Der Auftakt mit dem 10:0 gegen die Elfenbeinküste darf als gelungen bezeichnet werden. Nadine Angerer, 36, die deutsche Nummer 1 bei der WM 2015 in Kanada, blieb dabei praktisch beschäftigungslos. Das Ziel der zweimaligen Weltmeisterin ist klar definiert: Gewinn des dritten Titels am 5. Juli im Endspiel in Vancouver. Die Morgenpost sprach mit der 140-fachen Nationalspielerin.
Berliner Morgenpost: Die WM in Kanada ist Ihr letztes Großereignis. Welchen Stellenwert hat sie?
Nadine Angerer: Natürlich wird es etwas Besonderes sein. So wie alle Weltmeisterschaften zuvor. Keine Frage. Ich bin voll motiviert, voll konzentriert und bestens vorbereitet. Da habe ich keine neue Routine, da werde ich nichts ändern, nur weil es das letzte große Event für mich ist.
Sie treten nach der WM aus der Frauen-Nationalmannschaft zurück. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Ich habe immer gesagt, dass ich eines Tages aufwache und dann merke, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Das war jetzt genauso. Ich bin topfit, könnte von meinen körperlichen Voraussetzungen noch zwei, drei Jahre auf höchstem Niveau spielen. Aber ich denke auch, es ist großartig, nach fast zwanzig Jahren Leistungssport sagen zu können: Meinem Körper geht es richtig gut. Für mich war es auch wichtig, dass ich entscheide, wann ich aufhöre und nicht eine Verletzung oder jemand anderes.
Wie geht es nach der WM weiter?
Ich werde meinen Vertrag bei den Portland Thorns erfüllen. Wenn wir die Play-off-Spiele erreichen, wird das Ende September sein. Danach ist dann Schluss mit der aktiven Karriere als Spielerin. Ich freue mich auch unwahrscheinlich auf die Zeit danach. Ich bin so dankbar für alles, was ich bis jetzt erleben durfte, aber gleichzeitig habe ich auch Sehnsucht nach einem Leben abseits des Leistungssports.
Was hat Sie nach Portland gebracht?
Ich war zuvor schon in Schweden und in Australien, in Brisbane, gewesen. Dann kam die Anfrage aus Portland. Ich habe die Stadt schon 2003 bei der WM erlebt. Mir hat da Portland schon gut gefallen. Es ist eher europäisch, so gar nicht typisch amerikanisch. Das Essen ist hervorragend, so wie ich es liebe. Viel Raw food, viel Paleo-Ernährung. Ich mag keine Milch, doch viel frisch ge presste Säfte, ernähre mich total gesund. Dazu gehört auch Gemüse, Obst und gesunde Fette. Portland eignet sich mit seinen vielen Lokalen, die auf diese Art der Ernährung ausgerichtet sind, perfekt dafür. Auch die Lebensweise ist lässig, da kann man nachts im Schlafanzug durch die Stadt gehen. Das interessiert da keinen. Ich gehe auch gern auf Menschen zu. Das passiert mir in Portland häufig. Die Stadt ist supercool, die Menschen so offen. Ich liebe Portland.
Inwieweit hat Sie das Leben im Ausland verändert?
Je länger ich aus Deutschland weg bin, desto mehr spüre ich die deutschen Tugenden in mir. Disziplin und Pünktlichkeit, Struktur im Leben. Das alles ist anders in den USA, in Australien. Das fehlt mir ab und an. Und das ist es auch, was die Amerikaner so sehr an uns Deutschen schätzen. Ich dagegen bin viel gelassener geworden. Normal denke ich, typisch deutsch, fünf Schritte im Voraus. Da hat man mir gesagt, nimm mal drei, vier Gänge raus, entspann’ dich erst mal.
Wie sehr unterscheiden sich der amerikanische und der deutsche Frauenfußball?
Das ist komplett anders. In Portland bin ich nach dem Training immer total fertig. Die Amerikaner legen extrem viel Wert auf Athletik und Ausdauer. Jedes Training ist eine Willensschulung. Es geht alles über die Athletik, Rennen, Rennen und nochmals Rennen. In Europa liegt der Fokus mehr auf Technik und Taktik.
Warum haben Sie Ihren Rücktritt so kurz vor der WM öffentlich gemacht?
Mein Entschluss stand fest. Deshalb mochte ich ihn auch vor der WM bekannt geben, damit Klarheit herrscht. Das wird keinen Einfluss auf meine Leistung oder die Leistung meiner Mannschaft bei der WM haben – und wenn, dann höchstens einen positiven.
Sie werden mit der Nationalmannschaft als der Favorit für den Titel gehandelt...
Wir sind Weltranglistenerster. Da sollte man davon ausgehen, dass wir die beste Mannschaft sind. Aber wir wissen das alles sehr gut einzuschätzen. Wir haben im Moment ein sehr, sehr gutes Team, sehr gutes Potenzial, und wir haben auch eine sehr junge, hochmotivierte Mannschaft. An guten Tagen können wir jedes Team auf der Welt schlagen, an weniger guten aber auch ein nicht so gutes Spiel abliefern. Neben uns gibt es auch noch andere Favoriten.
… die da wären?
Für mich ist Topfavorit Frankreich, ganz klar. Die haben eine unglaublich gute Mannschaft. Dazu kommt die USA. Natürlich auch wir. Aber auch Schweden, Norwegen und Australien. Aus meiner Sicht gibt es acht Teams, die alle das Zeug haben zum Titel.
Das Gastgeberland Kanada hat seine Spielerinnen schon seit einigen Wochen regelrecht kaserniert. Die haben daheim auch einiges vor. Können die Kanadierinnen die große Überraschung bilden?
Ja, könnte sein. Ich habe einen guten Draht. Mit Christine Sinclair (Kapitän Kanadas) tausche ich mich regelmäßig aus, spiele mit ihr bei den Portland Thorns in der Liga. Die Kanadierinnen haben sich seit sieben Monaten akribisch auf die WM vorbereitet. Die haben das ganze Land hinter sich, sind sicher schwer auszurechnen.
Auch Bundestrainerin Silvia Neid wird nach der WM zurücktreten, Steffi Jones wird ihre Nachfolgerin. Wie überrascht sind Sie von dieser Nachricht gewesen?
Schon überrascht. Ich habe damit, ehrlich gesagt, nicht gerechnet. Steffi Jones wird das aber sicher hinbekommen, sie ist so erfahren, hat 111 Länderspiele, eine große internationale Erfahrung, dazu im Umfeld kompetente Menschen um sich herum. Ich bin mir sicher, dass sie einen guten Job machen wird.
Doch zuvor möchten Sie sich mit dem dritten WM-Titel verabschieden, oder?
Den Titel zu gewinnen, zu den besten Spielerinnen der Welt zu gehören, ist etwas ganz Großes, das allein ist Motivation genug und sagt alles über den Stellenwert einer WM aus. Doch wir wollen darüber erst gar nicht reden. Bei einem Turnier kann so viel passieren. Wir wollen möglichst weit kommen, werden alles geben und müssen dann sehen, für was es am Ende reicht.





