Neulich war endlich seine Frida für ein paar Tage da. Ist für das Liebespaar ja nicht so leicht mit dem gegenseitigen Besuchen, immerhin sind Jesper Nielsen und seine Freundin Handballprofis. Während Nielsen seit diesem Sommer bei den Füchsen Berlin unter Vertrag steht, geht die schwedische Nationalspielerin Frida Tegstedt mit dem IK Sävehof in der Champions League auf Torjagd.
Freie Zeit ist in diesem Job rar. Umso mehr haben die beiden die Tage in Berlin genossen. Sie waren auf der Museumsinsel, lernten bei einer Stadtrundfahrt viel über die deutsche Hauptstadt und flanierten Hand in Hand durch Prenzlauer Berg, dort entlang also, wo Nielsen auch eine Wohnung gefunden hat. „Berlin ist wirklich eine aufregende Stadt“, sagt Nielsen, der mit den Füchsen an diesem Sonntag Champions-League-Sieger HSV Handball in der Schmeling-Halle empfängt (17.15 Uhr, Sport1).
Nielsen hat insgesamt fünf Kilogramm abgenommen
Allzu oft kommt der Schwede freilich nicht dazu, seine neue Heimat richtig zu erkunden. Die ersten drei Monate waren für den 24-Jährigen doch recht stressig. Zum ersten Mal überhaupt spielt Nielsen außerhalb Schwedens, er musste sich erst an die neuen Gegebenheiten gewöhnen. Und natürlich an die neue Sprache, denn bei den Füchsen spricht man deutsch.
„Ich verstehe es schon sehr gut, nur mit dem Sprechen hapert es noch ein bisschen“, sagt Nielsen und lächelt: „Unseren Trainer verstehe ich schon sehr gut.“ Das ist mithin wohl auch das Wichtigste, der Rest kommt mit der Zeit von ganz allein. Und wenn nicht, klingelt es in der Mannschaftsklasse, denn in der Kabine des Bundesligisten wird jedes schwedische Wort umgehend bestraft. Auch wenn Nielsens Landsmann Mattias Zachrisson lachend erzählt: „Ich habe eine Flatrate.“
Er musste Laen und Pevnov ersetzen
Als Jesper Nielsen Anfang Juli nach Berlin kam, hätte die Herausforderung kaum größer sein können. Am Kreis waren nach dem Abgang von Kapitän Torsten Laen (nach Kopenhagen) und Evgeni Pevnov (nach Göppingen) gleich beide Stellen auf der Schlüsselposition vakant. Nielsen, der mit IK Sävehof bereits drei nationale Meisterschaften gewonnen hat und zum besten Defensivspieler der schwedischen Eliteliga gekürt worden war, trat an, diese große Lücke zu schließen.
Und womöglich half es ihm dabei, sich gar nicht erst zu viele Gedanken darüber zu machen, ob er dazu auch in der Lage sei. Nielsen trainierte lieber mit vollem Einsatz: Taktik und Technik bei Chefcoach Dagur Sigurdsson, Kraft und Ausdauer bei Athletiktrainer Erik Helm.
Die Füchse gingen ein ziemlich hohes Risiko ein
Prompt purzelten die Pfunde. Fünf Kilogramm hat Nielsen abgenommen, seine Muskeln sind jetzt viel klarer definiert, der Zweimetermann ist spritziger und kann dennoch ordentlich dagegen halten. „Jetzt hat Jesper eine Figur wie ein richtiger Leistungssportler“, freut sich Geschäftsführer Bob Hanning.
Trotz seiner Erfolge war die Verpflichtung Nielsens ein Risiko für die Füchse. Als größte Unbekannte hat Hanning den Schweden denn auch im Sommer bezeichnet und war gespannt auf dessen Entwicklung. Heute sagt der Manager, dass es die richtige Entscheidung war. In der Abwehr macht Nielsen einen richtig guten Job, im Angriff hat er noch Luft nach oben. „Nielsen lebt in der Defensive von unserem Abwehrchef Denis Spoljaric und im Angriff von Iker Romero und Co., Jesper ist auf einem guten Weg.“
Er profitiere maßgeblich von seinem Umfeld. „Nielsen tut gut daran zu erkennen, dass er noch Lehrling ist“, mahnt Hanning. „Es ist immer wichtig, dass die Spieler auch gucken, warum sie gut sind und inwieweit die Rahmenbedingen dafür mitverantwortlich sind.“
Von Tag zu Tag versteht er die Bundesliga besser
Trainer Sigurdsson freut sich, dass Nielsen fünf Kilo leichter ist, denn so fällt ihm der schnelle Rückzug doch bedeutend einfacher. „Jesper ist jetzt viel athletischer, und wir sind froh, wenn er jedes Training gut durchkommt.“ Denn Nielsen spielt fast jede Partie so gut wie durch. Der zweite Mann am Kreis, Jonas Thümmler, wird ganz behutsam für die stärkste Handball-Liga der Welt aufgebaut. Die Einsätze des 20-Jährigen sind bisher noch eher kurz.
Nielsen selbst ist mit seiner Entwicklung zufrieden. „Von Tag zu Tag verstehe ich die Bundesliga besser“, sagt der 24-Jährige, der bei jedem Spiel immer wieder begeistert ist über die Zustimmung der Fans. „In Schweden kommen maximal 1000 Zuschauer, hier sind es gut 6000, 7000. Das macht natürlich viel mehr Spaß und reißt einen als Spieler richtig mit“, sagt er. Da vergisst er auch die Schmerzen am Oberkörper, denn wie jeder Kreisläufer ist auch Nielsen nach hart umkämpften Spielen oft schwer gezeichnet. „Ich habe überall blaue Flecken“, sagt er.
Künftig wichtigere Rolle in der Nationalmannschaft
Und es sind auch mehr als seinerzeit in Schweden, „denn die Bundesliga ist deutlich schneller und brutaler. Körperlich wird einem hier alles abverlangt.“ Um seine Reserven aufzufüllen und die Sehnsucht nach Schweden zu stillen, fährt Nielsen hin und wieder zu Ikea und bestellt sich eine ordentliche Portion Köttbullar. Die Hackfleischbällchen in Rahmsoße mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren sind sein Leibgericht. „Und bei dem harten Training baue ich die Kalorien schnell wieder ab“, sagt er.
Nielsen hat bei den Füchsen sportlich den nächsten Schritt gemacht, das blieb auch Staffan Olsson nicht verborgen. Der schwedische Bundestrainer, der von 1996 bis 2003 beim THW Kiel glorreiche Zeiten erlebte, war schon in der Schmeling-Halle zu Gast, um neben Nielsen auch Fredrik Petersen und Mattias Zachrisson zu beobachten.
Nielsens Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2015
„Wir haben uns anschließend unterhalten“, sagt Jesper Nielsen, „Olsson sagte, dass er mir künftig eine größere Rolle im Team geben will. Bisher habe ich ja nicht so viel gespielt. Der Wechsel in die Bundesliga war ein sehr wichtiger Schritt für mich, ja, er war unabdingbar, um in der Nationalmannschaft durchzustarten.“
Bis 2015 läuft Nielsens Vertrag bei den Füchsen. Gut möglich, dass der Schwede noch länger in Berlin bleibt. Sein Wunsch ist es, dass seine Frida im nächsten Jahr zu ihm an die Spree zieht. „Aber dann wäre es gut, wenn die Berliner Handballerinnen in der Ersten Liga spielen.“ Aktuell stehen die Zeichen gut, nach vier Siegen in vier Spielen liegen die Spreefüxxe auf Aufstiegskurs.





