Handball

Bundesligist THW Kiel vollzieht Umbruch mit Hindernissen

Der Rekordmeister kann den Abgang von Filip Jicha kaum kompensieren, rückt aber trotz schlechtem Saisonstart nicht vom Ziel ab.

THW-Trainer Alfred Gislason ist in dieser Saison noch nicht allzu begeistert vom Auftreten seiner Mannschaft. Sorgen macht er sich aber nicht

THW-Trainer Alfred Gislason ist in dieser Saison noch nicht allzu begeistert vom Auftreten seiner Mannschaft. Sorgen macht er sich aber nicht

Foto: Matthias Hangst / Bongarts/Getty Images

BERLIN.  Es gibt ein Wort, das Alfred Gislason derzeit nicht so gern hört. „Es mag ja sein, dass Leute von einer Krise bei uns reden, ich sehe diese Krise aber nicht“, sagt der Trainer des Handball-Bundesligisten THW Kiel.

Tatsächlich ist das Wort etwas überhöht, schließlich werkelt der 20-malige Deutsche Meister weder am Existenzminimun, noch ist er abstiegsbedroht. Vor der Partie gegen die Füchse Berlin am Sonntag (17.15 Uhr, Schmeling-Halle) steht der THW allerdings auf Tabellenplatz sieben der Bundesliga, nur einen Platz vor den Füchsen, und das kann man bei dem Klub, der seit 1994 den deutschen Handball dominiert wie kein anderer, zumindest als kritische Entwicklung bezeichnen.

Am Sonntag in der Schmeling-Halle gegen die Füchse

Drei Niederlagen kassierten die Kieler innerhalb der ersten zehn Spieltage, das sind genauso viele wie in der gesamten vergangenen Saison. „Wenn wir jetzt noch ein Spiel verlieren, ist es mit der Meisterschaft vorbei“, warnt Kreisläufer René Toft Hansen. Gislason winkt ab. „Das würde ich so nicht sagen.“ Sein Job, so Gislason weiter, sei auch nicht, sich Sorgen zu machen. „Ich muss schauen, dass wir besser werden.“

Seit der Isländer 2008 vom SC Magdeburg nach Kiel wechselte, musste der THW nur einmal auf diesen Titel verzichten (2011). Der Erfolg des Klubs ist eng mit dem ehemaligen isländischen Nationaltrainer verknüpft, aber auch mit Spielern wie Aron Palmarsson und Filip Jicha. Beide verließen den Verein im Sommer. Bei Palmarsson war der Wechsel zum ungarischen Spitzenklub KC Veszprem geplant, für ihn verpflichteten die Kieler bereits 2014 den Rückraumdirigenten Joan Canellas vom HSV Handball.

Jicha wechelt für 750.000 Euro zum FC Barcelona

Für Kapitän Jicha hingegen, der sich im August für rund 750.000 Euro dem FC Barcelona anschloss, konnte kein adäquater Ersatz gefunden werden. Zu kurzfristig traf die Verantwortlichen die Entscheidung ihres einstigen Vorzeigeprofis, der eigentlich geplant hatte, seine Karriere in Kiel zu beenden. Die finanzielle Sicherheit, die der FC Barcelona dem tschechischen Nationalspieler bot, der in Spanien auch im Verletzungsausfall sein Gehalt bezieht, soll aber den Ausschlag gegeben haben. „Dieser sehr komplette Spieler fehlt uns sehr. Nach und nach wird sich die Lücke füllen, aber das braucht Zeit“, sagt Gislason.

Der THW Kiel, der jahrelang als der Magnet für internationale Topspieler galt, sieht sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, bei den Summen die Klubs wie Barcelona, der vom ungarischen Staat subventionierte KC Veszprem oder Paris St Germain, der von einem Mäzen aus Katar gestützt wird, nicht mehr mithalten zu können. „Das ist für einen deutschen Verein unmöglich“, sagt Gislason.

Sigurdsson nominiert erstmals Rune Dahmke

Hinzu kommen die Verletzungen von Dominik Klein, Patrick Wiencek (beide Kreuzbandriss) sowie Torsten Jansen (Bandscheibe), der als Zugang noch nicht einmal gespielt hat. Für Wiencek holte der THW seinen ehemaligen Kreisläufer Igor Anic aus Nantes zurück, außerdem unterbrach Dragos Oprea seinen wohlverdienten Ruhestand, damit der 22 Jahre alte Rune Dahmke nicht ganz allein auf der Position Linksaußen agieren muss. „Es ist unser großer Vorteil, dass unsere ehemaligen Spieler immer gern einspringen, wenn wir sie fragen“, sagt THW-Coach Gislason.

Die jungen Spieler wie Dahmke und Christian Dissinger, 23, profitieren von dem enstandenen Vakuum. Sie erhalten viele Spielanteile und wurden beide von Bundestrainer Dagur Sigurdsson für den Supercup (6.-8.11.) in den Kader der Nationalmannschaft berufen. Für Dahmke ist das eine Premiere. „Rune hat auch im vergangenen Jahr schon viel bei uns gespielt, er hat sich super entwickelt“, sagt Gislason.

Neun Zugänge müssen beim Nordklub integriert werden

Es ist ein Generationswechsel, der sich beim THW Kiel vollzieht. Eigentlich begann der schon vor zwei Jahren mit dem Karriereende von Marcus Ahlm. Durch die zeitgleichen Abgänge von Palmarsson und Jicha vollzieht er sich nun etwas unsanfter als geplant. So hat der THW mit Steffen Weinhold, Domagoj Duvnjak und Niklas Landin zwar immer noch genügend Hochkaräter im Kader, muss aber neun Zugänge integrieren. „Wir müssen wir uns viel mit uns selbst beschäftigen“, sagt Gislasson. Er schaut derzeit fast mehr Video seiner eigenen Mannschaft an als von den Gegnern. Seine Erkenntnis: „Manchmal fehlt es uns ein bisschen an Tempo ,,aber unser Ziel ist das gleiche wie jedes Jahr: Wir wollen Deutscher Meister werden.“