Da war nur Stille. Länger als ein halbes Jahr war nichts von Jaron Siewert in der Öffentlichkeit zu hören. Im September 2025 hatten die Füchse Berlin ihn entlassen, ebenso wie Sportvorstand Stefan Kretzschmar. Es war eine historische Doppel-Entlassung, die Schockwellen durch die Handballwelt gesendet hatte. Doch während der omnipräsente Kretzschmar schnell in die Öffentlichkeit zurückgekehrt war und auch seine Perspektive der Trennung erklärt hatte, war Meistertrainer Siewert komplett von der Bildfläche verschwunden.

Nun hat sich der 32-Jährige in einem Interview mit dem Streamingdienst „Dyn“ erstmals seit der Entlassung ausführlich geäußert. Dabei machte er auch den Grund für sein langes Schweigen öffentlich: Am 29. Oktober, knapp zwei Monate nach seiner Entlassung, hatte Siewert einen Schlaganfall.

Jaron Siewert macht zweiten Schlaganfall öffentlich

„Ich möchte die Zeit hier im Interview nutzen, um mit dem Schlaganfall an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt der Familienvater. „Weil es gefühlt so ein Versteckspiel gewesen ist von meiner Seite aus, obwohl ich mir nichts vorzuwerfen habe.“

Im Vorfeld der Saison 2022/2023, damals noch im Amt bei den Füchse-Profis, hatte Siewert während einer Trainingseinheit schon einmal einen Schlaganfall erlitten. Wie er jetzt erklärte, hätten seine Ärzte offenbar die damaligen Medikamente für die erneute Durchblutungsstörung im Gehirn verantwortlich gemacht. „Da haben sie mir einen Blutverdünner verschrieben, der damals das richtige Mittel war. Ich mache den Ärzten keinen Vorwurf“, sagt der Trainer. „Sondern das war ein Medikament, das noch in der Testung war, aber nach neuestem Kenntnisstand nicht für Schlaganfallpatienten gedacht ist.“

Kein Zusammenhang zwischen Entlassung und Schlaganfall

Stress sei hingegen als Grund für den erneuten Schlaganfall eindeutig auszuschließen. Siewert gibt die Erklärung seiner Ärzte dafür wieder: „Sonst wäre es in der Saison passiert. Oder spätestens im Saisonfinale gegen die Rhein-Neckar-Löwen. Oder wenn mein Körper runterkommt in der Sommerpause. Oder wenn mir die Freistellung bekanntgegeben wird. Aber nicht zwei Monate danach.“

Handball, Daikin HBL, Füchse Berlin - SC Magdeburg
Beim ersten Heimspiel nach der Entlassung von Jaron Siewert hatten die Fans der Füchse Berlin zahlreiche Danksagungen vorbereitet.© picture alliance / Foto Huebner | Foto Huebner

Gleichwohl sei natürlich auch die Phase direkt nach der Trennung enorm belastend gewesen, erklärt Siewert. Der Coach hatte sich mit Geschäftsführer Bob Hanning im September schon auf einen unterschriftsreifen Einjahresvertrag geeinigt. Im Zuge des vorab angekündigten Rückzuges von Sportvorstand Kretzschmar hatte Hanning sich nach Rücksprache mit den Gesellschaftern dann aber kurzfristig entschieden, einen kompletten Einschnitt herbeizuführen. Inzwischen ist der Däne Nicolej Krickau in Personalunion Trainer und Sportvorstand.

Familienzeit auf Usedom nach der Entlassung

Siewert hatte nach seiner Entlassung vorerst Berlin verlassen und Zeit auf Usedom verbracht. „Da bin ich erstmal in ein Loch gefallen und musste einen Ausweg suchen“, sagt der frühere Füchse-Spieler. „In der ganzen Zeit ging es mir mental ganz schön schlecht.“ Bei Strand- und Waldspaziergängen habe er sich viele Fragen gestellt, wie seine Entlassung zu erklären sei. Aber vor allem seine Familie hätte ihm klargemacht, dass er sich nichts vorzuwerfen habe.

Ich bin voller Energie und für neue Aufgaben bereit

Jaron Siewert, Ex-Trainer der Füchse Berlin

Der Name Jaron Siewert war seitdem immer einer der erstgenannten Nachfolgekandidaten, wenn in der Handball-Bundesliga bei einem anderen Klub ein Trainerstuhl wackelte. Auch mit internationalen Vereinen wurde der geborene Berliner lose in Verbindung gebracht. Und Siewert bestätigte nun, dass auch schon erste Gespräche stattgefunden hätten.

Siewert ist „voller Energie“

„Wir haben schon mit ein, zwei, drei, vier Vereinen gesprochen, so ist es nicht“, sagt der Trainer in Bezug auf sich und seine Berater. „Aber als dann der Schlaganfall passiert ist, haben wir das komplett auf Eis gelegt erstmal.“ Ihm sei durch den erneuten Apoplex „der Boden unter den Füßen weggezogen“ worden und er habe alles infrage gestellt.

Inzwischen gehe es ihm aber wieder gut und die neue Behandlung entfalte ihre Wirkung: „Ich nähere mich den hundert Prozent an. Ich bin voller Energie und für neue Aufgaben bereit.“ Als Meistertrainer genießt er natürlich eine enorme Reputation. Auf der anderen Seite waren die Füchse nach Tusem Essen aber auch erst seine zweite Trainerstation im Profibereich.

Kein kompletter Bruch mit den Füchsen Berlin

„Es sollte ein möglichst ambitioniertes Projekt sein“, sagt Siewert. „Es muss jetzt nicht unbedingt ein Champions-League- oder Meisterschaftskandidat sein. Aber es soll auf jeden Fall ein Projekt sein, das Ambitionen hat, international zu spielen oder sich zu etablieren.“

An die Füchse denkt er dabei erst mal nicht mehr zurück. „Es war eine schöne Zeit, aber gefühlt möchte ich mit den Füchsen jetzt abschließen. Obwohl ich guten Handball liebe und mir die Spiele der Füchse weiterhin angucke. Also ist es nicht so, dass ich jetzt komplett breche mit den Füchsen Berlin.“

Doch natürlich hat all das bis heute bei ihm Spuren hinterlassen. Im Verlaufe des Interviews fällt er immer wieder in eine leicht zittrige Stimmlage. Er hat den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Doch nach allem, was passiert ist, scheint ihm dieses Gespräch verständlicherweise immer noch schwerzufallen. So erfühlt allerdings auch der Zuschauer, wie schwer die Zeit für ihn war.

Dankbarkeit als dominantes Gefühl

Nun aber geht Siewerts Blick nach vorn. Mit neuem Lebensmut und vor allem mit Dankbarkeit, auch den zweiten Schlaganfall vergleichsweise gut überstanden zu haben. „Ich ermuntere alle, die einen Schicksalsschlag durchlebt haben, dranzubleiben, weiter Gas zu geben und positiv in die Zukunft zu gucken“, sagt der 32-Jährige.

Das tut er jetzt auch, nach diesem für ihn so bewegten Jahr 2025. Und wenn alles glatt läuft, wird er bald in den Handball zurückkehren: „Mal sehen, wo mein Weg jetzt hinführen wird.“