Handball

Tauziehen um Berlins Erfolgstrainer Dagur Sigurdsson

Der Coach der Füchse wird als zukünftiger Bundestrainer gehandelt. Pikanterweise ist ausgerechet Füchse-Manager Bob Hanning als DHB-Vizepräsident mit der Suche befasst

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Es ist nicht schwer, die Personen hinter der Erfolgsstory der Füchse zu benennen. Da wäre einmal Manager Bob Hanning, der vor neun Jahren den schlafenden Riesen weckte, in die Bundesliga führte. Und zum anderen Dagur Sigurdsson, der 2009 nach Berlin kam, den Klub nachhaltig in der Liga etablierte und zuletzt mit dem Pokalsieg zum ersten Titel der Vereinsgeschichte führte. Nun soll hinter verschlossenen Türen bereits beschlossen sein, dass der Füchse-Trainer der richtige Mann sei, die zuletzt so erfolglose deutsche Nationalmannschaft zu neuen Ufern zu führen. Jemanden, der die neue Aufgabe des 41-jährigen Isländers offiziell bestätigen könnte, sucht man allerdings vergebens.

„Ich war schon 2010 ein Kandidat und bin jetzt auch wieder in der Kandidatengruppe“, sagt Sigurdsson, der an diesem Wochenende mit den Füchsen beim Szczypiorno Cup in Polen teilnimmt. „Zu allem anderen gebe ich keinen Kommentar.“

Man muss nicht der große Handball-Experte sein, um auf den Füchse-Trainer als Nachfolger von Martin Heuberger zu kommen, von dem sich der Deutsche Handball Bund (DHB) Mitte Juni trennte, nachdem das deutsche Team sich zum zweiten Mal seit 1997 nicht für eine WM qualifizierte. Abgesehen von konstantem Erfolg und Titeln verfügt Sigurdsson nämlich über eine Qualität, die in der Nationalmannschaft jetzt zu allererst gefragt ist. Er macht aus Jünglingen mit dem ersten Flaum auf der Oberlippe gestandene Bundesliga- oder gar Nationalspieler. Johannes Sellin, 23, und Colja Löffler, 25, und zuletzt Jonas Thümmler, 20, Fabian Wiede, 20, und Paul Drux, 19, die allesamt den Sprung zum Profi schafften, sind die wohl prominentesten Beispiel. Sigurdsson scheint für den Neuanfang des DHB-Teams nahezu berufen.

Hanning in der Zwickmühle

Bemerkenswerterweise bringen die Qualitäten des Erfolgstrainers genau den Mann in eine äußerst missliche Position, der diese am besten kennt: Bob Hanning. Denn der Füchse-Manager ist auch noch DHB-Vizepräsident und pikanterweise mit der Suche nach dem neuen Bundestrainer befasst. „Es wurden schon viele Trainer durchs Dorf getrieben. Wir prüfen gründlich und genau“, sagt Hanning. „Ich führe Gespräche, wir sind in der Phase der Findung, werden aber auch noch mal im Präsidium alles durchsprechen.“

Drei Kandidaten hatten es, seit die Suche begann, scheinbar in die engere Auswahl geschafft: Sigurdsson, Ljubomir Vranjes, Coach des Champions-League-Siegers SG Flensburg-Handewitt, und Noka Serdarusic, dessen Erfolge mit dem THW Kiel allerdings schon sechs Jahre zurückliegen. „Es hat Gespräche mit mir und dem DHB gegeben. Ich bin anscheinend einer der drei noch übrigen Kandidaten“, hatte Vranjes Mitte der Woche erklärt, aber auch gleichzeitig betont, seinen bis 2017 laufenden Vertrag in Flensburg definitiv zu erfüllen. Eine derart langfristige Doppelfunktion kommt für den Verband aber wohl nicht infrage.

Was eigentlich ein Ausschlusskriterium für Sigurdsson sein müsste, denn auch sein Vertrag mit den Füchsen läuft bis 2017. „Ein Bundestrainer muss hauptamtlich arbeiten, das steht außer Zweifel“, sagt Hanning, der aber durchklingen lässt, dass im Präsidium noch darüber geredet werden wird, wie lange die Tolerierung einer Doppelfunktion möglich wäre. Ist sie tolerierbar, spräche wieder Vieles für den Füchse-Trainer, der zu Beginn seiner Tätigkeit in Berlin gleichzeitig die österreichische Nationalmannschaft betreute und bei der EM 2010 sogar in die Hauptrunde führte. „Wir sind in der Findungsphase“, hält sich Hanning erneut bedeckt, „bis zum Super Cup wollen wir eine Entscheidung getroffen haben.“

Auf die Füchse konzentriert

Sigurdsson werden bis dahin nicht nur das Wohl des DHB und sein etwaiger Anteil durch den Kopf gehen, denn beim Supercup treffen die Füchse am 19. August in Stuttgart als Pokalsieger auf Meister Kiel. Vier Tage später starten sie in Göppingen in die Bundesliga. Bis dahin gilt es, die Mannschaft einzuspielen. Was zu allererst bedeutet, den Serben Petar Nenadic zu integrieren, der verpflichtet wurde, weil Bartlomiej Jaszka nach einer Schulter-Operation lange ausfallen wird.

Die Vorbereitung sei „bislang schwierig gewesen“, sagt Hanning, jetzt als Klub-Manager. Mit Jaszka habe „die Mannschaft den Kopf verloren“. Nenadic traue er zu, sich „ins Team zu spielen, aber das wird seine Zeit brauchen“. Zudem hätten bislang Drux und Wiede gefehlt, weil sie in der U-20 zu den Leistungsträgern bei der EM in Österreich gezählt hätten. Iker Romero bekam einen Schlag aufs Knie und kann derzeit nicht voll trainieren, Löfflers rechtes Knie ist dick, weil er es verdrehte.

Bislang habe seine Mannschaft „noch keine starken Gegner gespielt“, sagt Coach Sigurdsson. „Mit der Vorbereitung sind wir im Plan, aber wir werden erst in den nächsten zwei, drei Wochen sehen, wo wir stehen.“ Wo die Reise enden soll, ist klar: „Wir wollen international spielen, also unter die Top fünf der Liga kommen, was nicht ganz leicht wird, denn von hinten kommen Teams wie Magdeburg, Wetzlar oder auch Melsungen. Wenn es gut läuft, können wir aber auch nach oben gucken.“ Dort sieht Sigurdsson Kiel und die Rhein-Neckar Löwen. Schön wäre ein „bisschen Losglück in den beiden Pokalwettbewerben“, dem deutschen, den die Füchse vergangene Saison gewannen, und dem EHF-Cup, in dem sie erst im Halbfinale scheiterten.

Bis zum Super Cup sind die Füchse fast nur noch unterwegs, bis zum Jahresende warten rund 25 Pflichtspiele. Was der Verband „Doppelfunktion“ nennen würde, könnte für Sigurdsson zur „Doppelbelastung“ werden.