Der Flirt begann im Stillen. Doch die zaghafte Annäherung wurde schon bald publik, und so gab auch der Werber seine Zurückhaltung auf.
Seit Mitte Juni buhlt der Handball-Bundesligist HSV Hamburg nun schon offiziell um Silvio Heinevetter, den Torhüter der Füchse Berlin und zugleich die Nummer eins in Deutschland. In dem Poker gab der Nordklub sogar schon preis, dass die finanziellen Rahmenbedingungen bereits ausgelotet seien.
An diesem Mittwoch treffen die beiden Klubs im ersten Qualifikationsspiel um die Champions League in der Max-Schmeling-Halle (19 Uhr) aufeinander. Ein Duell, was seit jeher von großer Rivalität geprägt ist. Vor dem Anwurf wurde jedwede verbale Zurückhaltung abgelegt, und der Auslöser für den offenen Disput zwischen den Vereinsbossen ist das Gerangel um Torhüter Heinevetter.
„Ich bin über das Vorgehen des HSV Hamburg ein Stück weit enttäuscht. Hier werden Gehälter aufgerufen, die ein Verein, der sich selbst refinanzieren muss, nicht aufbringen kann. Das ist schon eine Art Wettbewerbsverzerrung“, sagte Füchse-Präsident Frank Steffel am Tag vor dem ersten Pflichtspiel der neuen Saison.
Zugleich bot der Klubchef dem 28-jährigen Heinevetter eine Art Rentenvertrag an. „Ich habe ihm gesagt, bei uns kannst Du einen Zehnjahresvertrag bekommen, bei uns kannst Du langfristig verlängern.“ Er wolle bis „zur letzten Sekunde kämpfen“ und versuchen, Heinevetters Wechsel in die Hansestadt zu verhindern.
Die Reaktion vom HSV ließ nicht lange auf sich warten. Matthias Rudolph zeigte sich über die verbalen Attacken aus Berlin verwundert. „Wir haben mit Silvio Heinevetter keinen Vorvertrag, keine Wechselabsprachen oder Ähnliches. Ich habe nur gesagt: Wenn der Vertrag eines solchen Klassetorwarts ausläuft, wären wir ja dumm, sollten wir uns nicht dafür interessieren“, sagte der HSV-Boss. Dass Heinevetter das Doppelte in Hamburg verdienen könnte, „ist ein hanebüchener Schwachsinn“.
Große Liebe mit Simone Thomalla
Heinevetter selbst hält sich bei dem Gezerre um seine Person bedeckt. Fest steht nur, dass sein Vertrag bei den Füchsen im Sommer 2014 ausläuft. Seit 2009 spielt der Thüringer in Berlin und hat maßgeblichen Anteil am sportlichen Höhenflug des Vereins. So standen die Berliner in den vergangenen zwei Bundesliga-Spielzeiten im Endklassement jeweils vor dem HSV – obwohl sie nach Schätzungen nur über etwas mehr als die Hälfte des HSV-Etats von gut neun Millionen Euro verfügen.
Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning hatte sich erst am vergangenen Freitag mit Heinevetter zu einem vertrauensvollen Gespräch getroffen und ihm dabei geraten, die Entscheidung nicht mehr allzu lange hinauszuschieben. „Ich habe jetzt gar nicht so ein schlechtes Gefühl“, sagt Hanning.
Bestärkt wird der Manager dadurch, dass Heinevetter sich schon einmal für die Füchse-Familie und gegen den schnöden Mammon entschieden hat. Im Oktober 2010 hatten die von SAP-Milliardär Dietmar Hopp unterstützen Rhein-Neckar Löwen versucht, Heinevetter mit einem gut dotierten Vertag nach Mannheim zu locken. Ohne Erfolg.
„Wenn er gewollt hätte, hätte sich Silvio längt schon gegen uns entscheiden können“, sagt Hanning. Über den jetzigen Poker sagt der Manager: „Ich würde mich nicht wundern, wenn er sich für Herz und Bauch entscheidet und nicht für das Finanzielle.“
Heinevetters große Liebe lebt in Berlin
Die Chefetage der Füchse sieht entscheidende Vorteile auf ihrer Seite. So etwa lebt mit der „Tatort“-Komissarin Simone Thomalla Heinevetters große Liebe in Berlin. „Außerdem hat es Silvio nicht weit zu seiner Familie“, erklärt Hanning, „er lebt in einer tollen Stadt und spielt in einer schönen Halle.“
Und: Heinevetter kommt sehr gut mit seinem Torhüter-Kollegen Petr Stochl klar. Die beiden sind zwar Konkurrenten, ergänzen sich aber in ihrer Spielweise und vom Charakter her ideal. Und sie sind in respektvoller Freundschaft miteinander verbunden.
Selbst der frühere Bundestrainer Heiner Brand hatte Heinevetter dringend von einem Wechsel zum HSV abgeraten und das mit der Konkurrenzsituation mit Stammtorwart Johannes Bitter begründet. Brand hält das Duo Bitter/Heinevetter für „nicht Erfolg versprechend, weil beide den Anspruch haben, die Nummer eins zu sein“.
Während der HSV mit neun neuen Spielern mittelfristig Branchenprimus THW Kiel auf Augenhöhe begegnen will, setzen die Füchse vor allem auf eine nachhaltige Nachwuchsförderung. „Ich bin Präsident eines Breiten- und Jugendsportvereins mit 3000 Mitgliedern. Davon träumen die meisten Vereine, die von einem Scheich oder einem Mäzen wie Abramowitsch beim FC Chelsea oder Herrn Rudolph beim HSV Hamburg gefördert werden“, erklärte Steffel die Vereinsphilosophie und legte weiter nach: „Und warten wir doch einmal ab, wenn Herr Rudolph zum nächsten Mal den Spaß an seinem Spielzeug verliert. Das hat es ja schon einmal gegeben.“ HSV-Präsident Rudolph bezeichnete die Aussagen des CDU-Politikers Steffel als „ungebührlich und flegelhaft“.
Für ausreichend Zündstoff und Spannung ist am Mittwochabend jedenfalls gesorgt. Mit dem umworbenen Heinevetter im Tor gehen die Füchse gegen den HSV dennoch als Außenseiter in die Partie. Für Silvio Heinevetter aber steht fest: „Wenn du als Handballer die Chance hast, Champions League zu spielen, dann willst du das auch. Wir werden gegen den HSV alles versuchen.“





