Frauen-WM in Kanada

Eine Debütantin nährt die Hoffnung auf den dritten Stern

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Foto: Marc DesRosiers / USA Today Sports

Im zweiten Gruppenspiel zeigt Dzsenifer Marozsan, warum der dritte WM-Titel für die deutschen Fußballfrauen kein Traum bleiben muss. Dabei stand der Einsatz der gebürtigen Ungarin erneut auf der Kippe.

Mama war dagegen. Weil sie ein Mädchen ist, sagte sie. Doch Dzsenifer Marozsan hatte ihren eigenen Kopf. Wie Teenager sind, die sich aufmachen, ihren Weg in die Welt zu finden. Schon damals reifte in der gebürtigen Ungarin jener Gedanke, den sie sich als Leitmotiv längst auf ihren Rücken hat tätowieren lassen. „Sei du selbst, denn das Leben ist zu kurz, um jemand anderes zu sein“ steht da geschrieben. Wer die 23-Jährige bei der Weltmeisterschaft in Kanada beobachtet, stellt fest, dass sie genau das umsetzt in diesen Tagen.

Sie ist sie selbst auf dem Platz, ballverliebt, aber nicht egoistisch, zielstrebig, aber nicht mit dem Kopf durch die Wand. Und aufgeregt, wie eine Debütantin vor dem Opernball. „Mehr als sonst“ sei sie nervös gewesen vor ihrem ersten Auftritt bei einer WM. Um so erstaunlicher ist es, dass sie nach dem 1:1 im zweiten Gruppenspiel gegen Norwegen gleich zur Spielerin des Spiels gewählt wurde. „Dzseni hat eine wahnsinnig gute erste Halbzeit gespielt“, lobte Bundestrainerin Silvia Neid: „Sie hat hervorragend gegen den Ball gearbeitet und tolle Pässe im Angriff gespielt. Das war sehenswert.“

Genau wie ihr Schuss nach fünf Minuten, den Norwegens Torhüterin Ingrid Hjelmseth nicht festhalten konnte und Anja Mittag zur Führung verwertete. Oder wie die Position, die sie erstmals aus- und mit so viel Leben erfüllte. Statt im zentralen offensiven Mittelfeld spielte Marozsan neben Lena Goeßling auf der Doppelsechs. Eine Position, die den Unterschied ausmachen kann in einem großen Turnier, wie man nicht erst seit den Tagen des WM-Triumphes der Männer 2014 weiß.

Die WM 2011 im eigenen Land verpasst

Womit auch schon die Zielstellung der Nummer 10 im Frauenteam des DFB umrissen ist. Das Ziel ist der Titel. Er wäre das i-Tüpfelchen in einer Liste von Erfolgen im DFB-Trikot, die sich ohne weiteres sehen lassen kann. U17-Europameisterin 2008, Weltmeisterin 2010 und WM-Zweite 2012 mit der deutschen U20, Europameisterin 2013 – jetzt, nachdem die WM im eigenen Land ohne sie stattfinden musste, soll endlich der große Coup gelingen.

Vor vier Jahren beendete ein Innenbandriss im Knie alle Hoffnungen auf die WM-Premiere. Und in diesem Jahr musste Marozsan das erste Spiel in Kanada von außen mitverfolgen. Statt beim 10:0 gegen die Elfenbeinküste auf dem Feld mitzujubeln, kurierte sie die letzten Schmerzen an ihrem angeschlagenen Sprunggelenks aus.

Nun, da die gebürtige Budapesterin endlich die WM-Bühne betreten durfte, konnte sie genau das tun, was sie immer tun wollte. Fußball spielen auf hohem Niveau, sie selbst sein. Das Selbstvertrauen hierfür speist sich aus – man mag es kaum glauben – fast neun Jahren Erstliga-Erfahrung. Mit 14 Jahren und sieben Monaten debütierte sie in der Bundesliga beim 1. FC Saarbrücken. Damit ist sie, der Ausnahmegenehmigung sei dank, die jüngste Spielerin in der Eliteliga der Frauen. Fast schon logisch, dass sie auch die jüngste Torschützen ist (15 Jahre, 130 Tage).

Ähnlichkeiten mit Weltmeister Özil und Ronaldo

Seitdem hat sie sich eine Spielweise zu eigen gemacht, die einen Vergleich mit der Männerwelt des Fußballs nicht zu scheuen braucht. Beim Verteilen des Balles, der bei ihr tatsächlich wieder seine ursprünglichste Bedeutung als Spielgerät zurückerlangt, attestiert sich Marozsan „gewisse Ähnlichkeiten“ mit Weltmeister Mesut Özil. Selbst ein Cristiano Ronaldo („Er sieht natürlich nicht schlecht aus“) darf nicht fehlen, wenn sie ihre Qualitäten selbst beschreibt. „Er macht Dinge, die sich andere nicht trauen. Das gefällt mir“, ließ sie wissen.

Für (Be-)Sonderheiten ist Marozsan zu haben. Als Spielerin des Spiels gegen Norwegen nahm sie natürlich auch in der folgenden Pressekonferenz auf dem Podium Platz. Und nach zwei Fragen, die pflichtbewusst beantwortet wurden, lehnte sich die so eben Geehrte zurück und überlegte, den weiteren Verlauf von ihrem Platz aus weiterzuverfolgen. „Aber dann kannst du auch noch mal etwas gefragt werden“, merkte die neben ihr sitzende Neid an. Worte, die Marozsan aufhorchen („Ach so!“) und flugs in Aktion treten ließen. „Dann gehe ich“, sagte sie, stand auf und verließ die Szenerie. Die Bundestrainerin blieb samt Auditorium grinsend zurück.

Simone Laudehr, Marozsans Klubkollegin beim Champions-League-Sieger 1. FFC Frankfurt, beschreibt die Mittelfeldspielerin als „ruhigen Typen, mit dem man aber auch viel lachen kann. Und wenn sie sich so weiter entwickelt, wird sie eine der besten Spielerinnen der Welt.“ Ihr erstes WM-Spiel hat einen kleinen Vorgeschmack gegeben, wohin die Reise für Dzsenifer Marozsan noch gehen kann. Und für die deutschen Frauen-Nationalmannschaft: Der Stern für den dritten WM-Titel scheint jedenfalls realistischer denn je.

Viel gelernt vom Vater und vom Bruder

Zur Ehrenrettung von Mama Elisabeth sei gesagt: Sie hatte ohnehin keine Chance. Nicht bei einem Vater, der sogar vier Mal in der ungarischen Nationalmannschaft spielte und nach der Auswanderung nach Deutschland 1996 auch zwei Jahre für den damaligen Regionalligisten 1. FC Saarbrücken. Nicht bei einem Bruder, der sich ebenfalls anschickte, Fußballprofi zu werden, bis ihn mit 18 Jahren gleich drei Knieoperationen aus dem Traum rissen.

„Von David und meinem Vater Janos habe ich einiges gelernt“, sagt Dzsenifer Marozsan. Das dürfte auch der Mama gefallen.

( fär )