Das Lob kommt aus berufenem Mund: „Johannes ist ein unkomplizierter, offener Typ, nicht zuletzt deshalb ist er auch menschlich ein Gewinn“, sagt Michael Roth, der Trainer des Handball-Bundesligisten MT Melsungen. Johannes Sellin, der Gelobte, berichtet auch Positives: „Ich fühle mich hier sehr wohl.“
Der 22-Jährige hat es gut getroffen: Er wollte den nächsten Schritt machen, als er nach sechs Jahren bei den Füchsen Berlin im Sommer dieses Jahres zum Klub aus dem hessischen Städtchen (13.000 Einwohner) 20 Kilometer südlich von Kassel wechselte. Jetzt ist er bei der Melsunger Turngemeinde Stammspieler, nicht selten steht er die kompletten 60 Minuten auf dem Feld. „Alles läuft so, wie ich mir das vorgestellt habe“, sagt der Linkshänder.
Natürlich, gibt er ehrlich zu, sei am Sonntag „ein besonderes Spiel“. Zum ersten Mal nach seinem Wechsel kommt er nach Berlin zurück, wenn die Füchse in der Max-Schmeling-Halle (17.15 Uhr) Melsungen empfangen. „Ich freue mich auf das Wiedersehen. Bei mir ist da nichts geblieben, kein Problem“, fügt er gleich an. Ganz freiwillig war sein Abgang aus der Hauptstadt nämlich nicht. Die Füchse waren nicht wirklich an einer Verlängerung des Vertrages interessiert, denn nicht immer war Trainer Dagur Sigurdsson mit der Arbeitseinstellung des Nachwuchsmannes zufrieden.
Man kam nicht mehr zusammen, was sicherlich besonders Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning schwer gefallen sein dürfte. Er hatte den hoch talentierten Sellin als 16-Jährigen von der Insel Usedom nach Berlin geholt. Als „mein Projekt“ hat Hanning ihn einmal bezeichnet. Nicht nur im sportlichen Bereich, auch was das Schulische (2011 machte er sein Abitur) und den menschlichen Reifeprozess betraf, hatte Hanning stets ein strenges Auge auf den jungen Mann.
Viel Lob vom Bundestrainer
Jetzt hat sich Sellin abgenabelt – und spielt in der neuen Umgebung eine hervorragende Rolle. „Er bekommt mehr Spielzeit als in Berlin – und uns hilft er sehr“, sagt Roth. 89 Tore hat Sellin bisher in der Liga erzielt, 5,2 im Schnitt pro Spiel. In der Torschützenliste steht er damit auf Rang 13. „Für mich ist das keine Überraschung“, erklärt Hanning, „ich habe das erwartet, er hat seinen Weg konsequent fortgesetzt.“
Hanning ist hin- und hergerissen: Zum einen freut ihn die Entwicklung des von ihm so lange Geförderten, andererseits ist auch Fakt, dass ein Spieler mit sehr guter Perspektive aus dem „Fuchsbau“ verloren gegangen ist.
Ein weiteres Lob kommt von Bundestrainer Martin Heuberger: „Johannes gehört die Zukunft.“ Er setzt auf den Rechtsaußen, der 2011 mit der Junioren-Nationalmannschaft Weltmeister wurde. Der Trainer damals hieß – Martin Heuberger. Bisher hat Sellin 16 Länderspiele bestritten, in denen er 47 Tore erzielte.
Aber im Vordergrund steht für Sellin der Klub. Dass die MT überraschend Tabellensechster ist und im Pokal-Viertelfinale steht, ist auch mit sein Verdienst. „Wir stehen da, wo wir realistisch hingehören“, erklärt Sellin selbstbewusst. „Die Mannschaft wurde punktuell sehr gut verstärkt und nimmt eine tolle Entwicklung, in der Breite sind wir jetzt besser aufgestellt als vorher.“
Trainer Roth, einst als Spieler mit Olympiasilber bei den Spielen 1984 in Los Angeles dekoriert, hat Schritt für Schritt ein gutes Team aufgebaut und innerhalb von drei Jahren aus einem Abstiegskandidaten eine Mannschaft gemacht, die es bis ins vordere Tabellen-Drittel geschafft hat. „Wir werden jetzt ganz anders wahrgenommen“, stellt der 51-Jährige nicht ohne Stolz fest. Und fügt lächelnd hinzu: „Wir sind heute keine Bratwurst mehr wie vor Jahren.“
Sellin glaubt, dass die MT noch lange nicht am Ende der Entwicklung ist. Und daher hat er auch vor kurzem seinen bis 2015 laufenden Vertrag gleich vorzeitig bis 2017 verlängert. Bei sich selbst sieht er „schon noch Potenzial nach oben“. Mangelnde Konstanz wurde ihm in Berlin immer mal vorgeworfen. „Das ist schon viel besser geworden“, findet er. Es helfe ihm sehr, „dass ich viel Spielzeit bekomme.“ Doch er sagt auch: „Ich bin noch nicht bei 100 Prozent.“




