Iker Romero ist ein herzlicher Mensch. Der Spanier in Diensten der Füchse Berlin hat stets ein Lächeln auf den Lippen, er geht offen und vorbehaltlos auf Menschen zu und erobert diese meist im Sturm. Auf dem Handballfeld hat der Publikumsliebling schon so manche Partie entschieden. Heute Abend führt der 33-Jährige seine Mannschaft zum Liga-Auftakt bei der MT Melsungen zum ersten Mal als Kapitän aufs Feld und freut sich: „Ich nehme meine Rolle als Spielführer sehr ernst, und sie bereitet mir viel Spaß.“
Die Verantwortung auf Romeros Schultern ist nur eine der Neuerungen beim Berliner Bundesligisten. Im Sommer vollzogen die Füchse den bislang größten Personalumbruch ihrer Vereinsgeschichte. Gleich sechs Spieler, darunter Leistungsträger wie der bisherige Spielführer Torsten Laen, verließen den Verein. Nach zwei Jahren in der Champions League treten die Berliner ab November erstmals im EHF-Cup an und gelten dort als Mitfavorit auf den Titel. Das Training der Füchse, egal ob für die Ausdauer, Kraft oder mit dem Ball, findet seit Anfang Juli im sogenannten Füchsetown im Sportforum Hohenschönhausen statt. Der Jugend- und der Profisport sind damit unter einem Dach vereint. „Damit geht für mich ein Traum in Erfüllung“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning.
Etat bei knapp fünf Millionen Euro
Während die 18 Vereine in der Handball-Bundesliga (HBL) mit einem leicht verringerten Gesamtetat von insgesamt 72,8 Millionen Euro (73,2 Millionen Euro im Vorjahr) die neue Spielzeit planen, ist das Budget bei den Füchsen mit knapp fünf Millionen Euro gleich geblieben, und das obwohl noch immer kein Hauptsponsor gefunden ist. Zwar ist die Saison seriös durchfinanziert, doch Manager Hanning sagt auch: „Wir müssen unbedingt über den EHF-Cup Geld verdienen.“ Heißt im Klartext, dass die Mannschaft von Cheftrainer Dagur Sigurdsson mindestens das Viertelfinale des zweitklassigen Europapokalwettbewerbs erreichen sollte. Wenn es mit dem Sprung unter die besten acht Teams klappt, können sich die Füchse zudem um die Austragung des Final Four bemühen, wären bei einem Zuschlag für das Finalturnier automatisch qualifiziert.
Nur hauchdünn hatten die Berliner in der vergangenen Woche die erneute Teilnahme an der finanziell lukrativen Champions League verpasst. Gegen den amtierenden Champion HSV Handball hatten die Füchse sich als ebenbürtiger Gegner erwiesen, dem jedoch am Ende die Kraft ausging. Nach Hin- und Rückspiel (30:30 und 26:27) fehlten letztlich zwei Tore. „Aber für uns ist das auch ein Vorteil, weil die jungen Spieler noch mehr trainieren können und sie so die Chance haben, sich weiterzuentwickeln“, sagt Hanning. Erst Ende November steht das erste Spiel im Europapokal an, bis dahin liegt die Konzentration auf der Bundesliga.
Kampf um Europa
Wie immer zu Beginn einer Saison treibt Trainer und Spieler die Frage um, wo man steht, wie effektiv die Vorbereitung war und wie gut die neuen Spieler integriert sind. Der THW Kiel ist in der Beletage des deutschen Handballs nicht mehr das Maß aller Dinge, einige Experten halten die SG Flensburg-Handewitt für den großen Titelaspiranten. Dazu kommen die Rhein-Neckar Löwen und der HSV Handball. Dahinter kämpfen mit den Füchsen gleich mehrere Mannschaften um den Anschluss an die Spitze. „Die Konkurrenz ist sehr groß“, weiß Sigurdsson, „wir haben da wenig Platz für Fehler.“ Um so wichtiger sei ein guter Start in Melsungen. „Das wird gleich eine schwere Aufgabe.“ Die Berliner feiern heute ein Wiedersehen mit ihrem früheren Rechtsaußen Johannes Sellin, der die Füchse im Sommer verließ.
Für Sellin flitzt jetzt Mattias Zachrisson (kam von IF Guif) auf der Außenbahn. Bei den Olympischen Spielen hat der Schwede die Silbermedaille gewonnen, jetzt kämpft er mit Markus Richwien um die Nummer eins. Ebenfalls neu sind Linksaußen Fredrik Petersen (HSV), Jesper Nielsen (IK Sävehof) und Pavel Horak (FA Göppingen), aus der eigenen Jugend rückten Jonas Thümmler und Fabian Wiede in den Profi-Kader. „Ob die Mannschaft erfolgreicher ist als die des vergangenen Jahres, kann ich nicht sagen. Ich habe jedoch ein deutlich besseres Gefühl beim jetzigen Team“, sagt Hanning, für den das Erreichen des Europapokals oberste Priorität hat. Mindestens EHF-Cup, gern auch die Champions League. Zudem haben die Berliner die Möglichkeit, über den DHB-Pokal Meriten zu erwerben.
Die Vorbereitung lief außerordentlich gut und fast ohne Störfeuer. Einzig die Knie-Verletzung von Nationalspieler Sven-Sören Christophersen ärgert die Verantwortlichen. „Sie dauert länger als gedacht, so dass er uns zum Saisonstart noch nicht helfen kann“, sagt Sigurdsson. „Aber unser Spielsystem klappt schon sehr gut, alle neuen Spieler sind super integriert. Sie haben gezeigt, dass sie uns helfen können“, sagt der Isländer. Als Saisonziel gab der Coach „Platz vier bis sechs“ an. „Wenn alles perfekt läuft, geht es vielleicht ein wenig nach oben.“
Als harmonisch und extrem motiviert beschreibt Romero die Stimmung in der Mannschaft, der Zusammenhalt sei groß. „Wir haben super trainiert und sind bereit“, sagt der Spanier und lächelt: „Wir sind wieder hungrig auf Siege.“





