Motorsport

Formel 1 in Kanada: Bröckelnder Beton statt Bling-Bling

Montreal muss handeln, um mit Fernost mithalten zu können. Ein gewaltiges Boxengebäude soll dabei helfen.

Die Würdigung von Gilles Villeneuve wird nach der Renovierung wohl bleiben

Die Würdigung von Gilles Villeneuve wird nach der Renovierung wohl bleiben

Foto: Panimages / picture alliance / Panimages

Montreal.  Die maximale Beschleunigung, um die es in der Formel 1 geht, lässt sich in Montreal nur bedingt auf das Tempo von Behörden und Bauunternehmen übertragen. Schon 2015 hatte der damalige Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone den Vertrag für den Großen Preis von Kanada nur unter der Auflage verlängert, dass der Standard der Rennstrecke endlich auf das Niveau des 21. Jahrhunderts gehoben wird. Doch drei Jahre später haust Ecclestones Nachfolger Chase Carey immer noch auf einem improvisierten Zeltlager am olympischen Ruderbecken von 1976. Doch damit soll nach dem siebten WM-Lauf heute Abend (20.10 Uhr, RTL) Schluss sein, diesmal endgültig.

1978 hatte alles angefangen – mit Montreal und der Formel 1 und mit Kanadas Motorsport-Ikone Gilles Villeneuve, dem ersten Grand-Prix-Sieger. Der Große Preis von Kanada feiert Jubiläum, und er ist immer noch eines der ungewöhnlichsten Rennen im WM-Kalender. Vor allem auch deshalb, weil sich seit damals praktisch nichts verändert hat auf der Insel im Sankt-Lorenz-Strom. Die Piste ist ein Provisorium aus echter Rennstrecke und normalen Straßen, rutschig, winklig, spektakulär. Und eben überholt. In den Reigen der schillernden neuen Renn-Metropolen im nahen und fernen Osten passt die größte Stadt der Provinz Quebec längst nicht mehr. Bröckelnder Beton gegen Bling-Bling.

Jaques Villeneuve würdigt seinen verstorbenen Vater

Das Übersee-Intermezzo mitten in der europäischen Sommersaison wäre schon längst gestrichen worden, wäre da nicht die Begeisterung der Kanadier für den Motorsport. Montreal feiert die internationalen Gäste, die dem Aschenputtel großen Glanz versprechen, feiert sich selbst. Deshalb lieben die Fahrer die ungewöhnliche Mutprobe ja auch. Die Verehrung gilt jenem ersten Sieger Villeneuve, einem echten Draufgänger, der nie Weltmeister im Ferrari werden konnte, weil er 1982 viel zu früh starb. „Salut Gilles“ steht direkt hinter dem Zielstrich auf dem Asphalt. Sohn Jaques, der Weltmeister von 1997, wird im Auto seines Vaters diesen Gruß am Sonntag überqueren.

Die Eigenwilligkeit in Verbindung mit der seit den olympischen Sommerspielen 1976 notorisch klammen Stadtkasse hat dazu geführt, dass nie wirklich in die Rennstrecke investiert wurde. Die Formel-1-Teams hausen zwischen Containern, Pavillons und Toilettenhäuschen auf einem schmalen Asphaltstreifen direkt am ehemaligen Ruderbecken.

Montreal hat noch bis 2029 einen gültigen Vertrag. Bedingung dafür: Fahrerlager, Boxengasse und VIP-Club müssen renoviert werden. Das hat bislang ungefähr so gut funktioniert wie die Zeitpläne für den BER. Aber mit der Geduld ist es jetzt vorbei. Wenn die improvisierten Anlagen nächste Woche abgebaut sind, rücken die Bagger an.

Neues Gebäude teurer als geplant

Innerhalb der Jahresfrist soll Großes entstehen: Ein gewaltiges Boxengebäude, das 5000 Ehrengästen, allen Teams und 500 Journalisten Platz in einem modernen Ambiente bietet. 30 Millionen Euro kostet die nur einmal im Jahr genutzte Anlage, mittlerweile ein Drittel teurer als geplant. 20 Millionen steuert die Stadt bei, für den Rest kommt das Ministerium für Stadtentwicklung auf. Angesichts der Einnahmen, die 100.000 Zuschauer jedes Jahr in die Kassen spülen, könnte sich die Investition lohnen. Denn die Formel 1 bewirbt seit Villeneuves Zeiten weltweit die aufmüpfige Provinz. Ferrari twitterte zum Slogan „Wir sind bereit für Montreal“ ein Bild mit spektakulärer Skyline – nur dass es sich dabei um Toronto handelte. Ein bisschen Werbung tut offenbar immer noch Not.

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