Vor Handball-WM

Bob Hanning - „Mit Angst hätte ich den falschen Job“

Bob Hanning ist Füchse-Geschäftsführer und Vizepräsident beim Deutschen Handballbund. Im Interview spricht er über die WM in Katar, die Zukunft des Handballs und die Doppelrolle von Trainer Sigurdsson.

Foto: Reto Klar

Mit den Berlinern Paul Drux und Silvio Heinevetter an Bord flog die deutsche Nationalmannschaft am Dienstag um 10.45 Uhr von Frankfurt nach Katar. Im ersten Gruppenspiel trifft die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) am Freitag auf Polen (17 Uhr, Sky). Im Interview spricht DHB-Vizepräsident und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, 46, über die Chancen des verjüngten Teams in Katar und die Probleme, die die Doppelfunktion von Dagur Sigurdsson als Bundes- und Füchse-Trainer mit sich bringt.

Berliner Morgenpost: Herr Hanning, haben Sie eine neue Uhr?

Bob Hanning: Ja.

Aber die zeigt gar nicht die Zeit an?

Doch, aber sie tut noch viel mehr. Da steht drauf: 31 zu lebende Jahre und fünf Monate und ein Tag, dazu noch die Stunden, Minuten und Sekunden. Das ist der Durchschnitt der durch mein Alter gegebenen Lebenserwartung, immerhin dann schon 77, obwohl ein Mann im Durchschnitt 73 Jahre und eine Frau 81 Jahre alt wird. Irgendwie auch nicht gerecht, oder? (lacht)

Und mit der Uhr wird man älter?

Die Uhr hilft mir zumindest, mein Leben noch bewusster zu leben. Nach dem Motto: Überlege dir, womit du deine Zeit verbrauchst. Denn das Schlimmste sind ja Menschen und Dinge, die dir deine Zeit stehlen. Für mich geht es darum, dass ich ein paar Dinge fortan bewusster tue und bewusster steuern möchte.

Haben Sie schon einen Nutzen daraus gezogen?

Ja, denn ich habe erstmals zu Jahresbeginn schon meinen Urlaub gebucht. Und ein paar zeitliche Anker gesetzt. Ich will nicht mehr der Zeit hinterherlaufen, sondern aktiv die Dinge mehr wahrnehmen, um mich auch dadurch vielleicht ein bisschen mehr daran zu erfreuen. Und ja, es klappt wirklich gut.

Stichwort Urlaub, in Doha herrschen jetzt gerade um die 25 Grad.

Einen Wintermantel muss ich nicht mitnehmen, das beruhigt mich schon (lacht).

Im Ernst, mit welchen Gefühlen fliegen Sie am Donnerstag nach Katar. Angst oder Vorfreude?

Ich bin sehr gespannt, wie diese WM aus deutscher Sicht laufen wird. Wir haben ja im vergangenen Jahr sehr viel verändert, eine ganz neue Struktur um die Nationalmannschaft geschaffen. Ein neuer Trainer, ein neues Co-Trainer-Modell mit zwei Coaches. Es gibt nur noch einen Teamarzt, und wir haben mit Oliver Roggisch ein Gesicht des deutschen Handballs als Teammanager eingestellt. Er versteht das Geschäft, weiß, wie die Spieler ticken und was sie brauchen. Immerhin, das Team um das Nationalteam steht.

Und die Mannschaft selbst?

Da haben wir ein paar Pflöcke eingeschlagen und zum Beispiel das Erscheinen beim Essen in Badelatschen und Mütze verboten, oder auch das Telefonieren bei Tisch. Wir haben einen neuen Anspruch definiert an die Spieler, es ist uns wichtig, dass sie den neuen Stil von innen heraus mittragen. Und man merkt schon, dass es wirkt. Bei der Mannschaft geht es mir um den Grundgedanken, dass es allen wieder Freude macht, für Deutschland Handball zu spielen.

Und, ziehen die Spieler mit?

