Am Ende stand die Berliner Mauer wie eine Eins: Sechs Spieler der Füchse stemmten sich eine Sekunde vor Schluss dem letzten Freiwurf eines Spaniers erfolgreich entgegen. Und dann durfte gejubelt werden beim Berliner Handballteam – selten war ein Unentschieden so süß, schmeckte es wie ein Sieg.
29:29 (10:13) endete das Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Atletico Madrid, und Kapitän Torsten Laen strahlte: „Das war eine super kämpferische Leistung.“
Die Chancen stehen jetzt nicht mehr bei 20:80
Sie herzten sich und klopften sich auf die Schulter. „Das Gesamtpaket hat heute gestimmt“, sagte Kreisläufer Evgeni Pevnov grinsend, der sechsmal erfolgreich war. Aber von Euphorie keine Spur: „Jetzt haben wir eine gute Chance, aber entschieden ist ja wirklich nichts“, meinte Füchse-Präsident Frank Steffel mit Blick auf das Rückspiel am kommenden Sonntag (18 Uhr) in der dann ausverkauften Schmeling-Halle.
Doch die Chancen der Berliner, das Weltklasseteam aus Madrid auszuschalten und das Viertelfinale zu erreichen, stehen nicht schlecht. Geschäftsführer Bob Hanning schätzte die Lage so ein: „Vorher hätte ich gesagt 20 zu 80, jetzt sage ich: 50:50.“
Jaszka saß zu Hause vor dem Fernseher
Die Berliner hatten sich vor dem Abenteuer in Madrid selbst Mut zugesprochen. „Respekt ja, Angst nein“, so lautete das Motto von Trainer Dagur Sigurdsson. Hanning hatte auf die Vergangenheit verwiesen: „Wir sind schon einige Male über uns hinausgewachsen.“ Und genau das geschah gestern in der spanischen Hauptstadt. Dabei war die Aufgabe besonders schwer, weil in Bartlomiej Jaszka ja der Denker und Lenker fehlte.
Während seine Kollegen im „Palacio Vistalegre“ kämpften, saß der Pole zu Hause vor dem Fernsehgerät und fieberte mit seinem Team. Am Freitagnachmittag war er im Martin-Luther-Krankenhaus am Blinddarm operiert worden. Wenige Stunden vor dem Spiel durfte er gestern die Klinik wieder verlassen. Seinem Team wird er allerdings mindestens drei Wochen fehlen.
Maxime: Kein zu großer Rückstand
Tatenlos musste Jaszka in Berlin mit ansehen, wie seine Mannschaft, die gut gestartet war, nach 17 Minuten mit 4:9 zurücklag. Die Spanier setzten oft um, was ihnen Trainer Talant Duschebajew vorgegeben hatte. Von der Atletico-Abwehr wurden die Berliner massiv unter Druck gesetzt. Was immer wieder zu Füchse-Fehlern führte.
Der Trainer von Atletico hatte die Partie zum „Spiel des Jahres“ für sein Team deklariert. Die Gäste um Kapitän Torsten Laen (er wurde unter Duschebajew mit dem Atletico-Vorgänger-Klub BM Cuidad Real 2008 und 2009 Champions-Laegue-Sieger) hatten sich ihrerseits fest vorgenommen, die Ruhe zu bewahren. Bloß nicht gleich einem großen Rückstand hinterherlaufen, war die Maxime.
Torhüter Heinevetter mit etlichen Paraden
Aber die große Frage in der Offensive war: Wie kann der Ausfall Jaszkas kompensiert werden? Die Aufgabe ruhte auf den Schultern von drei Rückraumspielern: Börge Lund, Sven-Sören Christophersen und Iker Romero. Wobei der Spanier auf der „Königsposition“ die Hauptlast tragen musste. Oft wurde er von den Atletico-Profis in kurze Deckung genommen, machte seine Sache dennoch hervorragend. Mit acht Toren war er bester Werfer der Füchse. Laen lobte seinen Mitspieler: „Iker war heute der Kopf des Teams.“
Nach ihrem ersten Tief kamen die Berliner wieder gut ins Spiel zurück. Auch dank Torhüter Silvio Heinevetter, der etliche hervorragende Paraden zeigte. Bereits nach 55 Sekunden hielt er einen Siebenmeter von Kiril Lazarov. Wobei Heinevetters Pendant auf spanischer Seite, der Norweger Magnus Dahl, anfangs noch einen Tick besser war. An ihm verzweifelten die Berliner ein ums andere Mal. Trotzdem: Nach 25 Minuten waren die Füchse bis auf einen Treffer (10:11) dran.
Wechselfehler führt zu Zwei-Minuten-Strafe
„Wir haben uns in der ersten Hälfte zu viele Fehler geleistet“, kritisierte Hanning. Zudem vergaben Konstantin Igropulo und Romero zwei Siebenmeter. Atletico war aber nicht so dominierend, wie sich die offiziell 7900 spanischen Zuschauer das erhofft hatten. Immer diese Berliner Nachlässigkeiten: War es nun ein Wechselfehler, der zu einer Zwei-Minuten-Strafe für Igropulo führte. Oder in den letzten Sekunden vor dem Wechsel ein schlechter Abwurf von Heinevetter, den Madrid zum Halbzeitstand (10:13) nutzte. Ungewohnt: Die spanischen Fans sangen „Eviva Espana“ – ein Lied, das eigentlich in der Schmeling-Halle erklingt, wenn Romero ein Tor geschossen hat.
Und es waren weiter Romero und Christophersen (3), die mit ihren Toren den Abstand nicht größer als drei Treffer werden ließen (14:17/37.). Auf einmal waren jedoch die Füchse am Drücker, die Spanier waren ein paar Minuten unaufmerksam – schon stand es 17:17 durch Johannes Sellin (4). Jubelnd rissen alle auf der Berliner Bank die Arme hoch. Und dann erst, als Sellin zum 20:19 vollendete.
Großartiger Romero in seiner Heimat Spanien
Die Berliner kämpften mit heißem Herzen und auch mit kühlem Verstand. Schier unglaublich die Durchsetzungskraft am Kreis von Evgeni Pevnov, der das 22:21 und das 25:23 (49.) erzielte, oder der Einsatzwille des großartigen Romero. Oder Heinevetters Weltklasse-Paraden. „Wir haben teilweise richtig clever gespielt“, lobte Sigurdsson.
Dass am Ende aus einem 26:23 doch noch ein 29:29 wurde, lag an den schwindenden Kräften bei den Berlinern, aber auch an einigen merkwürdigen Schiedsrichterentscheidungen. Doch ärgern wollte sich bei den Füchsen darüber niemand. Pevnov brachte es auf den Punkt: „Es war heute echt geil.“




