Als Velimir Petkovic (61) im Dezember 2016 mitten in der Saison die Nachfolge von Erlingur Richardsson bei den Füchsen Berlin antrat, richteten sich viele skeptische Blicke auf den erfahrenen Handballtrainer. Inzwischen hat Petkovic aus der damals unsicheren Mannschaft eine Einheit geformt, die die erfolgreichste Hinrunde der Vereinsgeschichte gespielt hat. Vor dem Start der Rückrunde mit dem Europapokalspiel gegen St. Raphael am Mittwoch (19.30 Uhr, Arena Potsdam) spricht er über seine Handballversessenheit, die Bedeutung des Charakters eines Spielers und seine Interpretation von Heimat.

Herr Petkovic, Sie leben nun seit 14 Monaten in Berlin. Sind Sie hier angekommen?

Velimir Petkovic: Das hat mich meine Frau zuletzt auch gefragt. In meiner Anfangszeit wohnte ich im Hotel, dann in Prenzlauer Berg in einer Mietwohnung. Meine Frau Nada war noch in Göppingen, weil unsere Eigentumswohnung in Schöneberg noch vermietet war. Ich fühlte mich als Gast hier. Jetzt sind wir endlich zusammen in unserer eigenen Wohnung. Unsere Söhne (Ivan, Nino, beide 32, d. Red.) leben auch in Berlin. Jetzt sind wir zu Hause.

Da passt es ja gut, dass Ihr Vertrag bei den Füchsen bis zum 30. Juni 2020 verlängert worden ist. Wie geht es Ihnen mit dieser Aussicht?

Das freut mich sehr. Ich habe in Göppingen und Wetzlar auch Topleute trainiert wie Markus Baur, Mimi Kraus oder Lars Kaufmann, aber nie so eine Mannschaft mit so vielen guten Spielern wie bei den Füchsen. Als ich im Dezember 2016 angefangen habe, mit einem Vertrag bis Saisonende, waren viele skeptisch und der Ansicht, das passe nicht mit Geschäftsführer Bob Hanning und mir.

Wie ist es in der Realität?

Wir haben viel Respekt voreinander. Klar, unsere beiden Charaktere sind nicht einfach, doch ich glaube, jeder erfolgreiche Mensch ist ein bisschen speziell. Unserer Beziehung hilft auch, dass ich ihn immer als Trainer sehe und nicht nur als Manager. Ich weiß, was er als Trainer kann. Er ist 24 Stunden pro Tag im Handballmodus.

Gilt das auch für Sie?

Auf jeden Fall. Ich bin rund um die Uhr für meine Spieler da. Manchmal bekomme ich Ärger von meinen Kindern oder meiner Frau, weil ich nicht richtig zuhöre oder das Telefon zu einem ungünstigen Zeitpunkt klingelt, aber das muss so sein. Wenn die Spieler anrufen, gibt es das nicht, dass ich nicht erreichbar bin.

Mussten Sie nach der EM gerade bei Ihren kroatischen und deutschen Spielern mentale Aufbauarbeit leisten?

Ich habe ehrlich gesagt schlechtere Stimmung erwartet. Ich denke, es war wichtig, dass wir allen drei Tage frei gegeben haben, die sie mit ihren Familien verbringen konnten.

Sie haben mit den Füchsen eine der erfolgreichsten Hinrunden der Vereinsgeschichte gespielt. Jetzt ist Petar Nenadic weg, Paul Drux fällt über Monate aus (Knieverletzung). Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen?

Petar hat bislang unseren Angriff organisiert. Paul sollte die Rolle übernehmen, und ich weiß nicht, wie lange er ausfällt. Ich habe mir ein paar neue Spielzüge überlegt, aber wir werden sicher Probleme im Angriff bekommen. Ich erwarte aber auch eine Steigerung in der Deckung, damit wir mehr Tore über die zweite Welle erzielen können.

Wie viel von Ihrer Handschrift steckt inzwischen in den Füchsen?

Meine Handschrift war, dass wir nach den ersten Monaten zehn Tore aus der zweiten Welle geworfen haben und im Schnitt 24 Gegentore kassiert haben. Bis dahin waren es eher 28. Aber als neuer Trainer muss man auch aufpassen und nicht auf Zwang seine Philosophie in ein Team pressen. Ich bin in eine funktionierende Mannschaft gekommen, die einige Problemchen hatte. Darauf habe ich mich konzentriert, aber auch darauf, diese nicht über Nacht lösen zu wollen. Ich bin jemand, der mit den Spielern spricht, ihnen zuhört und auch ihre Meinung akzeptiert.

