Die Kanzlerin kommt! Angela Merkel macht sich heute auf den Weg nach Südtirol, um der deutschen Fußball-Nationalmannschaft stellvertretend für das deutsche Volk Glück zu wünschen für die Weltmeisterschaft, die in elf Tagen in Südafrika beginnt. Und Lukas Podolski wäre nicht Lukas Podolski, wenn er Merkels Besuch nicht für einen kleinen Witz nutzen würde. „Merkel? Prima! Wir sind die besten Freunde“, kalauerte der Kölner nach dem Länderspiel in Ungarn, das seine Mannschaft am Samstag 3:0 (1:0) gewonnen hatte.
Er wird sich auch heute amüsieren, wenn die Berliner Prominenz anreist, und Merkel wird das goutieren. Sie kann solche Termine gut gebrauchen in diesen politisch schwierigen Zeiten zwischen Griechenland-Krise und Hochwasser. Da macht sich ein Foto im Kreis der Nationalmannschaft fast ebenso gut wie die Bilder am Deich, die die Bundeskanzlerin als engagierte Krisenmanagerin in Flutzeiten zeigen.
Und nun ein medialer Doppelpass zwischen Sport und Politik – eingeleitet von Podolski. „Die Kanzlerin gibt uns immer gute Tipps, wenn sie uns besucht“, verriet er und grinste dabei wie ein Pennäler, der seinem Lehrer einen feuchten Waschlappen auf den Stuhl gelegt hat.
Sollte Merkel tatsächlich im kleinen Kreis aus dem Nähkästchen plaudern, dürfte sich auch Bundestrainer Joachim Löw für ihre Ratschläge interessieren. Besonders für solche zur Kabinetts-, pardon, Kaderbildung. Am Dienstag muss Löw dem Weltverband Fifa seine 23 Auserwählten mitteilen, und da sich derzeit noch 25 Spieler um die Tickets gen Süden bewerben, werden sich zwei von ihnen demnächst in den Urlaub verabschieden müssen. Wer das sein wird, darüber will Löw erst noch intensiv mit seinem Trainerstab diskutieren. „Wir werden überlegen, wie die beste Zusammensetzung ist. Für zwei Spieler wird es wehtun“, sagte er.
Doch wen es auch treffen wird, eines steht bereits fest: Lange nicht mehr reiste eine deutsche Mannschaft ähnlich unberechenbar zu einem Turnier wie in diesem Jahr. Als gesetzt gelten nur Torwart Manuel Neuer, Per Mertesacker, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Um die restlichen sieben Plätze im Team wird gerangelt, und selbst Löw dürfte derzeit kaum wissen, wen er am 13. Juni zum ersten Gruppenspiel gegen Australien auf das Feld schicken wird.
Das Ungarn-Spiel, immerhin der vorletzte Test vor dem Turnierstart, hat keine Klarheit gebracht. Im Gegenteil: Löw ließ Schweinsteiger, Lahm, Thomas Müller und Jörg Butt im Hotel und experimentierte so hemmungslos, dass auf dem Spielfeld skurrile Formationen entstanden. Als der Bundestrainer in der 61. Minute die Wechsel drei bis fünf vollzogen hatte, spielte plötzlich Podolski auf der Sechserposition vor der Abwehr neben Dennis Aogo, und Stürmer Cacau gab den Spielgestalter.
Für jede Position seines bevorzugten 4-2-3-1-Systems hat Löw mindestens drei Spieler, die dort zum Einsatz kommen können. Zum Beispiel auf der linken Abwehrseite: Dort haben sowohl Lahm als auch Aogo, Marcell Jansen und Andreas Beck Erfahrung. Gegen Ungarn spielte dort Allzweckwaffe Heiko Westermann. Und auch Holger Badstuber gab schon des Öfteren den linken Außenverteidiger – zuletzt im Champions-League-Finale des FC Bayern gegen Inter Mailand.
"Es ist vieles offen“, sagt Arne Friedrich, der sich in Budapest plötzlich als linker Innenverteidiger wiederfand; normalerweise spielt er eine Position oder zwei Stellen weiter rechts. Ein Nachteil müsse die Flexibilität aber nicht sein, sagt der Noch-Herthaner: „Es kann auch eine Chance sein. Wir sind sicher sehr schwer auszurechnen für die Gegner. Und wir können immer variieren – je nach Gegner und Spielstand.“
Die Ungarn würden diese Aussage so unterschreiben. Gegen sie traf plötzlich Mario Gomez ins Tor, der wohl kaum erste Wahl für die Rolle als einzige Sturmspitze sein dürfte. Marko Marin dribbelte nach seiner Einwechslung so beherzt, dass Löw nachdenken dürfte, ihm mehr als die Jokerrolle zuzutrauen. Und dann ist da ja noch Cacau: Der Deutsch-Brasilianer erzielte seinen dritten Treffer im zweiten Länderspiel und ist in bestechender Form.
Löw hat also die Wahl – und die kann bekanntlich quälen.























