Noch 27 Sekunden. Konstantin Igropulo tritt an den Siebenmeterpunkt. Es steht 29:28 im Pokal-Halbfinale zwischen den Füchsen Berlin und der MT Melsungen. Igropulo hat es in der Hand, den Finaleinzug perfekt zu machen. Doch der Russe scheitert. Auf der Füchse-Bank reckt Trainer Dagur Sigurdsson verzweifelt beide Arme hoch, nimmt dann rasch eine Auszeit. Und der Coach wählt offenbar die goldenen Worte. Iker Romero passt anschließend auf den jungen Paul Drux – und der versenkt den Ball mit einem gewaltigen Wurf zum 30:28 (15:13) für die Füchse.

Premiere gegen Flensburg

Und dann hüpfen sie auch schon ausgelassen über das Parkett der Hamburger O2 World: Zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte haben die Füchse beim Final Four um den deutschen Handball-Pokal das Endspiel erreicht. Dort treffen sie an diesem Sonntag (15 Uhr, Sport 1) auf die SG Flensburg-Handewitt, die sich im ersten Semifinale gegen die Rhein-Neckar Löwen mit 30:26 (16:12) durchgesetzt hatte.

Während die Spieler jubilierten und sich bei den 500 mitgereisten Berliner Anhängern bedankten, musste Bob Hanning erst einmal ganz tief durchatmen. „Ich mag ja, wenn es spannend wird, aber der verworfene Siebenmeter am Ende war auch für meine Nerven fast zu viel“, sagte der Geschäftsführer der Füchse, rief dann aber voller Freude aus: „Wir sind wieder in Europa!“ Durch den Einzug ins Pokal-Finale haben die Berliner für die kommende Saison einen Platz im Europapokal sicher. „Deshalb war dieser Sieg über Melsungen für uns doppelt wichtig“, sagte Hanning und war mächtig stolz auf sein Team, allen voran auf die jungen Drux und Fabian Wiede. „Wir sind für unseren Mut und unsere Leidenschaft belohnt worden.“

Spieler im Berliner Team haben schon 70 Titel gewonnen

Und dann konnte sich Hanning einen Seitenhieb auf den HSV Handball nicht verkneifen. „Unsere jungen Spieler haben gezeigt, dass sie eine Daseinsberechtigung haben, in dieser Halle zu spielen.“ Zur Erinnerung: Vor zwei Wochen hatte HSV-Präsident Andreas Rudolph die Berliner für den Einsatz seiner Jung-Füchse massiv kritisiert („Unsportlichkeit“). Wiede bedankte sich für das Vertrauen seines Trainers, „denn darauf kann man dann aufbauen. Gleich im ersten Jahr im Profiteam einen Titel zu holen, das wäre natürlich super“, sagte Wiede.

Nun also Flensburg, der Traditionsverein aus dem hohen Norden mit all seiner Pokal-Erfahrung. „Das ist eine sehr, sehr gute Mannschaft, aber wir sind auch eine sehr, sehr gute Mannschaft“, sagte Hanning und schob hinterher: „Wenn man wie wir ein Finale erreicht, dann will man es auch gewinnen.“ Ähnlich formulierte es Dagur Sigurdsson. „Auch wenn das jetzt viele nicht glauben wollen, aber wir wollen das Finale auch gewinnen“, sagte der Isländer. Es wäre der erste Titel der Vereinsgeschichte. „Und wir haben genug Erfahrung im Team, meine Spieler haben schon zusammen um die 70 Titel gewonnen.“

Torhüter Heinevetter rettet seine Mannschaft mit starken Paraden

Wie man einen Sieg feiert, wissen Berlins Handballer natürlich auch. Nur 20 Minuten nach dem Halbfinalerfolg wuchtete Mannschaftsarzt Jürgen Bentzin einen Kasten Bier in die Kabine. Bob Hanning behielt dabei einen nüchternen Blick und träumte vom Maximum. „Unsere Mannschaft kann in sechzig Minuten an einem neutralen Ort, wenn alles passt, jede Mannschaft schlagen.“

Das galt am Sonnabend auch gegen Melsungen. Vor den Augen der Handball-Legenden Joachim Deckarm und Bernhard Kempa sowie insgesamt 12.850 Zuschauern übernahmen die Füchse gleich die Führung durch einen schönen Treffer von Spielmacher Bartlomiej Jaszka. Von Beginn an spielte Pavel Horak im halblinken Rückraum der Berliner. Der Tscheche hatte nach einem Sehnenriss im linken Fuß seit Februar pausieren müssen, meldete sich erst kurz vor dem Final Four wieder fit. Und Sigurdsson schenkte ihm das Vertrauen. Es sollte aber bis zur 26. Minute dauern, bis der Rückraumshooter endlich wieder einen Torerfolg feiern durfte.

Nationalspieler Müller schwer in den Griff zu bekommen

Beide Mannschaften begannen leidenschaftlich, konnten aber ihre Nervosität nicht verbergen. Und rasch wurde klar, dass die Torhüter eine zentrale Rolle in der Partie einnehmen würden. Bei den Füchsen spielte sich Silvio Heinevetter mehr und mehr in einen Rausch, auf Seiten der Melsunger zeigte der Schwede Mikael Appelgren starke Reflexe. Die Füchse konnten sich zunächst einen leichten Vorteil herausspielen, allerdings bekamen sie Ex-Nationalspieler Michael Müller nicht so recht in den Griff. Der bullige Linkshänder tankte sich immer wieder rücksichtslos und mit Erfolg durch die Berliner Abwehr und überwand Heinevetter. Müller war es auch, der Melsungen in Führung brachte. 7:5 stand es nach 16 Minuten für die Nordhessen.

Irgendwie fehlte im Angriff der Füchse in dieser Phase die Durchschlagskraft, das spürte auch Sigurdsson und stellte seine Mannen in einer Auszeit wieder neu ein. Mit Erfolg, denn die Berliner kämpften sich immer mehr in die Partie hinein, waren nun zu einhundert Prozent da. Mit einem Gewaltwurf aus dem Rückraum stellte Kapitän Iker Romero den Pausenstand her.

Zwischendurch beträgt der Vorsprung fünf Tore

Gleich zu Beginn der zweiten Hälfte parierte Torwart Heinevetter gegen seinen Nationalmannschafts- und früheren Klub-Kollegen sowie guten Freund Johannes Sellin einen Siebenmeter, es war der Beginn eines furiosen Sturmlaufs der Berliner. Binnen weniger Minuten bauten sie ihren Vorsprung auf fünf Tore aus (23:18, 41.).

Die Vorentscheidung? Noch nicht, denn Melsungen stachelte der Rückstand an, die Hessen kämpften sich erneut heran. Doch die Füchse waren nicht mehr gewillt, ihren Vorsprung aus der Hand zu geben. Auch wenn es am Ende noch einmal ganz eng wurde.