Handball

Wehe, wenn die Füchse Rot sehen

Die Füchse Berlin feiern einen Sensationssieg gegen Kiel, weil der Bundesligist in der größten Not den größten Zusammenhalt zeigt.

Der Däne Jacob Holm spielte gegen Kiel in der Schlussphase wie entfesselt.

Der Däne Jacob Holm spielte gegen Kiel in der Schlussphase wie entfesselt.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Rote Karten haben einfach einen schlechten Ruf. Plötzlich fehlt ein Spieler, der Ausfall kann nur notdürftig kompensiert werden und sowieso, Rote Karten sind schlecht für die Moral – und eigentlich immer ein Nachteil. Dass Ausnahmen aber nun mal die Regel bestätigen, haben die Füchse Berlin bei ihrem 29:28-Triumph gegen den THW Kiel am Donnerstagabend eindrucksvoll bewiesen.

Der Platzverweis für Kreisläufer Mijajlo Marsenic (40. Minute) war wie eine Initialzündung. Ein Weckruf für den Berliner Handball-Bundesligisten, der das Spiel zur Halbzeit (12:17) so gut wie verloren hatte. „Die Rote Karte hat uns gut getan“, sagte Geschäftsführer Bob Hanning. „Das Publikum und die Mannschaft haben sich dagegen gewehrt. Sie haben nicht akzeptiert, was mit uns passiert.“

Normalerweise wäre Folgendes passiert: Die Füchse hätten eine passable Leistung geboten, den Platzverweis kassiert, Schadensbegrenzung betrieben und die Niederlage auf die drei verletzten Leistungsträger geschoben. Ende, Aus, zurück zum Tagesgeschäft. „Aber da haben alle gesagt: Heute nicht. Nicht mit uns“, sagte der sichtlich stolze Hanning.

Rückraumspieler Holm spielt wie entfesselt

Entscheidend an der Aussage des Managers ist das Wörtchen „alle“. Den Spielern war anzumerken, dass nun jeder Verantwortung übernehmen musste. Ob auf dem Feld oder auf der Bank. „Wir haben als Mannschaft zusammengestanden nach Marsas Roter Karte. Das hat was mit uns gemacht“, sagte Jacob Holm. Vor allem aber hat sie was mit dem jungen Dänen gemacht.

Der 24-Jährige, sonst eher ein ruhiger Vertreter, spielte plötzlich wie entfesselt, warf die Füchse in den letzten zehn Minuten fast im Alleingang zum Sieg und feierte jeden Treffer wie die deutsche Meisterschaft.

„Das war das erste Mal in dieser Saison, dass ich zufrieden mit meiner Leistung sein kann“, sagte Holm später mit dem wieder gewohnt bescheidenden Lächeln. „Und dass es gegen Kiel ist, ist wirklich schön.“ Schließlich hatte der Tabellensechste seit neun Jahren nicht mehr gegen den Rekordmeister gewonnen.

Füchse Berlin feiern Ersatz-Keeper Ziemer

Holms Leistung ließ auch Boss Hanning strahlen. „Jacob hat gefühlt sein bestes Spiel gemacht seit er hier ist. Er war Weltklasse“, sagte der 51-Jährige. Neben Holm ragten aber auch noch andere Akteure heraus, sprangen für diejenigen in die Bresche, die gar nicht oder irgendwann nicht mehr mitspielen konnten. So wie Martin Ziemer. „Heute hab ich mich gefreut, dass wir drei Torhüter haben“, sagte Hanning.

Weil Dejan Milosavljev und Silvio Heinevetter mit Knieverletzungen ausfielen, musste der Ersatzmann ran. Und der 37-Jährige überzeugte mit 13 Paraden und den entscheidenden Reflexen in der Schlussphase. „Ich hab’ immer gesagt, wenn die Mannschaft mich braucht, versuche ich da zu sein“, sagte Ziemer. „Die Situation ist natürlich nicht einfach. Da fällt ganz schön was ab, wenn man ein halbes Jahr nur daneben sitzt.“

Bei der Niederlage in Hannover (28:31) hatte es noch an der Abstimmung zwischen Torhüter und Deckung gehapert, vor allem war Ziemer die fehlende Spielpraxis anzusehen. Davon war gegen Kiel nichts mehr übrig – obwohl wie in Hannover Abwehrchef Jakov Gojun fehlte. „Der Abwehrchef fehlt, der zweite kriegt eine Rote Karte. Da macht Kopljar das sensationell in der Abwehr“, lobte Hanning auch 2,10-Meter-Rückraumriese Marko Kopljar.

Zuschauer treiben die Füchse Berlin an

Wieder einer, der die Schwächen der anderen vergessen ließ. Genau wie Kevin Struck. Trainer Velimir Petkovic warf den Linksaußen ins Geschehen, als Stammbesetzung Tim Matthes an den eigenen Fehlern verzweifelte. „Kevin verteidigt auf halb gut und gibt uns die Möglichkeit, in den Gegenstoß zu gehen, macht drei von drei Toren. Da hat viel gepasst“, freute sich Hanning. Und auch Trainer Petkovic war vollends zufrieden: „Wenn du die zweite Halbzeit mit 17:11 gewinnst, kann ich nur loben. Jeden Einzelnen, der heute im Kader war.“

Doch niemand bei den Füchsen vergaß diesen einen, ebenso mitentscheidenden Mann. Den achten. Auf der Tribüne. „Die Atmosphäre hier ist immer so geil. Das hat uns geholfen“, sagte Acht-Tore-Mann Holm. Ein Großteil der 9000 Zuschauer in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle darf sich für seinen Anteil am Überraschungssieg gegen Kiel also ebenfalls auf die Schulter klopfen.

Die Füchse wollen ihren Triumph jetzt erstmal genießen. Ein, zwei Tage. Dann geht die Vorbereitung auf das nächste Heimspiel gegen die HSG Wetzlar am Donnerstag (19 Uhr) los. Mit dem Selbstvertrauen, dass man sich seinem Schicksal nicht immer fügen muss.

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