg. Die Tore erzielten Rechtsverteidiger Maicon vom Champions-League-Sieger Inter Mailand (55. Minute) und Elano (72.) von Galatasaray Istanbul sowie Ji Nun-Nam (89.) für die tapferen Asiaten. „Es ist furchtbar kalt, das macht uns schwer zu schaffen“, klagte Maicon, „das dauert bis man in so eine WM reinkommt.“

Angesichts der Tatsache, dass einer der Topfavoriten, Brasilien, auf einen Außenseiter traf, klangen die Kampfansagen der Asiaten vor dem Duell putzig. „Wir können jeden schlagen. Wir glauben an das Wunder“, hatte Stürmer Jong Tae-Se gesagt und die Einstellung seiner Truppe mit der Mentalität der Deutschen verglichen: „Wir geben niemals auf.“

Son Kwang-Ho, der Vizepräsident des nordkoreanischen Fußballverbandes, kündigte vollmundig an, dass man nach Südafrika gekommen sei, um „die Weltmeisterschaft zu gewinnen.“ Bei so viel Optimismus mochte Kim Jong-Hun nicht den Spielverderber geben. Auf die Frage, ob er daran glaube, Brasilien besiegen zu können, antwortete der Trainer überzeugt: „Im Fußball gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft. Wir können sie mit unserer Taktik schlagen.“

Sein Gegenüber, der frühere Stuttgarter Bundesligaprofi Carlos Dunga, beteiligte sich vor der Partie nicht am verbalen Säbelrasseln. Er warnte dafür, die „große Unbekannte“ dieser WM zu unterschätzen: „Wir werden Nordkorea mit Respekt begegnen und sehr konzentriert an diese Aufgabe herangehen. Die Mannschaft weiß, dass sie an ihr Limit gehen muss.“

Der kleine aus China engagierte nordkoreanische Fanblock im Johannesburger Ellis Park war beim Duell der Asiaten mit Rekord-Weltmeister Brasilien die große Attraktion. Etwa 50 Personen im roten Einheitslook, allesamt Männer mittleren Alters, hatten sich auf der Haupttribüne versammelt und unterstützten die Chollimas nach strenger Vorgabe eines finster dreinblickenden Animateurs. Mit Nordkorea-Fähnchen, Mützen und roten Shirts mit Aufschrift „1966 again“ wurden die Fans immer wieder aufgefordert, jubelnd aufzuspringen, obwohl sich auf dem Feld noch überhaupt nichts tat.

Mit dem Anpfiff in Johannesburg wuchs nicht nur der Druck auf die südamerikanischen Profis, sondern auch auf Dunga. Der Trainer hatte sich am Tag vor dem Spiel einmal mehr mit den brasilianischen Medienvertretern angelegt.

Sowohl am Samstag als auch am Sonntag sperrte der 46-Jährige die mitgereisten Reporter vom Training aus. Damit reagierte er vergrätzt auf die harsche Kritik an seiner für brasilianische Verhältnisse so defensiv geprägten Ausrichtung. „Ich werde von morgens bis abends verfolgt. Und wenn ich antworte, dann heißt es, ich sei barsch“, so Dunga, der Journalisten zurief: „Sie haben jeden Tag 24 Stunden Zeit, auf mich einzuhauen.“ Erfüllt Brasilien die Erwartungen nicht, dürfte er nach der WM arbeitslos sein.

Was Kim Jong-Hun mit „unserer Taktik“ meinte, wurde sehr schnell deutlich. Der Trainer der Nordkoreaner hatte eigens für das Duell mit dem Spitzenreiter der Fifa-Weltrangliste eine neue Defensivform einstudiert: die Fünferkette. Drei Spieler riegelten das Zentrum ab, jeweils einer die linke sowie die rechte Seite. Davor verteidigte eine weitere Dreierreihe. In der Spitze war Jong Tae-Se als Alleinunterhalter unterwegs, Kapitän Hong Yong-Jo fungierte als Bindeglied zwischen Abwehr und – wenn man es so nennen will – Angriff.

Den Brasilianern blieb nichts übrig, als sich auf ein Geduldspiel einzulassen. Sie ließen fleißig den Ball laufen, suchten unentwegt nach Räumen. Vor allem die Flügelspieler Robinho und Elano bemühten sich um Kreativität, wurden jedoch nicht belohnt. Zur Pause verzeichnete der Favorit 66 Prozent Ballbesitz, aber kein Tor.

Dunga hielt seine Halbzeitansprache kurz und knapp. Der Trainer kehrte einige Minuten vor seinem Team aus der Kabine zurück und nahm am Spielfeldrand Platz. Was immer er gesagt haben mag, es erzielte die erhoffte Wirkung. Die Südamerikaner wirbelten die Abwehr des Außenseiters auseinander und wurden zehn Minuten nach Wiederbeginn belohnt. Maicon narrte Keeper Ri Myong-Guk und drosch den Ball fast von der Torauslinie ins lange Eck. Die Gegenwehr der Nordkoreaner war gebrochen, die Brasilianer nutzten das. Nach Pass von Robinho sorgte Elano für die Entscheidung, ehe Ji Yun-Nam verkürzte, als die Brasilianer ihren Sieg abgehakt hatten.

dpa/fb