Wir haben es mit intelligenten Menschen zu tun. Sie sind sich sehr wohl ihrer Verantwortung bewusst. Sie machen das ja nicht für mich. Es ist doch so: Meine Karriere ist gemacht. Ich fahre ein schönes Auto, habe eine schöne Wohnung. Und ich habe bei den Füchsen einen ordentlichen Vertrag. Ich will beim DHB versuchen, eine Nachhaltigkeit in die Sportart zu bekommen, damit wir mit dem Handball überleben.

Ist Ihnen aber nicht bange, mit den vielen jungen deutschen Spielern bei der WM zu bestehen, wo ja in anderen Mannschaften einige erfahrene Spieler stehen, wo einer fast so viele Länderspiele hat wie die deutschen Akteure zusammen?

Wenn ich Angst hätte, wäre ich in meinem Job falsch. Denn der ist nichts für Leute, die Angst haben oder faul sind. Du weißt, du gehst ins Feuer, du weißt, du kannst nicht gewinnen. Du weißt, es wird immer kritisch beäugt. Aber darum geht es auch nicht, sondern darum, dass ich überzeugt bin, etwas bewegen zu können. Und das bin ich, ich mache den Job ausschließlich der Sache wegen. Ich brauche ihn ja nicht. Ich würde viel lieber den Berliner Nachwuchs trainieren.

Der Berliner Paul Drux, 19, ist in Katar mit dabei, Fabian Wiede, 20, wurde gerade doch noch aus dem Kader gestrichen. Beide haben 2014 erst ihre ersten A-Länderspiele bestritten. Was bedeutet Ihnen das emotional, Sie haben schließlich beide in der Jugend ausgebildet.

Ich bin unendlich stolz auf die Jungs und glücklich, dass Paul Drux zur WM fährt. Wichtig ist, dass es gelingt zu zeigen, dass wenn man zielstrebig im Verein an der Entwicklung von jungen Menschen arbeitet, man hinterher auch etwas davon hat. Und Wiede und Drux sind ja für die Füchse der Inbegriff einer erfolgreichen Nachwuchsarbeit. Insgesamt stehen aktuell 15 Spieler aus der Füchse-Jugend in der ersten und zweiten Liga unter Vertag, das macht uns stolz.

Die Olympischen Sommerspiele 2012 wurden verpasst, ebenso die EM 2014. Wenn man in den vergangenen Wochen die Öffentlichkeit verfolgt, scheint die WM in Katar über das Wohl und Wehe des deutschen Handballs zu entscheiden?

Diese Meinung teile ich absolut nicht. Ich bin Realist, man sollte den Leuten keine Dinge suggerieren, die man nicht halten kann. Wir müssen doch klar sehen, wo wir stehen. Es ist nicht gut, irgendwelche Luftschlösser zu bauen, die dann immer nach einer EM oder WM einstürzen und wir dann neue aufbauen.

Dennoch muss sich der DHB ein Ziel für die WM setzen.

Absolut, und das lautet Achtelfinale. Das muss auch unter Berücksichtigung einiger personeller Engpässe möglich sein, egal wie. Das ist die Erfüllung einer deutschen Handball-Pflicht, alles andere wäre eine Nicht-Erfüllung der Norm. Das Viertelfinale wäre mein großer Wunsch, vom Halbfinale träume ich. Aber wir müssen der Realität ins Auge schauen und die ist nicht rosig, sondern die müssen wir wieder rosig werden lassen.

Und wie geht das?

Wir verjüngen den ganzen DHB und geben ihm professionellere Strukturen. Wir haben das Nationalmannschaftssystem erneuert, im nächsten Schritt wird das Nachwuchskonzept nachhaltig verbessert. Da ich kein typischer Funktionär bin, geht mir manches nicht schnell genug, aber ich muss da auch lernen, dass man einen Verband nicht führen kann wie einen Verein.

Was ist so schwer an Ihrem Verbandsjob?

Du gewinnst in Zeiten des Umbruchs bei dem Job ja nicht. Du verlierst vom ersten Tag an. Weil du vom ersten Tag an Leuten wehtust und ihnen vor den Kopf stößt, wenn du Veränderungen durchziehst.

