Die Trainer der Bundesliga sind begeistert von den Galavorstellungen der deutschen Nationalmannschaft. Allen voran Felix Magath (56) vom FC Schalke 04. Die Entwicklung des Teams sei unglaublich, schwärmt er.

Morgenpost Online: Was an diesem Viertelfinalsieg der deutschen Nationalelf hat Sie besonders beeindruckt?

Felix Magath: Es war eine ganz souveräne Vorstellung. So gut, so stark, so geschlossen hatte ich die Mannschaft nicht erwartet. Aber hervorheben muss ich die Defensivarbeit, sie war der Schlüssel zum Sieg. Alle haben mitgemacht, dadurch hatte die so gefährliche argentinische Offensive überhaupt keine Chance.

Morgenpost Online: Haben Sie das perfekte Spiel gegen Lionel Messi gesehen?

Magath: Nicht nur gegen Messi. Dass jederzeit alle das Umschalten auf Defensive mitgemacht haben, hat den Unterschied ausgemacht. Gegen diese deutsche Ordnung konnte Messi nicht glänzen, aber auch Tevez und Higuain waren praktisch nicht zu sehen.

Morgenpost Online: Ist Deutschland spätestens jetzt Topfavorit auf den WM-Titel?

Magath: Nach so einem Ergebnis, so einem Auftritt kommt man wohl wirklich nicht umhin zu sagen, dass dieses Team es verdient hat, Weltmeister zu werden. Wie es sich entwickelt hat, das ist unglaublich.

Morgenpost Online: Wie schwer wiegt im Halbfinale der Ausfall von Thomas Müller?

Magath: Keine Frage, er ist ein Aktivposten, der fehlen wird. Dennoch ist diese Truppe so geschlossen und bietet auch personell so manche Möglichkeit, dass ich da keine negative Auswirkung befürchte.

Morgenpost Online: Ist Müller ein Anwärter auf den Titel des besten Turnierspielers?

Magath: Vor der WM hatte auch ich die üblichen Verdächtigen auf dem Zettel. Aber die sind alle schon auf dem Nachhauseweg. Ja, Müller oder auch Mesut Özil gehören jetzt sicher zum Kandidatenkreis.

Morgenpost Online: Was sagen Sie außerdem zu Bastian Schweinsteiger?

Magath: Natürlich, auch er zählt zu den Anwärtern. Er sogar erst recht. Gegen Argentinien war er wieder überragend. Durch seine neue Position ist seine Rolle eine ganz andere geworden, hat er viel mehr Verantwortung. Er arbeitet, kämpft, treibt an. Aber darüber hinaus ist er auch spielerisch gut, wie bei der Vorbereitung des dritten Treffers – weltklasse! Er macht momentan das Optimum aus seinen Möglichkeiten.

Morgenpost Online: Bedauern Sie, dass der Gelsenkirchener Junge Özil nicht mehr das Schalker Trikot trägt?

Magath: Es bringt doch nichts, Entscheidungen der Vergangenheit zu beklagen. Damit muss ich leben. Aus seiner Sicht war der Schritt nach Bremen wichtig und richtig, er hat sich dort klasse entwickelt.

Morgenpost Online: Spricht denn noch irgendwas dafür, dass Joachim Löw nicht Bundestrainer bleibt?

Magath: Das habe ja nicht ich zu entscheiden. Aber, nein, ich kenne keinen Grund, der nicht dafür sprechen sollte.

Morgenpost Online: Der Trend bei dieser WM geht dahin, nach einem Ausscheiden alles in Frage zu stellen, erst recht den Trainer.

Magath: Das ist tatsächlich auffällig. Früher war ein Nationaltrainer eine Institution; damit er gehen musste, musste schon viel schief gehen. Mittlerweile ist es wie bei Vereinstrainern: Ein, zwei gute Jahre zählen nichts mehr nach ein, zwei Niederlagen im falschen Moment.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass auch Maradona gehen muss?

Magath: Einen wirklichen Grund dafür sehe ich nicht, nachdem Argentinien gegen eine überragende deutsche Mannschaft verloren hat. Trotzdem kann ich mir angesichts der beschriebenen Entwicklung vorstellen, dass auch in seinem Fall etwas passieren wird.

Morgenpost Online: Vor dem Viertelfinale war bei fünf südamerikanischen Teams noch von einer „Copa America mit Gästen“ die Rede. Im Halbfinale ist von ihnen nur Uruguay übrig geblieben, stattdessen ist es mit Deutschland, Spanien und den Niederlanden eine verkappte EM. Welche Schlüsse lässt das zu?

Magath: Diese WM zeigt mehr denn je, dass wir uns notorisch schlechter machen, als wir tatsächlich sind. Ja, wir haben nicht die Zauberer wie Brasilien oder Argentinien. Aber das Schöne am Fußball ist, dass es ein Mannschaftssport ist. Die Zauberer gewinnen dir mal ein Spiel, aber über eine längere Strecke hinweg gewinnt immer die bessere Mannschaft. Die Stärke der deutschen Mannschaft ist ihre Disziplin, ihr Zusammenhalt und auch ihr Wille. Und so schlecht herausgespielt waren die Tore gegen England oder jetzt Argentinien teilweise ja auch nicht.