Jeder erlebte die Stunde nach dem Spiel in den Katakomben des „Palacio Vistalegre“ von Madrid auf seine Weise. Füchse-Profi Iker Romero, mit acht Toren der überragende Spieler der hart umkämpften Partie, gab noch grinsend Interviews für spanische Medien.

Der Trainer von Atletico Madrid, Talant Duschebajew, lief mit finsterer Miene vorbei. Während die spanischen Spielerfrauen aufgeregt tratschend auf ihre besseren Hälften warteten, die dann auch nicht besonders gut gelaunt aus der Kabine kamen.

Dagur Sigurdsson, der Trainer des Berliner Handballteams, war da gedanklich schon weiter. Für ihn war das 29:29 seiner Mannschaft im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League schon so gut wie passé. „Jetzt müssen wir schauen, dass wir uns einigermaßen auf Großwallstadt vorbereiten können“, meinte der Isländer. Wie heißt es so schön: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Und die nächste Partie der Füchse steht eben in der Bundesliga bereits am kommenden Mittwoch (19 Uhr, Max-Schmeling-Halle und im Liveticker der Berliner Morgenpost) gegen den Tabellenvorletzten und Traditionsverein TV Großwallstadt an. Die Berliner sind im Stress: Gestern kamen sie am späten Nachmittag vom Trip in die spanische Hauptstadt zurück, heute muss ein Training zur Vorbereitung auf Großwallstadt reichen. Ein Sieg ist dennoch absolute Füchse-Pflicht.

Königsklasse ist für die Füchse nur das Sahnehäubchen

Geschäftsführer Bob Hanning mahnt schon mal sicherheitshalber an, diese Partie „seriös“ zu behandeln. Denn so schön das Unentschieden beim spanischen Weltklasseteam auch war, das die Chance auf ein Vorstoßen ins Viertelfinale erhöht hat: „Die Champions League ist für uns das Sahnehäubchen und sehr gut für die Reputation“, sagt Hanning, „aber unser Hauptaugenmerk muss der Bundesliga gelten.“

Auch wenn es wohl kaum jemandem gelingen wird, nicht doch schon an das Rückspiel gegen Atletico am kommenden Sonntag in der Schmeling-Halle (18 Uhr) zu denken.

Die Füchse sind momentan hin- und hergerissen. Da ist natürlich die Champions League mit dem zweiten Akt gegen die Spanier. „Es geht wieder bei 0:0 los“, sagt Kreisläufer Evgeni Pevnov. Alle wissen, „dass das noch ganz, ganz schwer für uns wird“, wie Trainer Sigurdsson sagt, weil die Spanier eher „untypisch“ seien. „Die spielen auswärts genauso stark wie in eigener Halle.“

Gegen die Schmeling-Halle ist alles andere „Kindergeburtstag“

Deshalb sollen die Berliner Zuschauer helfen. „Wir brauchen die Halle“, sagt Hanning. Als die Füchse in der vergangenen Saison einen Elf-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel gegen Ademar Leon aufholten und ins Final Four einzogen, habe in der Schmeling-Halle die bisher beste Atmosphäre geherrscht.

Wenn es nach Hanning geht, soll diese Stimmung „Kindergeburtstag“ gewesen sein gegenüber dem, was er sich für den Sonntag in der mit 9000 Zuschauern ausverkauften Halle erhofft. Atletico müsse das Gefühl haben: „Das haben wir noch nie erlebt.“

Aber Hanning weiß auch, dass Sternstunden nicht beliebig abrufbar sind, gerade da das Fehlen von Spielgestalter Bartlomiej Jaszka noch einige Spiele lang kompensiert werden muss. „Kann Iker Romero noch einmal so gut spielen? Hält Silvio Heinevetter noch einmal so überragend?“, fragt sich der Geschäftsführer selbst. Und: „Wir waren gegen Atletico am Limit. Wer soll sich denn noch steigern?“

Bereits Rang fünf könnte für die Füchse zu wenig sein

Romero mit Sicherheit nicht, der zehn Sekunden vor Schluss zum 29:29 vollendete. „Man hat wieder gesehen, wie wertvoll er für uns ist“, meinte Nationalspieler Sven-Sören Christophersen. „Er war ein echter Führer“, lobte Füchse-Präsident Frank Steffel.

Aber es gibt ja noch die Bundesliga, in der die Füchse auf Platz vier liegen. Dicht dahinter liegen die Konkurrenten aus Hannover und Hamburg. Durch unnötige Punktverluste in eigener Halle oder wie zuletzt beim 29:29 in Balingen haben sich die Berliner in eine Situation gebracht, „die Europa komplett infrage stellt“, sagt Hanning.

Unter bestimmten Konstellationen (beispielsweise je nach Ausgang des Final Four um den deutschen Pokal) könnte sogar Rang fünf für die Füchse nicht einmal reichen, um in der kommenden Saison erneut europäisch (Champions League oder EHF-Cup) zu spielen.

Bob Hanning sieht die Mannschaft in „gefährlicher Phase“

Hanning spricht von einer „sehr gefährlichen Phase“, in der die Mannschaft „in wenigen Tagen viel gewinnen, aber auch alles verlieren kann“.

In zwölf Tagen muss das Team von Sigurdsson viermal ran. Erst eben gegen Großwallstadt, dann gegen Atletico, danach am 27. März beim starken TV Melsungen – und am 31. März kommt die drittplatzierte SG Flensburg-Handewitt in den „Fuchsbau“. Mit Blick auf die beiden letzten Spiele sagt Hanning: „Da dürfen wir nicht verlieren.“

Team kann jeden Gegner schlagen

Die Füchse ohne Europa? „Wir haben uns mit den Gesellschaftern das Ziel gesetzt, in fünf Jahren viermal europäisch dabei zu sein“, erklärt Hanning. Dass nun, nach zwei Jahren Champions League, im dritten Jahr bei den Füchsen europa-freie Zone sein könnte, kann noch aus eigener Kraft verhindert werden. Hanning hofft, dass die Champions League „für die Mannschaft in einer schwierigen personellen Situation auch Motivation sein kann“.

Denn wenn man sich auch nur ein bisschen hängen ließe, „können wir in der Bundesliga gegen jeden verlieren“. Andererseits gelte aber auch, national wie international: „Wir können jeden Gegner schlagen.“