Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit, und sie hat nicht nur mit dem fachlichen Können zu tun. Wenn Bob Hanning etwas vom THW Kiel übernehmen könnte, ist die Antwort rasch gefunden. „Filip Jicha ist einer meiner Lieblingsspieler, er ist das Alleinstellungsmerkmal des THW, und ich könnte ihn mir auch gut bei uns vorstellen“, sagt der Geschäftsführer der Füchse Berlin vor dem Duell mit dem deutschen Handball-Rekordmeister an diesem Sonntag (15 Uhr, Schmeling-Halle).
Jicha, Kiels Ausnahmespieler und Welthandballer von 2010, sagt über den Hauptstadtklub: „Ich bin schon immer ein Fan der Füchse. Dort spielt mein bester Freund Petr Stochl und ich habe enormen Respekt vor dem, was der Verein in den vergangenen Jahren geleistet hat.“
Füchse Berlin gegen den THW Kiel, das ist im deutschen Handball das Gütesiegel für höchste Qualität. Die Rahmenbedingungen für das Spiel sind dem Liga-Gipfel angemessen. Für 17.000 Euro wurde in der Schmeling-Halle eine Zusatztribüne aufgebaut, so dass nun 10.000 Zuschauer in die Arena passen.
Mit Klaus Wowereit ist am Sonntag auch erstmals der Regierende Bürgermeister bei den Füchsen zu Gast. „Wir hätten gegen Kiel auch das Olympiastadion füllen können. Dieser Weltrekord hätte funktioniert“, frohlockt Hanning.
Bereits um 12.30 Uhr empfängt die A-Jugend der Füchse im Topspiel der Jugend-Bundesliga Verfolger SC Magdeburg (beide Teams haben 20:0 Punkte) in der Schmeling-Halle. Wer Tickets für die Profis besitzt, hat für die Partie des Nachwuchses freien Eintritt.
Vier Stars verließen den Verein
Beim Blick auf die Bundesliga-Tabelle wird schnell klar, welch große Chance die Füchse am Sonntag haben. Mit einem Sieg über den 18-maligen Deutschen Meister würden sie den THW überholen und ihren Spitzenplatz in der Beletage des Handballs untermauern.
Faktisch müsste man die Berliner dann sogar zum Kreis der Meisterschaftsfavoriten zählen. „Das ist albern und lächerlich“, winkt Hanning vehement ab, „wir gehen in Berlin bewusst einen anderen Weg, setzen auf die Integration deutscher Nachwuchsspieler und haben einen viel kleineren Etat als Kiel oder der HSV Handball.“ Die Mannschaft gebe jedes Mal ihr Bestes, „aber es wäre unfair, etwas von ihr zu verlangen, was unrealistisch ist.“ Aber der Geschäftsführer sagt auch: „Wir sind in der Lage, jede Mannschaft zu besiegen.“
Die Bilanz spricht freilich für den Rekordmeister von der Förde. Seit dem Aufstieg in die Bundesliga 2007 haben die Füchse 16 Pflichtspiele gegen Kiel bestritten, sie siegten nur einmal. Am 19. September 2010 gewannen die Berliner in eigener Halle 26:23 – trotz 13 Jicha-Toren. In der vergangenen Saison trotzten die Füchse dem THW immerhin ein Unentschieden (26:26) ab und beendeten damit die Kieler Siegesserie von 50 nationalen Pflichtspielerfolgen hintereinander. „Wenn man mir vorher sagt, wir holen ein Unentschieden, würde ich das sofort unterschreiben“, sagt Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson. Aber der Isländer weiß natürlich auch, dass mit ein bisschen Glück sogar mehr drin ist. „Kiel ist in dieser Saison schlagbar“, sagt Füchse-Kapitän Iker Romero und funkelt mit seinen Augen, „die Liga ist so spannend wie lange nicht mehr.“
Nicht mehr die Nummer eins im Norden
Das liegt an den Füchsen, die nach dem großen personellen Umbruch (sechs Abgänge, vier neue Spieler von außen plus zwei Jugendspieler) überraschend an der Spitze mitmischen, aber auch an der neuen Verwundbarkeit des THW. Im Sommer verließen Torhüter Thierry Omeyer sowie die Weltstars Daniel Narcisse, Marcus Ahlm und Momir Ilic den Verein, Trainer Alfred Gislason war zu einem Neuanfang gezwungen – und der Isländer bekam vom Aufsichtsrat die Erlaubnis, nicht wie in den Vorjahren in allen drei Wettbewerben (Champions League, Meisterschaft, Pokal) den Titel holen zu müssen. Aber natürlich ist der aktuelle Kader immer noch auf einem Topniveau, nur ist beim THW die Titelgarantie quasi abgelaufen.
Gegen Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt hatten die Kieler Ende November im 53. Nordderby mit dem 30:34 ihre zweite Saisonniederlage hinnehmen müssen, seitdem träumt man in Flensburg vom zweiten Meistertitel nach 2004. „Wir haben uns danach geärgert, dass wir die Liga wieder spannend gemacht haben“, sagt Jicha. Für die Bundesliga war der Flensburger Erfolg aber ein Glückfall, ist doch das Titelrennen offen wie schon lange nicht mehr. Es hat sich zu einem Fünfkampf entwickelt, denn neben Flensburg, Kiel und Berlin sind auch die Hamburger und Rhein-Neckar Löwen noch in Schlagdistanz. Viel wird davon abhängen, in welcher Verfassung die Nationalspieler von der EM im Januar in Dänemark zurückkehren und welche Kraftreserven dann noch in der Rückrunde vorhanden sind.
Eine stabile Abwehr muss es richten
„Der THW weiß, dass er nach der Niederlage in Flensburg keine Punkte mehr liegen lassen kann auf dem Weg zum Titel“, sagt Sigurdsson und sieht daher seine Füchse als Außenseiter: „Wir sind nicht oft der Underdog, aber in dem Spiel sind wir es.“ Der Coach setzt auf eine stabile Abwehr, „denn nur so kann man Kiel knacken. Sonst haben wir keine Chance.“





