Ein bisschen tut es noch weh. Silvio Heinevetter reibt sich mit der rechten Hand den Vollbart, sein Blick ist ernst. „Im Ausland schaut man doch als erstes auf Berlin, die Stadt bietet das komplette Paket von Kultur bis Sport“, erklärt der Torhüter der Füchse Berlin. Und so sei er immer noch enttäuscht über die Entscheidung pro Hamburg für die Bewerbung um Olympische Spiele 2024. Aber, ergänzt der deutsche Nationalkeeper, Berlin wolle sich als guter Verlierer zeigen.

Das gilt freilich nicht für die Bundesligapartie am Mittwochabend, wenn die Füchse den HSV Handball in der Schmeling-Halle empfangen (19 Uhr, Sport 1). Nachdem zuletzt Hertha BSC beim Hamburger SV (1:0) und der 1. FC Union gegen St. Pauli (1:0) im Fußball triumphierten, wollen nun die Füchse im Städteduell nachlegen. Heinevetter: „Jetzt wollen auch wir die Punkte gegen Hamburg mitnehmen.“

Platz fünf ist das große Ziel

Für die Füchse ist es im Kampf um Platz fünf, der zur erneuten Qualifikation für den Europapokal berechtigen würde, ein Schlüsselspiel. Nach der bitteren Pleite in Melsungen (24:31) haben sie als Siebter sechs Punkte Rückstand auf den Fünften aus Göppingen. Der HSV rangiert auf Platz acht. Kapitän Iker Romero glaubt an das kleine Wunder. „Ich bin mir sicher, wir schaffen Platz fünf“, sagt der Spanier und vertraut auf sein Team: „Wir haben von 13 Spielen im neuen Jahr nur drei verloren – und das gegen starke Gegner.“

Füchse gegen den HSV ist mehr als ein Topspiel in der Beletage des deutschen Handballs. Seit Jahren birgt dieses Duell eine besondere Brisanz, die Partien sind stets von großen Emotionen geprägt, das hat auch mit den handelnden Personen zu tun. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning formte einst als Trainer den HSV zur Spitzenmannschaft, ehe er sich 2005 aufmachte, den Männerhandball in Berlin wiederzubeleben. Im Sommer 2013 buhlte der Nordklub unverhohlen um die Dienste Heinevetters, das Tauziehen um den Füchse-Star wurde öffentlich ausgetragen. Und am Ende unterschrieb „Heine“ bei den Berlinern einen Vertrag bis 2018.

Beiden Mannschaften mangelt es an Konstanz

Im Frühjahr 2014 gerieten die Hamburger in schwere finanzielle Turbulenzen. Gehälter wurden nicht gezahlt, der Zwangsabstieg drohte. Erst in letzter Instanz bekam der HSV noch die Lizenz für die Bundesliga. Die aktuelle Spielzeit begann mit schmerzlichen Einschnitten. So war der zuvor auf zwölf Millionen Euro geschätzte Saisonetat auf nunmehr sechs Millionen Euro reduziert worden. Die Füchse verfügen über ein Budget von knapp über fünf Millionen Euro. In Berlin sind die Verantwortlichen rückblickend froh, dass der HSV erstklassig geblieben ist. „Hamburg gehört in die Bundesliga“, stellt Hanning unmissverständlich klar.

Der Saisonstart beim HSV verlief mit neuem Trainer und neuem Spielsystem ebenso wie bei den Füchsen holprig. Auf gute Spiele folgten bei beiden Vereinen ernüchternde, ja mitunter blamable Vorstellungen. Bis heute zeigt sich bei den Berlinern, dass sie den Ausfall von Regisseur Bartlomiej Jaszka und Abwehrchef Denis Spoljaric nicht vollends kompensieren können. Konstant ist bei den Füchsen und dem HSV nur die Inkonstanz. „Wir sind beide relativ instabil in dieser Saison“, bestätigt Berlins Trainer Dagur Sigurdsson. Sein Hamburger Kollege Jens Häusler, der Mitte Dezember auf den entlassenen Chefcoach Christian Gaudin folgte, sagt, der HSV sei in dieser Spielzeit wie eine Wundertüte. Es ist seit Wochen die wohl populärste Metapher beim Champions-League-Sieger von 2013. Häusler tröstet sich vor allem mit einer Tatsache: „Wenn man eine Wundertüte öffnet, dann kann ja auch etwas zum Freuen herauskommen“.

Mögliches Treffen im EHF-Cup

Die erheblichen Schwankungen bei beiden Topteams gründen im Saisonstart, dazu kamen im Saisonverlauf immer wieder Verletzte, die beide Trainer zum Umbau oder gar Antreten in Notbesetzung zwangen. Aber auch die englischen Wochen zuletzt in der Gruppenphase des EHF-Cups brachten einen „ganz großen Kräfteverschleiß“, so Häusler: „Es bleibt nicht viel Zeit, um sich mal in Ruhe zusammenzusetzen, Fehler anzusprechen und auszumerzen.“ Dagur Sigurdsson ist jetzt einfach nur froh, nach den englischen Wochen endlich wieder richtig trainieren zu können: „Das tut dem Team gut.“

Und es ist vielleicht nicht das letzte Aufeinandertreffen in dieser Saison. Setzen sich die Hamburger im Viertelfinale des EHF-Cups gegen Eskilstuna Guif (Schweden) durch, sieht man sich beim Final Four wieder. Die Endrunde findet am 16./17. Mai mal wieder in Berlin, der gewachsenen Sportmetropole, statt. Und die Füchse sind nach dem Vorrundensieg als Gastgeber hierfür längst qualifiziert.