Die deutsche Nationalelf ist viel gelobt worden bei dieser WM. Für ihren fantastischen Fußball, aber auch für ihre Zurückhaltung und Bescheidenheit mit der sie aufgetreten ist. Das passable Bild hat einen Kratzer bekommen.

Philipp Lahm, der vorübergehend das Kapitänsamt des verletzten Michael Ballack ausüben darf, hat seinen Gedanken freien Lauf gelassen und angekündigt, die Spielführerbinde nach der WM nicht freiwillig abgeben zu wollen. Dass er das sagt, ist sein gutes Recht. Dennoch ist es ein Affront gegen Ballack, der seit Juli 2004 Kapitän der Mannschaft ist und mit dem Lahm – so hat es den Anschein – den Machtkampf sucht.

Wenn er ihn will, stellt sich die Frage, warum er mit diesen Aussagen nicht bis zum Ende der WM gewartet hat? Denn jetzt, kurz vor dem Halbfinale gegen Spanien, liegt der Fokus plötzlich nicht mehr nur auf dem Spiel. Unabhängig davon, dass nach den erfolgreichen Spielen bei der WM zuletzt schon hinter vorgehaltener Hand über ein mögliches Ende des Chefs Ballack in der jungen, deutschen Nationalmannschaft diskutiert worden war.

Von außen betrachtet, ist es unkollegial, was Lahm getan hat. Oder hat er Michael Ballack über sein Ansinnen informiert, bevor sich dieser auf den Weg nach Hause gemacht hat? Es bleibt zu bezweifeln. Als unkollegial könnte man es aber auch gegenüber seinen Kollegen betrachten, mit denen er hier vor Ort um den Finaleinzug kämpft. Oder waren einige von ihnen, vielleicht der Mannschaftsrat, sogar eingeweiht in den Vorstoß von Lahm?

Unkollegial könnte man es auch gegenüber dem Bundestrainer werten, der seit Wochen um Ruhe besorgt ist und nun am Dienstagabend auf der letzten Pressekonferenz vor dem Spanien-Spiel sicherlich vorrangig nur auf dieses Thema angesprochen wird. Immerhin haben die Interviews von Lahm vor der Veröffentlichung der sonst so strengen Zensur des Deutschen Fußball-Bundes standgehalten.

Wenn es Philipp Lahm gelingt, das Team zum WM-Titel zu führen, wird auch Michael Ballack nicht umhin kommen, sich vielleicht die eine oder andere Frage zu stellen. Aber noch hat es Lahm nicht geschafft, weshalb er mit dem Vorstoß ruhig bis zu seinem persönlichen WM-Fazit hätte warten können.