Stefan Kretzschmar saß auf dem Hallenboden der Mannheimer SAP Arena und hatte Tränen in den Augen. Die vielleicht bekannteste Handball-Persönlichkeit Deutschlands hat schon vieles in diesem Sport erlebt, wenn nicht gar alles. Aber in diesem Moment war er von seinen Gefühlen übermannt. Die Füchse Berlin hatten die Meisterschale überreicht bekommen und ein Spieler nach dem anderen streckte sie in die Luft. Sportvorstand Kretzschmar hatte sich zentral vor dem Siegerpodest platziert und war ein stiller Genießer.
Der Berliner Handball-Bundesligist ist nach einem mitreißendem Comeback-Sieg bei den Rhein-Neckar Löwen, einem spektakulären 38:33 (17:20) erstmals deutscher Meister. „Es ist ein Traum, der wahr wird“, sagte Kretzschmar nach seinem stillen Moment, und nachdem er von Co-Trainer Max Rinderle doch noch auf das Podest gezerrt wurde für das offizielle Siegerfoto. „Gar nicht auszudenken, wenn wir das heute nicht geschafft hätten.“
Füchse Berlin in massiver Bedrängnis während Durchgang eins
Danach sah es tatsächlich zwischenzeitlich aus. Und das, obwohl die Füchse die Zeit vor diesem letzten Spieltag in einem permanenten Rausch-Zustand verbrachten und acht Bundesligaspiele in Serie gewonnen hatten. So waren sie in der Pole Position fürs Meisterrennen, ein Punkt bei den Löwen hätte schon zum Titel gereicht. Aber dieser Punkt war alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

„Dieses Spiel hat alles gefordert von uns. Nach so einer langen Saison vor der ausverkauften SAP Arena bestehen zu müssen, aber auch bestanden zu haben, ist unglaublich“, sagte Trainer Jaron Siewert, als er schon längst mit einer Bierdusche übergossen war, aber eben auch die funkelnde Meistermedaille um seinen Hals trug. „Vielen Dank an alle mitgereisten Fans, an die Mannschaft, dass sie cool geblieben sind.“
Hanning: „Das Beste an der ersten Hälfte war das Resultat“
Wer es an diesem Sonntag nämlich mit den Füchsen hielt, kam ganz schön ins Schwitzen. Egal ob auf dem Handballfeld, unter den 13.200 Zuschauern vor Ort in Mannheim, oder beim Public Viewing am Badeschiff in Berlin. Den Füchsen war der Druck, der mit der historischen Titelchance einherging, deutlich anzumerken. Mit dem 17:20-Halbzeitstand waren sie gut bedient.
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„Wenn du keine Torhüterleistung hast über so lange Zeit, wenn du keinen Zugriff in der Abwehr hast, wenn du nicht die Körpersprache hast, die du brauchst, wird es verdammt schwer“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning über den ersten Durchgang. „Das Beste daran war das Resultat, weil es alle Möglichkeiten offengelassen hat.“
Dejan Milosavljev und Matthes Langhoff drehen das Spiel für die Füchse
Das erkannte auch Kretzschmar, nachdem er in der Halbzeit kurz die Halle verlassen hatte, um frische Luft zu schnappen. „Ich habe mich danach entschieden, lieber zu stehen, als zu sitzen. Das war die bessere Wahl“, sagte der Sportvorstand. Nun also auf den Beinen, verfolgte er direkt neben Löwen-Legende Uwe Gensheimer den zweiten Durchgang und sah, wie die Berliner zurück ins Spiel fanden.
Das hing vor allem mit zwei Persönlichkeiten zusammen: Dejan Milosavljev und Matthes Langhoff. Die ganze Saison über hatten die Füchse mit ihrer Offensivpower begeistert und einen Rekord nach dem anderen gebrochen. Nun aber, im alles entscheidenden letzten Spiel der Saison, bewahrheitete sich eine alte Sportlerweisheit. „Offense wins games, defense wins championships.“ Mit einem starken Angriff gewinnst du Spiele, aber wenn es tatsächlich um die Silberware geht, wirst du ohne eine starke Abwehr nicht erfolgreich sein.
Wenige Paraden im zweiten Durchgang reichen
Zunächst Milosavljev; der Torhüter erlebte einen ersten Durchgang zum Vergessen. An vielen Bällen war er dran, die am Ende aber doch immer noch irgendwie ins Tor kullerten. „Warum passiert mir das gerade heute? Warum heute?“, dachte Milosavljev in der Halbzeit, wie er später erklärte. „Ich habe mir gesagt: Mach es besser in der zweiten Hälfte. Ich musste meiner Mannschaft helfen, nur mit vier oder fünf Bällen.“

Und genau so kam es. Die Quote des Berliner Torhüters war auch im zweiten Durchgang noch nicht überragend. Aber er bekam endlich ein paar Finger an die Bälle und half so mit, dass das Momentum ab Mitte der zweiten Hälfte auf Seite der Gäste kippte. Das galt auch auf den Rängen: als der Füchse-Block nach einer Parade des Serben „Milo! Milo!“ skandierte, konnte er sich das erste Mal an diesem Nachmittag in der Mannheimer Arena Gehör verschaffen.
Langhoff hielt Juri Knorr in Schach
Endgültig kippte das Spiel dann mit Langhoff. Sowohl Siewert als auch Hanning stellten im Nachgang der Partie heraus, dass die Hereinnahme des Eigengewächses ins Deckungszentrum der entscheidende Baustein zum Sieg war. Langhoff ist ein drahtiger Abwehrspieler mit schnellen Beinen, wodurch es ihm gelang, die Kreise von Löwen-Regisseur Juri Knorr einzuengen.

„Ich wollte einfach schauen, dass wir es in der Abwehr besser schaffen, Juri unter Kontrolle zu kriegen, der mit viel Tempo kam. Aber ob das den Unterschied gemacht hat – ich weiß es nicht“, sagte Langhoff nach Schlusspfiff mit bereits angekratzter Stimme. Er hatte zuvor ernüchtert feststellen müssen, dass es im eilig organisierten und auf der Auswechselbank platzierten Getränkehalter keinen Bier-Nachschub mehr gab. Es sollte der einzige Misserfolg des 23-Jährigen an diesem Sonntag bleiben.
Paul Drux streckt die Schale gemeinsam mit Max Darj als Erster in die Höhe
Der entscheidende Sieg zur Meisterschaft hielt noch viele weitere Geschichten bereit. Die des eiskalten Linksaußen Tim Freihöfer etwa, der mit elf Toren und nur zwei Fehlwürfen tatsächlich Top-Torschütze der Füchse an diesem Tag war. Oder natürlich die des wieder mal famosen Mathias Gidsel, der mit zehn Toren einen ebenso großen Beitrag leistete.
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Und dann war da noch Fabian Wiede, der den Puls der aufgeregten Berliner Mannschaft allein durch seine pure Anwesenheit auf dme Platz senkte und schon eine Minute vor Schlusspfiff hinter die Bank hopste, um seinen Jugendfreund Paul Drux zu herzen. Der wiederum hatte am Donnerstag emotional seinen Abschied in der Max-Schmeling-Halle gefeiert und wurde nun bei der Übergabe der Meisterschale direkt von Kapitän Max Darj nach vorn gezerrt, um als erster die begehrte Trophäe in die Höhe zu recken.
Die Füchse Berlin mit Kretzschmar, Siewert, Hanning, ihren Spielern und sämtlichen Mitarbeitern: Sie alle dürfen sich nun deutscher Meister nennen.




