Wenn wir die Fußballwelt mal wie ein großes Mehrfamilienhaus betrachten, dann ist sie am Samstag ziemlich erschüttert worden. Eine fulminant aufspielende deutsche Nationalmannschaft hat in Kapstadt ein Erdbeben ausgelöst und der Konkurrenz einmal mehr mit Nachhalt gezeigt, wie gut der deutsche Fußball derzeit ist.
Er wird zelebriert von einem Team, dessen Trainer eine Spielphilosophie entwickelt und sich dafür Profis ausgesucht hat, die fähig sind, diese auch umzusetzen. Deutschland spielt Fußball. Vorbei sind die Zeiten, als wir hinten erst einmal nur dicht gemacht und vorn – so abfällig es auch klingt – auf den lieben Gott gehofft haben.
Es ist bewundernswert, wie diese Mannschaft spielt. Die Herzen ihrer Mitmenschen in der Heimat hat sie längst erobert, nun aber sorgt sie auch noch für Begeisterung über die Landesgrenzen hinaus. Menschen springen auf und erfreuen sich an den Auftritten der Deutschen. Sind angetan von deren Spielweise – und vielleicht ein wenig vom Charakter des Teams.
Denn es ist bescheiden nach Südafrika gereist und hat die Show den anderen überlassen. Den Brasilianern, die längst daheim sind, aber im Vorfeld der Weltmeisterschaft vollmundig tönten, dass sie den Cup holen würden. Oder Maradonas Argentinier, die sich – obwohl sie eine miserable Qualifikation gespielt hatten – zum selbst ernannten Favoriten aufschwangen.
Die Deutschen sind ohne große Erwartungen angetreten, bedingt durch die Ausfälle einiger Stammspieler und den Fakt, mit einer jungen, unerfahrenen Mannschaft beim Turnier zu sein. Doch diese Zurückhaltung scheint unser großer Vorteil gewesen zu sein. Deshalb sollten wir auch vor dem Halbfinale nicht davon abkehren und unnötig Druck aufbauen. Natürlich ist der WM-Titel nun zum Greifen nah, und die Mannschaft kann ihn holen. Aber wir tun gut daran, sie in Ruhe zu lassen.
Es ist schon viel über die Gründe für den Erfolg diskutiert worden. Ich denke, ein entscheidender Aspekt ist auch der, dass die Spieler noch hungrig sind. Denn die meisten haben doch in der Saison nichts Großes erreicht. Gut, Manuel Neuer ist Zweiter mit Schalke geworden. Aber er hat nichts in der Hand. Genauso wie Lukas Podolski, der in Köln Probleme hatte. Arne Friedrich ist sogar aus der Bundesliga abgestiegen. Die Bayern-Fraktion hat zwar den Meistertitel und den DFB-Pokal gewonnen, konnte sich im Finale der Champions League aber gegen Inter Mailand nicht behaupten. Das hängt ihr sicher noch nach.
Weil die Spieler noch Lust haben, eine lange Saison zu krönen, sind sie deshalb unter anderem in der Lage, solche Leistungen wie gegen Argentinien abzurufen. Bastian Schweinsteiger führte eine deutsche Mannschaft an, die Ball und Gegner hat laufen lassen. Deutschland dominierte das Spiel und stand dazu sicher in der Abwehr. Argentinien schien wie gelähmt und fand kein Mittel, die kompakt stehende deutsche Elf in Gefahr zu bringen. Es war erschreckend anzusehen, wie die Mannschaft von Diego Maradona in Kapstadt gespielt hat. Sie hatte meiner Auffassung nach überhaupt keinen Plan. Es sah so aus, als sei sie auf nichts vorbereitet gewesen. Sie wusste nicht im Ansatz, wie sie diese deutsche Mannschaft in den Griff bekommen und auf sie reagieren sollte. Als sich Lionel Messi dann immer öfter den Ball direkt vor seiner Viererkette abgeholt hat, war klar, da stimmt etwas nicht.
Unsere Mannschaft wusste von der ersten Sekunde an, dass sie diese großartigen argentinischen Individualisten nur im Verbund besiegen kann. Durch unglaubliche mentaler Stärke, taktische Disziplin und beeindruckende Handlungsschnelligkeit hat sie das Spiel gewonnen.
Als Argentiniens Trainer Maradona nichts mehr einfiel und sich seine Spieler immer mehr in Einzelaktionen verloren haben, hat das deutsche Team eiskalt zugeschlagen. Das 2:0 von Miroslav Klose traf den Gegner mitten ins Herz und zerstörte ihren letzten Funken Hoffnung. Jogis Spieler spürten, dieser Gegner ist moralisch besiegt, und sie legten auf Grund ihrer optimalen Fitness sogar noch nach.
Diese Mannschaft gibt einer ganzen Nation nun ein besonderes Gefühl der Stärke, weil sie sich als multikulturelles Team alles gemeinsam erspielt hat, was sich viele von ihnen vorher nicht zugetraut hatten. Dass der deutsche Fußball nach diesen WM-Auftritten mit Worten wie Kreativität, Spielwitz, Spielfreude und Teamgeist ein neues Image weltweit verpasst bekommt, tut uns allen gut.
Ich erhoffe mir sogar eine Signalwirkung in Bezug auf das Erkennen und Ausschöpfen unserer Potenziale in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die unglaubliche Freude wird bei keinem zu einer Verklärung der vor uns liegenden Herausforderungen führen. Wir sind nicht die Größten, wir gehören aber zu den Besten. Gemeinsam sind wir stark und können nur diesen Weg konsequent weitergehen.