Seit 2009 ist Dagur Sigurdsson Trainer der Füchse. Hilft Ihnen Ihr enges Verhältnis jetzt auch bei der Zusammenarbeit beim DHB?

Das ist eindeutig ein Vorteil, denn ich weiß, was er will und was er nicht will. Umgekehrt ist das genauso. Dagur ist sehr konsequent in seiner Vorgehensweise und sehr fokussiert. Er ist auf jeden Fall der Richtige für den Job. Wenn du solange wie wir miteinander arbeitest, dann weißt du, dass du dir maximal vertrauen kannst. Das ist von Vorteil, aber nicht für die Füchse.

Wie meinen Sie das?

Als es darum ging, ob wir Dagur für die Nationalmannschaft freigeben, haben die Klub-Gesellschafter gefragt: Bob, sag ehrlich, geht das gut? Der Präsident hat gefragt: Hast du das im Griff? Ich habe gesagt: Logisch, kriegen wir alles hin. Und wir haben ihn freigegeben, weil es für den deutschen Handball die bestmögliche Lösung war.

Sie hätten das nicht tun müssen?

Ihn das nicht machen zu lassen, obwohl er es machen wollte, hätte unweigerlich zum Bruch geführt. Ich konnte in der Situation, dass er mit im Topf der Kandidaten war, nicht mehr gewinnen. Ein Gewinn ist es aber für den Verband und den Handball. Aber man muss zugeben: Natürlich ist Dagur – wie auch ich – nicht in der maximalen Fokussierung bei den Füchsen. Das kann man ihm gar nicht übel nehmen. Ich hatte ja gedacht, es sei kein Problem. Heute muss ich sagen: Ich habe mich völlig überschätzt.

Denn auch Sie haben eine Doppelfunktion, ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Füchse bisher in der Bundesliga weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind.

Der Fisch stinkt immer vom Kopf. Und der Kopf bin ich. In positiven wie in negativen Zeiten. Ich habe unterschätzt, wie viel Kraft ich in den DHB investieren muss und habe auch gedacht, beim Klub mehr loslassen zu können. Dann kam auch noch unser Verletzungspech dazu. So stand insgesamt das Gesamtgerüst nicht richtig, von Dagur und mir angefangen bis zur Mannschaft – dann kommst du unweigerlich ins Schwimmen.

Momentan schwimmt die Mannschaft auf Platz zehn.

Wir sind ja verwöhnt. Die Erwartungshaltung ist sehr groß, die haben wir aber selbst geschaffen. Dabei muss man sehen, dass Platz zehn in der Bundesliga genau dem entspricht, wie wir nach einer Geldrangliste der Klubs stehen würden. Aber wir sind noch im EHF-Cup dabei und haben noch die Chance, erneut das Final Four im deutschen Pokal zu erreichen. Wieviele Vereine hätten mal gerne den DHB-Pokal gewonnen wie wir im vergangenen Jahr? Neun Monate ist das her, und die Leute reden von einer Krise.

Zufrieden können aber auch Sie nicht sein.

Man darf sich natürlich nichts vormachen und muss kritisch sein, aber man sollte das Ganze auch nicht dramatisieren, als sei auf einmal alles eine Katastrophe. Ja, es sind Fehler gemacht worden, die Fehler sind erkannt worden, die Aufgabe ist, die Fehler abzustellen.

Was ist in dieser Saison noch möglich?

Es wird darauf ankommen, wer von den verletzten Spielern wie wiederkommt. Wenn wir keine Verletzten mehr haben, wenn die Spieler von der WM gut und nicht zu müde zurückkommen, wenn sich unsere Torhüter wieder finden – kann das noch eine gute Saison werden. Etwas zwischen Platz sechs und Platz acht zu erreichen, muss der Anspruch sein. Wir können uns aber auch noch über den DHB-Pokal qualifizieren, falls wir ins Finale kommen, oder man gewinnt den EHF-Pokal. Insgesamt gilt: Noch ist es nicht aus.