Ihre Kewhrwoche ist den Schwaben heilig. Es handelt sich dabei um eine bittere Pflicht, in jedem Mehrfamilienhaus wird jede Woche das Treppenhaus nass gewischt und der Flur gefegt, jeder Mieter ist abwechselnd an der Reihe, und keiner tut diesen Frondienst freiwillig – man muss dazu schon ein verdammt disziplinierter Schwabe sein.

Oder Carlos Dunga.

Wir waren bei ihm daheim, damals, in seiner Stuttgarter Zeit Mitte der Neunziger. Bei Kuchen und Cafe do Brasil hat er über Gott, die Welt und das Fußballerleben erzählt – ja, und irgendwann ist uns dann diese Frage herausgerutscht: „Wie hält es ein Brasilianer mit der schwäbischen Kehrwoche?“

Dunga hat kurz das Gesicht verzogen und im Zuge eines mitfühlenden Seitenblicks auf seine Frau Evanir, Tochter Gabriela und Sohn Bruno ein paar Anlaufschwierigkeiten eingeräumt, aber schon im nächsten Moment hätte er am liebsten zu Wassereimer und Schrubber gegriffen und uns vorgemacht, wie er hinlangen kann – von wegen leichtlebiger Zuckerhut-Zauberer und lockerer Samba-Tänzer.

„Das ist“, hat er gesagt, „wie mit der taktischen Disziplin in der Bundesliga – ich komme gut mit ihr klar.“

Warum wir die Geschichte erzählen? Weil der Fußball erklärt werden muss, den der Trainer Carlos Dunga seine Brasilianer bei dieser Weltmeisterschaftsendrunde spielen lässt. Das war neulich ein harter Abend im Ellis Park in Johannesburg. Schlotternd sind 53.331 dick Vermummte auf der Tribüne gehockt, eingepackt in Kapuzenpullover und windfeste Überlebensjacken, doch der größte Kälteschock war der WM-Auftakt der Kaká und Co. beim dürren Sieg gegen Nordkorea: Kühlschrankfußball – gefühlte zehn Grad unter null.

„Brasilien“, schimpft jedenfalls Carlos Alberto, der Weltmeisterkapitän von 1970, „spielt nicht mehr brasilianisch.“

Brasilien spielt nur noch, um zu gewinnen. Robinho ist in Dungas Mannschaft der letzte Ballstreichler. Ein Übersteiger hier, ein Kunststückchen da, und Ende des Zaubers. Die ersten Fans pfeifen. Wer aus dem Schlaraffenland von Pelé und Garrincha kommt und später verwöhnt worden ist von Rivelino und Zico oder Ronaldo und Ronaldinho, der will mehr. Aber Kaká ist noch nicht in Form, und die übrigen Künstler hat Dunga daheim gelassen. Auch Diego. Aber vor allem Ronaldinho. Der ist am Ball immer noch zum Zungeschnalzen, aber Dunga pfeift auf ihn.

Wie tickt dieser Trainer?

Die Stuttgarter, wie gesagt, wissen es. Er war ihr letzter Weltmeister, anno 1994, als Kapitän der Brasilianer. Zu der Zeit war er auch das Hirn des VfB, und unvergesslich bleibt sein allererstes Spiel, als Dunga gegen Borussia Dortmund kam, sah und schoss. Erst traf er aus 40 Metern den Pfosten, mit dem nächsten Gewaltschuss ins Tor, und hinterher sagte er: „Ich wollte nur mal sehen, wie der Ball fliegt und wie der Torwart ist.“

Auch bei seinem Debüt als Nationaltrainer, nach der verhunzten Weltmeisterschaft 2006 (0:1 im Viertelfinale gegen Frankreich), wollte er nur mal sehen, wie und ob Ronaldo, Adriano und Ronaldinho sich noch bewegen – und dann hat er die schlampigen Genies aussortiert. Heldenschändung? Für Dunga war es eher der Mut zum Notwendigen, sein Paragraf 1 heißt: „Wer für Brasilien spielt, muss mit dem Willen und der Hingabe auftreten, die ich als Spieler gezeigt habe.“

Womit die Messlatte hoch liegt. Dunga war in 91 Länderspielen ein Ärmelhochkrempler. Einstellung eins a. Vor der Abwehr hat er als Staubsauger alles weggefegt, die Räume eng gemacht, die Löcher gestopft, sich die Lunge aus dem Leib gerannt und das Spiel nach vorne sortiert. Er war Schaltstation und Strippenzieher, die einen nannten ihn „Chef“, die anderen „Schreier“ – und wenn man alle Fähigkeiten Dungas zusammenfasst und seine brasilianische Ballkultur mit dem strategischen Ordnungssinn und seinen sonstigen deutschen Tugenden verknüpft, kommt unter dem Strich eine Mixtur heraus, die sich ziemlich genau mit der seines exakten Namens deckt: Carlos Caetano Bledorn Verri.

Bledorn – so hieß Dungas Großmutter, eine nach Rio Grande do Sul ausgewanderte Deutsche. Aber dass die Brasilianer ihn „den Deutschen“ nennen, liegt auch an seinen engsten Verbündeten im Team, die in puncto taktischer Disziplin so bundesligagestählt sind wie er: Co-Trainer Jorginho und Kapitän Lucio. Auch der Alt-Bayer ist eher Kämpe als Zauberer, aber als solcher ist er auch nicht verlangt. Stürmer Luis Fabiano nach dem Korea-Krieg am Dienstag (1:2): „Wenn wir hässlich spielen müssen, um zu siegen, tun wir es – denn ums Siegen geht es.“

Kommt Dunga durch – oder zünden die Fans nach der WM auf den Straßen in Rio und São Paulo Strohpuppen an, auf denen sein Name steht?

Die brasilianische Fußballseele ist vor dem heutigen Spiel gegen die Elfenbeinküste (20.30 Uhr, ARD und Sky live) noch gespalten. Die einen trösten sich mit den Ergebnissen, die durchaus erfreulich sind – doch unter den Fundamentalisten und Anhängern des alten Sambafußballs wächst die Angst, dass dieser Trainer mit seinem Hang zur Disziplin der früher so virtuos zaubernden „Selecao“ die Identität rauben könnte. Vor allem Pelé, der König aller Künstler, hat schon den Spieler Dunga für seine Interpretation des Fußballs oft hart kritisiert – worauf der Attackierte sich kurz und humorlos mit der Grätsche erkenntlich zeigte: „Pelé? Der hat früher doch alles mit den Füßen erledigt. Wenn sein Kopf gefordert ist – na ja.“

Carlos Dunga geht stramm seines Wegs. Bei der letzten WM sind die Brasilianer in Schönheit gestorben, und das ist mit ihm nicht zu machen – „ich ziehe es vor“, sagt er, „zu gewinnen.“ Auch heute im Soccer City Stadion in Johannesburg, gegen die Elfenbeinküste, abends ab halb neun.

Kalt soll es wieder werden. Sehr kalt sogar.