Marcell Jansen hat eine schwere Zeit hinter sich. Der Fußballprofi des Hamburger SV riss sich im März das Syndesmoseband, jenes Gewebe zwischen Schien- und Wadenbein, dessen Beschädigung auch Michael Ballack bis auf weiteres außer Gefecht setzt. „Saisonaus“, titelten die Zeitungen, damals, und auch der Außenverteidiger war geknickt und sah das Thema „Weltmeisterschaft 2010“ als erledigt an. Als die deutsche Mannschaft zwei Monate später ins Trainingslager startete, war Jansen wieder dabei – und absolvierte im vorletzten Testspiel am vergangenen Samstag in Ungarn einen 30-Minuten-Einsatz.
Es gab viele Menschen, die ihm dabei geholfen haben. Seine Familie, Ärzte, die HSV-Physiotherapeuten – und eine Frau, die ihm regelmäßig Hilfreiches ins Ohr säuselte. Eifersucht bei der Freundin ist allerdings fehl am Platz: Der rekonvaleszente Hamburger kennt die Dame nicht, er wird sie auch nie kennenlernen. Sie ist diejenige, die dem neu entwickelten Fitnesssystem ihre Stimme leiht, das Jansen und seine Nationalmannschaftskollegen fit für die WM machen soll.
„Micoach“ heißt es und wurde von Mark Verstegen und seinen Kollegen von Athletes’ Performance erdacht. Der US-amerikanischen Fitnessschmiede vertraut der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seit vier Jahren die Kondition seiner Nationalspieler an. Das System ist recht simpel: Ein Brustgurt nimmt die Herzfrequenz ab, ein Chip im Schuh ermittelt die Schrittfrequenz. Beides wird an ein kleines Gerät übermittelt, das vorher auf ein spezielles Trainingsziel programmiert wurde.
Je nach Bedarf kann regenerativ oder progressiv gearbeitet werden, vier Basisprogramme sind vorgegeben. Besagte Frauenstimme gibt per Kopfhörer vor, was der Sportler zu tun hat. „Sie sagt zum Beispiel: ‚Komm Junge, jetzt mal ein bisschen schneller’ oder ‚Nimm Tempo raus‘“, erzählt Shad Forsythe, neben Verstegen zweiter Entsandter der US-Fitmacher, „allerdings ist ihre Stimme etwas freundlicher als meine.“
Die beiden „Drillsergeants“, wie sie in Spielerkreisen spaßeshalber genannt werden, sind zusammen mit ihrem deutschen Kollegen Oliver Bartlett die Hauptdarsteller der WM-Vorbereitung. In Sizilien und Südtirol haben sie die deutschen Spieler fit gemacht für das wichtigste Ereignis des Jahres.
„Fitness ist ein kleiner Teil im Fußball“, sagt Verstegen, der mit seiner akkurat rasierten Igelfrisur und einem mächtigen Brustkorb seinen Spitznamen wirklich verdient hat, „und mit Fitness gewinnst du Spiele nicht. Aber ohne Fitness verlierst du sie“. Der Amerikaner mag solche Binsenweisheiten, er hat einige in petto. Doch seine Arbeit geht weit über das Banale hinaus. Rannten früher die Spieler einfach Berge rauf und runter, bis sie blau anliefen oder sich erbrachen, ist das Fitnesstraining heute eine hochwissenschaftliche Angelegenheit.
Das Ziel ist der gläserne Profi, dessen Parameter ausgewertet und anschließend optimiert werden wie bei einem Rennauto. Über die gesamte Saison hinweg lassen sich die Konditionstrainer der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes die verschiedenen Fitnesswerte aus den Vereinen der Nationalspieler übermitteln. Da werden per Lichtschranke Sprintzeiten ermittelt, auf Wackelbrettern wird die Koordinationsfähigkeit getestet und auf der Langstrecke die Ausdauer geprüft. Die Daten laufen in den Laptops von Verstegen und seinen Kollegen zusammen. „Auf dieser Basis erarbeiten wir für jeden Spieler ein individuelles Trainingsprogramm und gleichen Defizite aus“, sagt Verstegen.
2006 engagierte Innovator Jürgen Klinsmann die amerikanischen Experten vor der WM. „Wir wollen uns eine eigene Datenbank aufbauen, in der die Werte aller Spieler festgehalten werden, die zum erweiterten Kader gehören“, sagte damals Klinsmanns Assistent Joachim Löw, mittlerweile selbst Steuermann des DFB-Dickschiffs. Der Plan wurde umgesetzt. Nun bereiten Verstegen und Forsythe die Mannschaft bereits zum dritten Mal auf ein großes Turnier vor. „Wir hoffen, die Jungs noch stärker zu machen als 2008 bei der Europameisterschaft“, sagt Verstegen.
Für dieses Ziel intensivierten sie die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen aus der Liga. „Der Austausch ist mittlerweile fast optimal“, sagt Forsythe, besonders die Zusammenarbeit mit dem FC Bayern und Werder Bremen sei „großartig“. Auch Verstegen lobt: „Es ist toll zu sehen, wie sich in diesem Bereich die Dinge entwickelt haben. Alle haben begriffen, dass es zum Wohl der Spieler ist.“
Nicht nur das „Micoach“-System kommt in diesem Jahr erstmals zum Einsatz. Derzeit wird das Training mit drei 3-D-Kameras aufgezeichnet. Ausgerüstet mit entsprechenden Brillen können die Trainer die Einheiten dann noch einmal in ihrer ganzen Tiefe betrachten. Sony hat dem DFB die neue Technik „weltexklusiv zur Verfügung gestellt“, sagt ein Firmensprecher. Die Ausrüstung soll rund 400.000 Euro kosten.
Doch gibt es überhaupt noch signifikante konditionelle Unterschiede in einer Fußballwelt, in der es kleine Mannschaften bekanntlich nicht mehr gibt? Verstegen nickt: „Ja, die gibt es, auch auf höchstem Niveau. Die siehst du vielleicht nicht im ersten Spiel. Aber fitte Spieler regenerieren schneller. Die Unterschiede werden sich erst im weiteren Turnierverlauf zeigen.“ Hoffentlich kommen sie bei der deutschen Mannschaft dann noch zum Tragen.




