Der Zeitplan war eng gesetzt. Denn es gab viel zu besprechen. Der Reihe nach baten Bundestrainer Joachim Löw und sein Team am Freitagvormittag einzelne Spieler zu sich, um ihnen persönlich und später dann der gesamten Mannschaft mitzuteilen, was seit Tagen ein offenes Geheimnis war: Philipp Lahm ist der neue Kapitän der deutschen Nationalelf - und Manuel Neuer die neue Nummer eins im Tor. Damit haben die Trainer zwei wichtige Personalien geklärt, bevor sie zu Wochenbeginn nun noch entscheiden müssen, welche zwei Spieler nicht mit nach Südafrika reisen dürfen. Denn von derzeit 25 Mann darf Löw beim Weltverband Fifa nur 23 für die WM melden.
Lahms sehr gute Leistungen, sein Standing in der Mannschaft, seine offene, ehrliche und kooperative Art und Weise im Umgang mit seinen Mitmenschen hätten den Ausschlag bei der Kapitäns-Wahl gegeben. "Er ist jemand, der vorangeht und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen", sagte Löw, der zugleich Bastian Schweinsteiger ("Er ist emotionaler Leader auf dem Platz") zum Stellvertreter ernannte. Beide stehen einem neuen Mannschaftsrat vor, der vom Bundestrainer berufen wurde und dem außerdem Per Mertesacker, Arne Friedrich und Miroslav Klose angehören. "Dem Mannschaftsrat kommt eine noch wichtigere Rolle zu als in der Vergangenheit. Bei unserer jungen Mannschaft wollen wir die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen", sagte Löw.
Klose trägt heute die Binde
In Budapest, wo die Mannschaft heute gegen Ungarn spielt, wird Lahm seines Amtes aber noch nicht walten. Da Löw entschieden hat, ihn und seine Münchner Kollegen Schweinsteiger, Jörg Butt sowie Thomas Müller nicht mit auf die Reise in die Donau-Metropole zu nehmen, wird Klose das Team auf den Platz führen.
Lahm und seine drei Mitspieler sollen auf Grund der Tatsache, "dass sie so viele Spiele in der vergangenen Saison gemacht haben" (Löw), im Quartier in Südtirol regenerieren. Denn es sei nach Auffassung des Bundestrainers wichtig, "dass sie in den nächsten Wochen ihre Top-Form auch bei uns abrufen". Die muss Klose nach einer schwachen Saison beim FC Bayern, wo er zuletzt nur Ersatz war, erst noch finden. Es heißt, das sei ein entscheidender Grund gewesen, weshalb er als Dienstältester mit 94 Länderspielen nicht mit dem Kapitänsamt bedacht worden sei.
Während Lahm das Spiel also vor dem Bildschirm verfolgt, wird Manuel Neuer nach seiner Berufung zur Nummer eins heute dabei sein. In der neuen Rangliste wird der Bremer Tim Wiese künftig als Nummer zwei und Butt als Nummer drei geführt. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke sprach von einer engen Entscheidung, nur Kleinigkeiten hätten am Ende für Neuer gesprochen. "Er hat eine sehr, sehr gute Saison mit Schalke 04 gespielt und ein Riesen-Potenzial", sagte Köpke und fügte an, dass es bei der Wahl nur zwischen Neuer und Wiese ging.
Wiese sei enttäuscht gewesen, habe es aber sportlich fair aufgenommen. Der kurzfristig für den verletzten und ursprünglich als Nummer eins vorgesehen Rene Adler nachnominierte Butt hätte dabei keine Rolle gespielt. "Jörg ist ein hervorragender Torhüter. Aber wir hätten im Vorfeld etwas falsch gemacht", sagte Köpke, "wenn wir einen Keeper, den wir kurzfristig als dritten Mann nachnominieren, in die Wahl mit einbezogen hätten." Neuer selbst, der mit seiner Spielstärke und physischen Präsenz den modernen Keeperstil verkörpert, fühlt sich reif für die Aufgabe. "Ich habe alles dafür getan, bei der WM zu spielen. Ich behaupte, dass ich ein ziemlich kompletter Torwart bin. Ich bin bereit, in der Nationalmannschaft die Verantwortung zu übernehmen", hatte der 24-Jährige schon vor seiner Berufung mit breiter Brust zu verstehen gegeben.
Mit dem gebürtigen Gelsenkirchener im Tor und Klose im Sturm soll die Mannschaft heute versuchen, taktische Dinge aus dem Training umzusetzen. Man wolle natürlich auf Sieg spielen und die Partie seriös angehen. "Aber wir befinden uns in der Vorbereitung auf eine WM, die anspruchsvoll wird. Deshalb kommt es jetzt in erster Linie darauf an, dass wir im Training bestimmte Sachen üben und verinnerlichen", sagte Löw vor der Abreise.
Krawalle in Budapest befürchtet
Neben den rund 800 Anhängern, die ihre Karten beim DFB bestellt haben und heute in Budapest nur gegen Vorlage des Ausweises erhalten werden, werden offenbar auch einige deutsche Krawallmacher erwartet. Die örtlichen Behörden befürchten zudem, dass sich ungarische Hooligans formieren. Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte des DFB, ist bereits seit Wochen in engem Kontakt mit der Polizei und dem ungarischen Verband. Vom DFB werden am Abend 20 Ordner im Stadion sein, dazu sollen schon tagsüber sechs Streetworker ihre Augen im Stadtzentrum aufhalten. Mögliche Krawalle würden wieder einmal ein schlechtes Licht auf Deutschland werfen, deren Regierungschefin Angela Merkel - das steht nun fest - die Auswahl von Joachim Löw am Montagabend im Quartier in Südtirol besuchen wird.
Die Bundeskanzlerin will ebenso wie Michael Schumacher und Nico Rosberg zu den Spielern sprechen und ihnen alles Gute für die WM wünschen. "Es ist für uns eine große Ehre, wenn uns die Kanzlerin besucht. Wir sind alle sehr stolz, dass sich Angela Merkel angekündigt hat. Das zeigt auch den Stellenwert der Nationalmannschaft und unterstreicht die Bedeutung des WM-Turniers", sagte Bundestrainer Löw, der mit seinem Team am 6. Juni nach Südafrika fliegt.




