Die schlechte Nachricht kommt ganz zum Schluss, und sie erreicht Jürgen Klinsmann aus Saarbrücken. Charlotte Britz, die Oberbürgermeisterin, hat das örtliche Public Viewing von Spielen der Weltmeisterschaft in Südafrika abgesagt. Einfach so. „Das tut mir natürlich leid für Saarbrücken“, sagt Klinsmann im fernen Kalifornien, aber sein typisches Lachen, dieses jungenhafte Giggeln, überführt den früheren Bundestrainer. Das Public-Viewing-freie Saarbrücken kümmert ihn natürlich kein bisschen; er wollte nur höflich sein, als er Dienstagabend im Auftrag des Fernsehsenders RTL für eine Telefonkonferenz zur Verfügung stand.

Klinsmann braucht auch kein Public Viewing, er wird als TV-Experte selbst vor Ort sein. Vor vier Jahren war er der Architekt des Sommermärchens, nun wird er die Arbeit seines Nachfolgers Joachim Löw bewerten – von dem er aber unabhängig vom Turnierausgang aus deutscher Sicht schon hofft, „dass Jogi noch viele, viele Jahre Bundestrainer bleibt“.

Nicht täglich, aber doch „regelmäßig“ sei der Kontakt zu seinem früheren Assistenten und dem weiteren Funktionsteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) noch heute, erzählte Klinsmann, doch freilich holte Löw sich keinen Rat in der Frage, wer denn als letzter Spieler des bis dahin 24-köpfigen Aufgebotes noch auszusortieren sei. „Nur der Trainerstab, der die Jungs jetzt über mehrere Wochen Tag für Tag hat trainieren und arbeiten sehen, kann beurteilen, wie ein Puzzleteil zum anderen passt“, sagte Klinsmann. Die Aufgabe an sich, einem Spieler mitteilen zu müssen (in diesem Fall Andreas Beck), dass es für ihn nicht gereicht habe, sei „so ziemlich das Schwierigste, was im Vorfeld eines Turniers anfällt. Es tut einem in der Seele weh, weil damit der Traum eines Spielers von einer WM-Teilnahme platzt, aber es sind nun mal nur 23 Plätze zu vergeben.“ Klinsmann selbst hatte 2006 Torjäger Kevin Kuranyi die schlechte Nachricht übermittelt.

Team fehlt ein Schlag Erfahrung

Die Frage, ob einer wie er mit seinen immerhin 52 Länderspieleinsätzen für Deutschland nicht gut tun würde, ist müßig. Auch Löw hat Kuranyi für nicht stark genug für das Niveau einer WM befunden. Nach dem Ausfall von Kapitän Michael Ballack, „dem Leader schlechthin“, dessen Fehlen Klinsmann als „gravierend“ einschätzt, nach dem Karriereende der Torhüter Oliver Kahn und Jens Lehmann und in Abwesenheit auch von Christoph Metzelder fehle aber schon „ein Schlag Erfahrung“, warnte Klinsmann.

Die entstandene Vakanz müsse durch eine neue Generation von Leistungsträgern ausgefüllt werden – hauptsächlich in Person jener Talente von einst, die er ins Nationalteam holte: Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, auch Lukas Podolski. „Die ganz junge Truppe von 2006 hat sich weiterentwickelt“, sagte Klinsmann, wenngleich sie alle natürlich nicht über besagten Erfahrungsschatz des Kaders von 2006 verfügten.

Wie weit kann, wie weit wird aufgrund dieses Defizits der Weg in Südafrika führen? Die DFB-Auswahl, ja, gehöre „zu den üblichen sechs, sieben, acht Mannschaften, die Weltmeister werden können“, sagte Klinsmann. Aber wer den goldenen WM-Pokal letztlich in Empfang wird nehmen dürfen, hängt nach seinem Dafürhalten auch davon ab, wer am besten mit den speziellen klimatischen und infrastrukturellen Gegebenheiten in Südafrika zurechtkommen wird. Titelverteidiger Italien zählt Klinsmann nicht zum Kreis der Favoriten: „Sie halte ich für nicht so stark.“

Egospielchen nicht angebracht

Aus deutscher Sicht hoffe er „zuerst mal auf Platz eins“ in der Vorrundengruppe D, wichtig sei ein Sieg im ersten Spiel gegen „die sehr körperbetonten, kampfstarken“ Australier. Weiter geht es gegen die „sehr spielstarken Serben“, ehe zum Abschluss Ghana erwartet: „Sie werden sich zerreißen, denn sie repräsentieren nicht nur ihr Land“, sondern bei dieser ersten WM auf afrikanischem Boden zugleich „den gesamten Kontinent“. Zuvorderst die deutsche Tradition als Turniermannschaft lässt Klinsmann auch dem aktuellen Jahrgang eine gute Rolle zutrauen; und doch droht seiner Erwartung nach eine negative öffentliche Rezension. „Das Halbfinale wäre ein Erfolg“, sagt Klinsmann, versehen mit dem Zusatz: „erst“.

Ein früheres Ausscheiden, selbst im Viertelfinale noch, „wäre eine Enttäuschung“ – Verletztenmisere hin oder her. Ein Hauptschlüssel zu einer erfolgreichen WM werde sein, die wartende Herausforderung „im Sinne der Fußballnation Deutschland“ anzugehen: „Egospielchen sind jetzt nicht angebracht.“ Ob es eine Grußadresse war an Tim Wiese, der am Dienstag sein schweres Schicksal als Torhüter Nummer zwei hinter Manuel Neuer beklagte?