Die Abende während eines Trainingslagers können einem Sportler schon mal lang werden. Und nach den kräftezehrenden Einheiten immer nur auf dem Smartphone herumspielen, ist auf Dauer auch nicht das Wahre. Clever ist, wer ein Kartenspiel dabei hat. „Wir haben jeden Abend Skat gespielt“, erzählt Silvio Heinevetter, Torhüter der Füchse.
Ihm gegenüber saß dabei immer einer: Johannes Sellin, einst in Berlin zum Handball-Nationalspieler ausgebildet und seit dieser Saison bei MT Melsungen unter Vertrag. Vor einer Woche noch waren die beiden Auswahlakteure gemeinsam für die deutsche Nationalmannschaft unterwegs, an diesem Sonnabend aber, wenn um 17.45 Uhr in Hamburg (Sport 1) das zweite Halbfinale um den deutschen Pokal angepfiffen wird, werden sie zu Kontrahenten. „Wir werden uns da voll und ganz reinhauen und volle Pulle gehen“, sagt Torhüter Heinevetter, „denn wir wollen unbedingt ins Finale.“ Im ersten Halbfinale (15 Uhr) treffen die Rhein-Neckar Löwen und die SG Flensburg-Handewitt aufeinander.
Seit Freitag weilen die Füchse in Hamburg, bereiten sich dort auf ihre Premiere beim Pokal-Final-Four vor. Bei Silvio Heinevetter läuft ein ganz individuelles Programm auf das wichtigstes Füchse-Spiel der jüngsten Vereinsgeschichte ab. Auf dem Computer studiert er die Wurfbilder des Gegners. Direkt vor dem Anwurf geht er dann noch einmal im Geiste Spielszenen durch, immer wieder stellt er sich vor, wie er auf welchen Wurf reagiert. Visualisieren nennt er diese Form der Vorbereitung.
Horak und Drux sind wieder fit
Und dann hoffen die Füchse, dass Sonnabend so ein Tag ist, an dem der Schlussmann über sich hinauswächst. Das wäre zu wünschen, „denn im Halbfinale kommt es vor allem auf eine exzellente Defensive an“, sagt Trainer Dagur Sigurdsson voraus. Und Geschäftsführer Bob Hanning weiß um die sich oft bewahrheitende Sport-Weisheit: „Der Angriff gewinnt Spiele, aber die Abwehr Titel. Deshalb müssen Silvio Heinevetter und Petr Stochl das Tor zu machen, und Denis Spoljaric muss die Abwehr organisieren. Da gibt es keine Ausreden.“
Ausreden könnten sein, dass die Füchse in den vergangenen Wochen mit vielen Verletzten haben klarkommen müssen. Zwar meldeten sich die halblinken Rückraumspieler Pavel Horak und Paul Drux wieder fit, „aber wir können da noch keine Wunderdinge erwarten“, sagt Sigurdsson, „uns fehlt der Rhythmus, das ist alles sehr knapp.“ Zudem hat mit Bartlomiej Jaska ausgerechnet Berlins Spielmacher eine lädierte Schulter. „Aber wir werden das Beste daraus machen“, sagt Sigurdsson, er lächelt: „Ich hatte schon weniger Spieler an Bord.“
Jede Mannschaft kann jede schlagen
Das Spiel gegen Melsungen wird ein Duell auf Augenhöhe. „Wenn alles passt, haben wir eine der besten Abwehrreihen der Liga“, sagt Sigurdsson selbstbewusst, „und wir haben neben viel Routine auch junge Leute, die frisch und spritzig sind.“ Es gelte, die richtige Mischung zwischen Abwehr und Angriff hinzubekommen. Und das Rückzugsverhalten müsse stimmen. Sportkoordinator Volker Zerbe, einst als Spieler mit dem TBV Lemgo dreimal siegreich im Pokal, ist nicht bange. „Denn so ein Pokalspiel setzt bei jedem Spieler noch einen Extra-Schub frei.“
Melsungen vor der Brust, aber das Pokal-Finale am Sonntag (15 Uhr) schon im Blick? So denken sie bei den Füchsen nicht, obgleich sie natürlich nach Hamburg reisten mit dem Ziel, den ersten Titel der Vereinsgeschichte zu gewinnen. „Es wäre ja fatal, wenn wir ins Halbfinale gehen würden mit dem Gedanken, Kräfte zu sparen für ein mögliches Finale“, sagt Heinevetter. „Wenn wir das Endspiel erreichen, müssen wir neu planen. Fakt ist aber, dass in Deutschland zurzeit im Handball jede Mannschaft jede Mannschaft schlagen kann.“





