Zum Feiern ist ihnen nicht zumute, dabei kann sich das Jubiläum wirklich sehen lassen. 125 Jahre wird ihr Verein, der TV Großwallstadt, dieser Tage alt. Eine stattliche Zahl, und doch ist die Stimmung in der Handballabteilung mehr als gedrückt. Denn ausgerechnet im Jahr des großen Geburtstags droht dem Traditionsklub nun erstmals der Abstieg aus der Bundesliga.

Gerade einmal sieben Punkte hat die Mannschaft von Trainer Peter David nach bislang 24 Liga-Spielen auf der Habenseite. Vier Zähler trennt das Team von einem Nichtabstiegsplatz. Und die Aussichten, dass ausgerechnet am Mittwoch bei den Füchsen (19 Uhr, Schmeling-Halle, HIER im Liveticker der Berliner Morgenpost) ein oder zwei der Rettung dienenden Pünktchen hinzukommen könnten, ist mehr als unwahrscheinlich.

Die Berliner haben zwar das Rückspiel in der Champions League am Sonntag gegen Atletico Madrid vor Augen, doch die Partie gegen Großwallstadt hat höchste Priorität, gilt es doch, noch die Qualifikation für den Europapokal zu schaffen. Aus dem Boxsport ist bekannt, dass gerade angeschlagene Kämpfer besonders gefährlich sind. Das weiß auch Berlins Trainer und warnt vor dem taumelnden Verein. „Großwallstadt ist ein gefährlicher Gegner. Sie haben zuletzt gar nicht schlecht gespielt, nur für Punkte hat es nicht gereicht“, sagt Füchse-Coach Dagur Sigurdsson.

Brand hofft auf das Wunder

Das mit den liegen gelassenen Punkten können sie in Mainfranken schon nicht mehr hören. Am vergangenen Sonntag erst erhielt der Kampf um den Klassenerhalt mit dem 26:31 gegen Hannover-Burgdorf einen erneuten Dämpfer. 45 Minuten hatte es nach einem Erfolg für den TVG ausgesehen, ehe der Bruch im Spiel alle Hoffnungen zunichte machte. Es war die vierte Niederlage in Serie. „Es muss schon ein Wunder passieren, damit Großwallstadt in der Bundesliga bleibt“, sagt Handball-Ikone Heiner Brand.

Der Ex-Bundestrainer weiß genau, wie sie sich beim TVG fühlen. Seinem Heimatklub, dem VfL Gummersbach, droht dasselbe Schicksal. Allerdings konnten die Oberberger einen Abstiegsplatz verlassen, die Gefahr der Zweitklassigkeit ist aber weiterhin akut. Und bei Brand kommen Erinnerungen hoch. An die 70-er und 80-er Jahre, wo Großwallstadt und Gummersbach die Handball-Welt in der Bundesrepublik bestimmten.

Großwallstadt gewann zwischen 1978 und 1990 sechs Deutsche Meisterschaften, dazu kommen mehrere Triumphe auf internationalem Parkett, darunter zweimal der Gewinn des Europapokals der Landesmeister. 1980 gelang den Unterfranken Historisches, als sie mit dem nationalen Titel, dem deutschen Pokal, dem Europapokal der Landesmeister und dem Supercup alle möglichen Titel errangen.

Hauptsponsor ist abgesprungen

Der Glanz von einst ist längst verblasst. Wirtschaftlich ist in Großwallstadt in den vergangenen Jahren nicht immer seriös gehandelt worden, zudem sprang kurz vor der laufenden Saison der Hauptsponsor ab, der pro Spielzeit um die 500.000 Euro in die Klubkasse gezahlt haben soll. Altlasten wie zum Beispiel die Abbezahlung des über eine Millionen Euro teuren VIP-Bereiches in der heimischen Frankenstolz-Arena drücken zudem auf der finanziellen Seite. Die Folge: Über Jahre mussten Leistungsträger den Verein verlassen. Wie etwa Steffen Weinhold und Stefan Kneer im Sommer 2012.

Ein Aderlass, der kaum zu kompensieren ist. Zumal sich dann auch noch der frühere Füchse-Spieler Runar Karason, der vom Bergischen HC verpflichtet worden war, vor Saisonstart das Kreuzband riss und lange ausfiel. Weil die Situation immer brenzliger wurde, handelten die Kluboberen und holten mit Peter Meisinger den früheren Topspieler des TVG als Feuerwehrmann ins Team. Der 58-Jährige soll dem Trainer in diesen schweren Zeiten zur Seite stehen und den Abstieg noch abwenden.

Meisinger als Feuerwehrmann

„Eine Herzensangelegenheit“ sei der Verein für ihn, sagt Meisinger, der sich gerade erst von einer Hüft-Operation erholt hat. Der Reisebürokaufmann, der mit Großwallstadt fünf Deutsche Meisterschaften errang, ist bei jeder Trainingseinheit dabei und sitzt bei den Liga-Spielen auf der Bank. Dabei konnte er vor allem erkennen, dass es im Team an der Kontinuität fehlt. Aber Meisinger ist optimistisch. „Die Aufgabe ist schwer und es wird sehr, sehr eng für uns. Aber wir können es noch schaffen“, sagt er.