Wie wichtig ist der Charakter der Spieler für eine funktionierende Mannschaft?

Es gibt viele Topspieler, die egoistisch sind und keine Teamplayer. Das kann für einzelne Spieler funktionieren. Um eine richtig gute Mannschaft zu formen, ist ein guter Charakter aber extrem wichtig. Bei einer Verpflichtung ist der Charakter wichtiger, als dass der Spieler zehn Tore pro Partie wirft. Wenn er charakterlich nicht ins Team passt, macht er alles kaputt.

Gibt es einen Spieler, den Sie gern in ihrem Team hätten?

Einige. Jetzt zum Beispiel fehlt uns ein Mittelmann. Drago Vukovic war mal ein Topmann und wird das auch vermehrt übernehmen genau wie Steffen Fäth. Ein Spieler, den ich aber gern hier gehabt hätte, ist der Slowene Miha Zarabec. Das ist ein Spieler, den viele unterschätzen, aber er kann eine ganze Mannschaft in Bewegung bringen. Sein Vertrag beim THW Kiel lief aus, aber der Verein hat nun die Option gezogen, ihn für ein Jahr zu verlängern. Ich freue mich, dass wir in der nächsten Saison Simon Ernst bekommen.

Sie sind in Bosnien geboren, in Serbien aufgewachsen und sind dann nach Deutschland gezogen. Welcher Nation fühlen Sie sich zugehörig?

Wir fühlen uns als Europäer. Wir sind seit 1991 in Deutschland und vom ersten Tag an, wollten wir unser Fernsehen nicht mehr haben. Wir mögen den Balkan, aber Deutschland ist unser Land und unser Zuhause.

In welcher Sprache träumen Sie?

Immer mehr auf Deutsch, aber einige Sachen überlege ich auf unserer Sprache und sage sie dann auf Deutsch. Da gibt es auch mal Missverständnisse, zum Beispiel habe ich vor ein paar Tagen gesagt: Das darf morgen nicht passieren, Silvio Heinevetter kam dann zu mir und erklärte, dass wir morgen gar kein Spiel haben. In unserer Sprache ist morgen aber nicht wörtlich zu nehmen, sondern bedeutet so etwas wie in Zukunft.

Unsere Sprache?

Naja, es gibt ja serbisch, kroatisch, serbo-kroatisch, bosnisch, montenegrinisch – für uns ist das alles irgendwie eins und ich möchte nichts auslassen, daher: unsere Sprache.

Gibt es einen Traum, den Sie sich in ihrer Trainerkarriere noch erfüllen möchten?

Ich habe zu Frank Steffel gesagt, ich will deutscher Meister sein. Bei mir ist das aber kein Traum. Ich will das erreichen. Das ist mein Ziel und darum werde ich kämpfen, so lange ich die Chance dazu habe.

Was würden Sie einem jungen Trainer mitgeben, der einmal in Ihre Fußstapfen treten will?

Als ich in Wetzlar war, hat ein 18-Jähriger auf der Tribüne gesessen und jedes meiner Trainings notiert. Danach hat er mir viele Fragen gestellt. Mit 22 Jahren ist er Bundesligatrainer geworden und dann Assistenztrainer der Nationalmannschaft. Es war Jan Gorr. Als ich ein Jahr ohne Job war, habe ich in Barcelona hospitiert, in Montpellier und in Zagreb. Ich wollte wissen, was die anderen Trainer machen, mich entwickeln. Das Interesse ist wichtig, das beobachte ich auch bei meinen Co-Trainer Max Rinderle. Das freut mich und das gebe ich auch gern weiter. Ich hatte damals Glück und durfte in Jugoslawien von einem Trainer lernen, den ich alles fragen konnte. Er hat mir alles gegeben und jetzt will ich meinem Max alles geben.

Was passiert nach 2020? Geht Velimir Petkovic dann in Rente?

Ich will nicht in Rente gehen. 65 Jahre ist so eine Grenze, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ab dann den ganzen Tag mit meiner Frau zu Hause sitze oder Museen besuche. So lange ich die Chance bekomme, aktiv zu sein, werde ich das weitermachen.