Ein paar Minuten lang hatte sich Bob Hanning das Ganze angeschaut: Die Gruppe von Journalisten, die sich vor dem Kabinengang in der Max-Schmeling-Halle um Paul Drux versammelt hatte, um den jungen Handballer der Füchse zu befragen. Dann kam der Geschäftsführer des Bundesligisten angestapft und wurde deutlich: „Feierabend jetzt! Er hat morgen Vormittag wieder ein Spiel.“ Ende der Durchsage. Drux verabschiedete sich höflich und trollte sich in Richtung Kabine.
Es hatte sicherlich etwas Gluckenhaftes, wie sich Hanning um den 18-Jährigen kümmerte. Aber er tat es mit Bedacht. „Jubelt die Jungen bloß nicht zu schnell hoch“, ermahnt Hanning gern die Medienvertreter mit Blick auf die Berliner Nachwuchskräfte Jonas Thümmler, 20, Fabian Wiede, 19, und eben Drux. Aber nicht weniger stolz war er am Samstagabend, nachdem dieses Trio beim 34:19 gegen den Tabellenletzten TV Emsdetten im Mittelpunkt gestanden hatte.
Bei der A-Jugend am Fuß verletzt
Trainer Dagur Sigurdsson hatte ihnen das Vertrauen geschenkt – und sie lieferten: Drux und Wiede erzielten jeweils fünf Tore, Thümmler traf viermal. „Wahnsinn“, kommentierte Drux, der in dieser Saison zum ersten Mal im Profikader gestanden hatte. Im vergangenen Jahr war er bereits sowohl in der Liga als auch in der Champions League zum Einsatz gekommen. Daher sei er diesmal „nicht mehr ganz so aufgeregt“ gewesen.
Im Gegensatz zu den beiden anderen darf Drux noch in der A-Jugend spielen, die von Hanning trainiert wird. Noch am Abend nach dem Spiel gegen Emsdetten fuhren Coach und Spieler die 225 Kilometer ins sächsische Freiberg, wo am Sonntagvormittag um 11 Uhr die Partie in der A-Jugend-Bundesliga Gruppe Ost bei der HSG Freiberg anstand. 35:25, achter Sieg im achten Spiel für das Team, das unter Hanning 2011, 2012 und 2013 deutscher A-Jugend-Meister wurde. In den vergangenen beiden Jahren war auch Drux dabei, der im Jahr 2011 aus Gummersbach kam. In Freiberg folgte dem Hoch aber gleich ein Tief. Mit Verdacht auf Bänderriss am Fuß musste er am Sonntag ausgewechselt werden, ihm droht eine dreiwöchige Pause. Aber auch einen solchen Rückschlag muss einer verdauen können, der ganz nach oben will.
Auch Persönlichkeits-Entwicklung ist wichtig
Paul Drux ist Teil des Projekts der Füchse, das vorsieht, dass aus der ambitionierten Jugendarbeit die Besten später einmal in den Profikader aufrücken. Es gehört zu Hannings Philosophie, die Heranwachsenden nicht nur zu Spitzenhandballern, sondern auch zu Persönlichkeiten zu formen. „Er kann anstrengend sein“, sagt Thümmler. In Anlehnung an die lateinische Weisheit, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne (Men sana in corpore sano), werden Werte vermittelt. Da gehören Tischmanieren ebenso dazu wie der dosierte Umgang mit Smartphones oder ähnlichem.
Drux hat das alles überzeugt, als er Gummersbach verließ. „Es ist schon hart“, gibt der junge Mann ehrlich zu. Die Doppelbelastung Sport/Schule lässt „kaum Zeit für Freizeit“.
Doppelbelastung Schule und Sport
Der 1,92 Meter große Drux, der auf den Positionen Rückraum Mitte und Rückraum links spielt, besucht – wie Wiede und Thümmler – die 13. Klasse des Schul- und Leistungssportzentrums Berlin (SLZB). Es sind kurze Wege zwischen Schule, Internat, in dem er wohnt, und dem Trainingskomplex der Füchse (Füchse-Town) im Sportforum. Bei der Frage, wann morgens das erste Training ansteht, verzieht er etwas das Gesicht: „Um halb acht...“ Nach dem Abitur möchte er neben dem Sport Maschinenbau und Ingenieurwesen studieren.
Die Jungen müssen sich dem Wettbewerb stellen. „Es gibt keinen Platz für Mitläufer. Wer spielt, muss Leistung bringen“, sagt Sigurdsson in aller Deutlichkeit. Es gibt nicht nur Lob, wenn er es für richtig hält, gibt Hanning dem Nachwuchs auch mal eins zwischen die Hörner. So nahm er sich am Samstagabend Kreisläufer Thümmler öffentlich zur Brust, dessen defensives Engagement ihn nicht überzeugt hatte. „Keiner hat einen Freifahrschein“, sagt Hanning. Ein Standardsatz von ihm lautet: „Sie müssen raus aus der Komfortzone.“
Drux gehörte sogar zur Abordnung, die vor kurzem den deutschen Verband in Katar bei der WM-Vergabe für 2019 vertrat. Sicherlich ein großes Erlebnis, oder? Die Frage konnte nicht mehr beantwortet werden. Hannings „Feierabend jetzt!“ kam dazwischen.





