Es waren ungewohnte Worte, die Serge Aubin nach der Partie der Eisbären Berlin in Wolfsburg (6:5 n.V.) fand. „Das Powerplay war ein Schlüsselfaktor“, so der Kanadier. Er meinte damit nicht etwa dasjenige des Gegners, sondern das eigene Überzahlspiel. Drei Tore bei numerischer Überlegenheit, zwar ein wenig getrübt von einem Gegentor bei einem Mann mehr, ebneten den Weg, um ein Spiel zu gewinnen, das eigentlich schon verloren war.

Das freute den Trainer enorm, vier Tore gelangen den Berlinern in den jüngsten beiden Spielen im Powerplay. Just zur Hälfte der Hauptrunde in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) glückte Aubin damit die Wiederbelebung des Überzahlspiels, das bislang zu den schwächsten der Liga zählte. Viele Gespräche und ein paar Umstellungen wirken nun scheinbar.

Es hat lang gedauert, an diesen Punkt zu kommen. 26 Spiele haben die Berliner absolviert – damit ein Spiel weniger bestritten als die meisten Kontrahenten. Unter anderem die Probleme in Überzahl waren ein Grund dafür, warum der Abstand des Vierten zu den ersten drei Teams der Tabelle schon groß ist. München liegt 17 Punkte vor dem EHC, Straubing 14 und Mannheim 11.

Defensivprobleme müssen jetzt angegangen werden

Die Rückstände mögen für den Augenblick etwas ernüchternd erscheinen. Vielleicht verhielt sich Aubin vor Wochenfrist deshalb so kritisch gegenüber seinem Team, schlug gegenüber den Powerplay-Formationen und dem Torhütergespann einen warnenden Ton an. „Wir wollen uns oben wieder etablieren, dafür müssen alle mehr geben“, sagt Sportdirektor Stéphane Richer. Bei den Torhüterleistungen ist allerdings nur bedingt ein Fortschritt zu sehen. In Wolfsburg musste Stammkraft Sebastian Dahm nach dem ersten Drittel für Maximilian Franzreb weichen, nachdem der EHC bereits 1:4 hinten gelegen hatte.

Die neuralgische Torhüterposition dürfte damit noch mehr in den Fokus rücken. Die Verantwortlichen werden die Entwicklung dort in den nächsten Wochen genau beobachten. Doch allgemein ist die Defensive, die anfangs noch das Prunkstück war, derzeit recht fragil. Darüber kann auch das Lob von Maxim Lapierre nicht hinwegtäuschen. „In einer Saison gibt es manchmal schwierige Momente. Aber wir können damit umgehen. Das ist alles, worauf es ankommt“, sagt der Stürmer, der die Aufholjagd als „großes Zeichen unseres Charakters“ wertete: „Solche Spiele können den Verlauf einer ganzen Saison verändern.“

Vierter Platz kann schon in die CHL führen

Es würde schon genügen, wenn das Verantwortungsbewusstsein in der Defensive infolge solcher Partien steigt. Denn die Konkurrenz liegt hinter dem EHC nach wie vor in Lauerstellung. Und der vierte Platz ist längst nicht mehr nur wegen des Heimvorteils im Play-off-Viertelfinale reizvoll. Das avisierte Ziel des EHC kann inzwischen sogar zur Teilnahme an der Champions Hockey League (CHL) reichen, wenn der Meister aus den ersten Drei hervorgeht. Die DEL erhielt gerade erst einen vierten Startplatz für die nächste Saison der kontinentalen Spitzenliga. „In der CHL dabei zu sein, ist sehr interessant für uns. Deshalb wird es eine große Herausforderung, unter den Top Vier zu landen“, so Richer. Seit 2015 wurde stets der Spitzenreiter nach der Hauptrunde auch Meister.

Nach den bisherigen Auftritten würde es nicht überraschen, wenn der neue Titelträger wieder aus dem Kreis des Führungstrios kommt. Wobei Außenseiter Straubing sowohl Kritiker als auch Experten immer mehr in Staunen versetzt. „Sie sind clever, zu Hause sehr gut, schalten gut um und haben ein starkes Überzahlspiel“, so Richer. Bis auf drei Zähler haben sich die Niederbayern an München herangeschoben, das gerade eine Phase mit vielen Verletzungen durchlebt und damit seine Schwierigkeiten hat. Ihre problematische Phase haben die Adler Mannheim bereits hinter sich. „Sie sind jetzt im Lauf, das war nur eine Frage der Zeit“, findet Richer.

Eisbären mit drei Heimspielen in einer Woche

Die Adler sind am Freitag der Gegner der Eisbären, drei Heimspiele stehen nun in Folge auf dem Plan. Zunächst am Dienstag gegen den Vorletzten Krefeld (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena), nach Mannheim kommt dann der Fünfte aus Nürnberg am Sonntag nach Berlin (19 Uhr). Eine wichtige Woche, in der die Eisbären Weichen stellen können. Ihre Heimstärke und ihre gut funktionierende Offensive sollte ihnen dabei helfen.

Um der Spitze noch einmal gefährlich werden zu können, müsste die komplette Defensivabteilung allerdings besser auftreten. Und zwar auch im Spiel nach vorn. Trainer Aubin hat in seiner ersten Saison in Berlin bereits gezeigt, dass er Probleme angehen und lösen kann. Bisher tat sich aber immer ein neues Loch auf, wenn ein anderes gestopft wurde. Die Ausgewogenheit der Leistungen der einzelnen Mannschaftsteile herzustellen ist damit also die große Aufgabe für die zweite Hälfte der Hauptrunde. Gelingt Aubin dies, dürfte das Play-off in der DEL sehr interessant werden.