WM 2011

USA wollen Japan mit Köpfchen im Finale besiegen

US-Stürmerin Abby Wambach stand oft im Schatten anderer. Im Endspiel gegen Japan will sie das ändern – und erfolgreichste Torschützin der WM-Geschichte werden

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Auf den Tag genau vor drei Jahren lag Mary Abigail Wambach weinend auf einer Krankentrage in San Diego. Ihr linker Unterschenkel hing zertrümmert in ihrem Fußball-Stutzen. Sie war mit einer Gegenspielerinnen zusammenprallt und musste vom Feld getragen werden.

Das Trikot presste sie vor ihr Gesicht, als schäme sie sich ihrer Tränen, der muskulöse Bauch wurde von Weinkrämpfen durchzuckt. Die Mitspielerinnen schauten ihr mit weit aufgerissenen Augen hinterher, bis sie in den Katakomben verschwunden waren, einige brachen selbst in Tränen aus.

Mary Abigail, genannt Abby, Wambach, Star-Stürmerin aus Pittsford/New York hatte sich nicht nur verletzt an diesem heißen Mittwochabend im Sommer 2008. Sie würde die wenig später beginnenden Olympischen Spiele in China verpassen, was gemeinhin als Todesurteil für alle Medaillenambitionen des US-Teams gewertet wurde, die Fortsetzung der Karriere stand auf der Kippe.

„Unserer Mannschaft wurde das Herz herausgerissen“, sagte die damalige Spielführerin Lindsay Tarpley. Im von der deutschen Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus geleiteten WM-Finale am Sonntag gegen Japan in Frankfurt/M. (20.45 Uhr/ARD) will Wambach nachholen, was ihr 2008 verwehrt blieb: das Team USA endlich zu einem großen Titel führen.

Wambach, 31, hat zwar schon eine olympische Goldmedaille daheim in der Vitrine liegen. Doch 2004 war Mia Hamm die dominierende Figur im US-Team. Die hoffnungsvolle Nachwuchsstürmerin Wambach würde lediglich von den brillanten Vorlagen des Superstars profitieren, hieß es in der Öffentlichkeit.

Selbst nachdem sie in der Verlängerung des Endspiels den Siegtreffer erzielt hatte, flog der Ruhm vor allem Spielmacherin Hamm zu, die wenig später ihre Karriere beendete. Auch bei der Wahl zur Weltspielerin landete Hamm zwei Plätze vor Wambach. Als die US-Frauen 2008 in Peking Gold gewannen, saß Wambach mit Gipsbein vor dem Fernseher.

Nun, wieder im Vollbesitz ihrer urgewaltigen Kräfte, hat sie ihr Team bei der WM mit einem Last-Minute-Tor gerettet. Beim Viertelfinal-Sieg gegen Brasilien traf sie in der 122. Spielminute zum Ausgleich. Die Amerikanerinnen gewannen anschließend das Elfmeterschießen. Und diesmal gebührt die Anerkennung schon jetzt ihr und ihrem Comeback, egal wie das Finale gegen Japan endet.

„Abby ist ganz besonders und ein großartiger Bonus für uns“, schwärmt Trainerin Pia Sundhage. „Sie hat die Kraft und das Timing und macht den anderen Teams das Leben sehr schwer.“ Von 121 Länderspieltoren erzielte Wambach 49 per Kopf.

Nach ihrem Treffer zum 2:1 im Halbfinale gegen Frankreich – natürlich ein Kopfball – verpassten ihr die US-Kommentatoren den Spitznamen „Her Airness“ – Königin der Lüfte. „Wenn wir das Finale gewinnen, werden Sie den glücklichsten Menschen des Planeten sehen“, sagt die Hochgelobte. „Es ist unsere Zeit. Ich bin so begeistert über die Chance, Weltmeister werden zu können.“ So spricht eine, die ihre Karriere ohne WM-Titel für unvollendet hält.

Einzig die emsigen Japanerinnen stehen noch zwischen dem Favoriten und dem Weltpokal. „Wir müssen den Pokal holen, damit die Menschen auf der ganzen Welt wieder an Japan glauben“, erklärt Angreiferin Shinobu Ohno mit Blick auf das katastrophale Erdbeben am 11. März. Man wolle den Landsleuten nach der schweren Zeit „ein bisschen Freude“ schenken.

Erstmals steht Japan in einem WM-Finale, 48?817 Zuschauern dürften Rekordkulisse für die Asiatinnen bedeuten. Für die USA hingegen ist es das dritte Endspiel nach 1991 und 2003. Gewinnen sie auch heute, sind sie mit drei Titeln Rekordweltmeister.

Abby Wambach rennt, grätscht, stürmt heute noch um eine weitere Bestmarke. Eine, die sie endgültig aus dem Schatten Mia Hamms heraustreten lassen und zu einer der größten Spielerinnen der Geschichte machen würde.

Zwölf Tore hat sie bisher bei Weltmeisterschaften erzielt, das sind nur zwei weniger als ihre langjährigen Konkurrentinnen Birgit Prinz und Marta. Prinz hat ihre internationale Karriere beendet, auch die Brasilianerin soll solche Gedanken nach dem frühen Aus geäußert haben.

Vor allem aber geht es der 31-Jährigen darum, ihre Spielweise am Ende ihrer Karriere noch einmal vor aller Welt zu rechtfertigen. Anders als Deutschland und Schweden, die planlos hohe Flanken in den Strafraum der klein gewachsenen Japanerinnen schlugen, steht sie exemplarisch für eine effektive Chancenverwertung.

Nachdem sie in den ersten beiden Vorrundenspielen ohne Tor geblieben war, meldeten sich in der Heimat die ersten Kritiker zu Wort. Die Zeit der athletischen Power-Spielerinnen sei vorbei, schrieben sie, die Epoche der Technikerinnen habe begonnen, Japans Auswahl sei das beste Beispiel. Das zu widerlegen ist Abby Wambachs primäres Ziel.