Motorsport

Zanardi ist zurück im Cockpit

Vor 17 Jahren verlor Alex Zanardi nach einem schweren Unfall beide Beine. Jetzt erfüllt sich den Traum von der DTM.

Glücklich nach langer Leidenszeit: Im August wird Alex Zanardi wieder ein Rennen fahren

Glücklich nach langer Leidenszeit: Im August wird Alex Zanardi wieder ein Rennen fahren

Foto: HOCH ZWEI / picture alliance / HOCH ZWEI

Essen.  Als erster traf Doktor Terry Trammel am Unfallort ein. Der Mediziner rutschte aus, fiel auf seine Knie und Hände. Trammel dachte, es wäre Öl, das aus dem Auto lief. Aber es war Blut. Der Lausitzring war an dieser Stelle voller Blut, das aus Alessandro Zanardis Auto lief. „Ich wusste, ich habe nur drei Minuten Zeit“, erinnerte sich der Mediziner in einer Dokumentation des Discovery-Chanels. 180 Sekunden, um das Leben des jungen Rennfahrers auf dem Lausitzring zu retten.

Trammel stopfte Kompressen auf die Wunden, band das Bein des Italieners mit einem Gürtel ab. Drei Minuten und etwas mehr verstrichen. Sie gehören zu den dramatischsten in der Geschichte des Motorsports und veränderten ein Leben für immer. Zanardi überlebte an diesem 15. September 2001 den Unfall in seinem Indy-Car. Aber er verlor seine Beine. 17 Jahre später wird nun ein Traum wahr: Zanardi geht in der DTM beim Rennen in Misano/Italien (25./26. August) an den Start.

In London zweimal Gold bei den Paralympics gewonnen

„Es ist die größte Herausforderung meines Lebens“, sagt der 51-Jährige, „ich freue mich wie ein Kind im Bonbonladen.“ Alex Zanardi wird in einem speziellen Wagen von BMW sitzen, einem M4, der an seine Bedürfnisse angepasst ist. Der italienische Rennfahrer saß bereits einige Male in einem Rennwagen, startete zwischen 2005 und 2009 bei der Tourenwagen-WM und beim 24-Stunden-Rennen in Spa/Belgien 2015. Der Unterschied diesmal: „Ich werde meinen Arm brauchen, um zu bremsen. Nicht meine Prothesen.“

Möglich gemacht habe seine Fahrt auch Mattias Ekström, sagt Zanardi. „Er hat die Tür dafür geöffnet.“ Als ehemaliger DTM-Fahrer durfte er beim Saisonstart für Audi auf dem Hockenheimring als zusätzlicher Fahrer an den Start gehen. Jedes der drei DTM-Teams hat einmal die Chance, einen Gastfahrer einzubringen. Der Schwede blieb bei seinem Abschied ohne Chance, Ähnliches erwartet auch Zanardi. „Die Fahrer sind alle unglaublich gut vorbereitet, unglaublich talentiert. Aber ich bin ein Optimist, ich bin ein Kämpfer. Ich werde versuchen, die Zuschauer zu überraschen.“

DTM-Chef Gerhard Berger freut sich auf den Start dieses Stars, der mit der Behinderung früh umzugehen wusste, das Sportlerleben nicht für beendet erklärte und 2012 in London bei den Paralympischen Spielen zweimal die Goldmedaille mit dem Handbike gewann: „Seine ungemein beeindruckenden Leistungen, aber auch sein unerschütterlicher Optimismus und seine Menschlichkeit ragen weit über den Sport hinaus und haben ein Millionenpublikum inspiriert.“

An allem Anfang standen die überraschten deutschen Ärzte im Schreckensjahr 2001. „Sie haben mir gesagt, ich müsste tot sein“, erinnerte sich Zanardi einmal. In jenem Jahr fuhr er keine besondere Saison, doch auf dem Rundkurs in der Lausitz hatte er ein anderes Gefühl, ein besseres. Von Startplatz 22 aus holte Zanardi auf und war in der Mitte des Rennens bereits auf Platz drei. In Runde 114 fuhr er in die Box, „reine Mathematik“, sagt Zanardi. „Ich sollte danach als Führender das Rennen gewinnen.“ Bei der Ausfahrt verlor er die Kontrolle, landete auf dem Grünstreifen und auf der Strecke. Bei Tempo 320 donnerte der Kanadier Alex Tagliani in den Wagen und teilte diesen in zwei Hälften.

Auf der Wunschliste stand, ein Rennen in der DTM zu fahren

Zanardi wurde in ein Krankenhaus geflogen. Er musste sieben Mal wiederbelebt werden. Er verlor drei Viertel seines Blutes. Aber sterben? Zanardi wachte drei Tage später aus dem Koma auf, steckte nie auf, kämpfte sich durch die Reha zurück ins Leben. Mit einem neuen Ziel: auf dem Handbike Rennen zu fahren und bei den Paralympics Medaillen zu gewinnen.

Zanardi ließ aber auch seine Kindheitsträume nicht fallen. „Als ich ein Kind war, wollte ich ein rotes Auto haben. Ich konnte an nichts anderes denken.“ Zanardi erstellte eine Liste mit Sachen, die er erreichen wollte. Ganz oben stand: Formel-1-Fahrer werden, was ihm auch später gelang. „Relativ weit oben stand auch, DTM-Fahrer zu werden“, sagt Zanardi. Im August erreicht er dieses Ziel, mit einem Umweg. „Als ich ein Kind war und davon träumte, dachte ich, es wäre um einiges einfacher.“

Aber nicht unmöglich. Auch nicht für Alex Zanardi.