Lasse Kopitz mal dienstlich zu erwischen, erfordert einiges an Spontaneität. Er selbst weiß lange im Voraus, wann er aufs Eis muss, doch er darf es anderen nicht sagen. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) will sich nicht angreifbar machen für Manipulationen und gibt die Einsatzorte ihrer Schiedsrichter erst wenige Stunden vor einem Spiel bekannt. Schnell mal irgendwo hinfahren, um sich den 37-Jährige in Ausübung seiner Tätigkeit anzuschauen, ist also eher schwierig.

Dabei wäre es wirklich interessant, Kopitz mal genau zu beobachten. Wie agiert er? Lässt er mehr durchgehen als andere Unparteiische? Geht das Spiel mit ihm runder über die Bühne? Hat er ein besseres Gefühl für brenzlige Situationen? Kopitz war schließlich selbst Profi, einer sogar, der bei Olympia den Schläger schwang, der bei Weltmeisterschaften verteidigte, der in der DEL fast 700 Partien absolvierte. So viel Erfahrung auf der anderen Seite gibt es bei Schiedsrichtern nur selten.

Grundsätzlich ändert das natürlich wenig am Bild, das viele von Schiris haben. Eisbären-Trainer Uwe Krupp regte sich letztens furchtbar auf bei einem Spiel, weil er die Entscheidungen von Kopitz und Rainer Köttstorfer, ebenfalls ein langjähriger Profi, nicht nachvollziehen konnte. Das Publikum artikulierte sich lautstark gegenüber den beiden Schiedsrichtern. „Mir macht Pfeifen überall Spaß. Stimmung hat etwas Positives“, sagt Kopitz. Er hat gelernt, mit so einer Atmosphäre umzugehen. „Wenn Menschen über den Schiedsrichter schimpfen, ist es für mich so, dass sie über mein Trikot, meine Aufgabe schimpfen. Die ist, Neutralität zu bewahren und das Spiel sicher und fair zu machen. Ich fühle mich nicht persönlich als Lasse Kopitz angegriffen“, erzählt er. Freunde hat man als Schiedsrichter wenig, das ist ihm bewusst.

Pfeift er Eisbären-Spiele, kann er gleich die Eltern besuchen

Trotzdem erschien ihm diese Tätigkeit als die beste Wahl, die er treffen konnte. „Ich habe mich auch mit dem Gedanken auseinandergesetzt, Trainer zu werden, wollte aber doch auf dem Eis und noch näher am Eishockey dranbleiben“, sagt der gebürtige Berliner. Seine Heimatstadt, in der er bei den Preussen im Nachwuchs spielte, verließ er mit 16 Jahren. Oberhausen, Krefeld, Nürnberg, Köln, Frankfurt und Iserlohn, wo er auch heimisch geworden ist, waren seine DEL-Stationen. Durch das Eishockey kam er immer wieder zurück, auch jetzt sind Einsätze bei den Eisbären nicht nur Auswärtsspiele für ihn, „die werden meistens verbunden mit einem Heimatbesuch bei den Eltern“.

Seine Karriere beendete Kopitz 2014 recht früh, um nicht zu spät in die neue Laufbahn einzusteigen. „Profischiedsrichter zu werden, wäre mein Wunsch. Ich arbeite daraufhin, das ist mein Ziel, das ich von Anfang an hatte“, erzählt er. Noch befindet er sich in Ausbildung, pfeift in deren drittem Jahr aber bereits ausschließlich in der DEL und war sogar beim Deutschland Cup schon international im Einsatz. Angefangen hat er ganz unten, bei den Bambinis – und sich dann nach und nach hochgepfiffen. „Als Spieler habe ich wohl das Meiste erlebt, davon kann man auch als Schiedsrichter profitieren. Das bedeutet aber nicht, dass man ein guter Schiedsrichter ist, nur weil man ein guter Spieler war. Schiedsrichterei muss auch erlernt werden“, sagt Kopitz. Der erste Regeltest führte ihm das deutlich vor Augen: „Bevor ich nicht dafür gelernt hatte, hätte ich nicht bestanden – und das nicht einmal knapp.“ Er war überrascht, wie wenig er als Spieler von den kompletten Regeln wusste oder auch wissen musste, um trotzdem damit keine Probleme zu haben. „Jetzt sehe ich, dass es deutlich mehr gibt in einem Eishockeyspiel, als nur der Scheibe hinterherzurennen“, erzählt der Referee, der früher Eishockey gespielt und es jetzt auch verstanden hat.

In der neuen Aufgabe, das merkte Kopitz schnell, ist eine Sache ganz besonders wichtig: Erfahrung. Aus der anderen Perspektive betrachtet wirkt ein Spiel nämlich viel komplexer, ein Schiedsrichter steckt viel tiefer drin in einer Partie als ein Profi. Unparteiische dürfen nie abschalten, vieles passiert gleichzeitig. „Früher was das Eishockey für mich anstrengender für den Körper, jetzt ist es das für den Kopf.“ Wobei Kopitz den Körper natürlich ebenso in Form halten muss, schließlich läuft er jetzt 60 Minuten über das Eis und nicht wie als Spieler etwa 20. Durch seine professionelle Vorleistung ist einer wie er körperlich sicher im Vorteil, wenn es darum geht, sich an das hohe Tempo des Spiels zu gewöhnen. Das ständige Beobachten aber verlangt Routine, die erst mit den Jahren kommt. Wie hochklassig ein Schiedsrichter zuvor gespielt hat oder nicht, verliert da an Wert.

Als Spieler stritt er gern, heute mag er das überhaupt nicht

Unterschiede zwischen seiner Art zu Pfeifen und der von Kollegen sieht er deshalb kaum. „Alle Schiedsrichter haben ein gutes Gespür dafür, wann man bei einem Spiel dazwischen gehen muss, wenn sich ein Spiel hochschaukelt“, sagt Lasse Kopitz, der früher oft sehr emotional reagierte, wenn ihm die Entscheidungen der Männer in den Streifentrikots nicht passten, und sich auf Streitgespräche einließ. Kommunikation ist ihm auch heute wichtig, doch zu viel reden mag er wiederum nicht, weil das den Spielfluss stören könnte. Das wäre ein Fehler, ein vermeidbarer.

Fehler passieren in diesem rasanten Sport natürlich trotzdem. „Es gab auch schon die eine oder andere Entscheidung, die ich nicht noch mal so treffen würde“, sagt Kopitz: „Die Fehler muss man auswerten, immer wieder durchspielen und daraus lernen. Perfekt wird man nie sein, aber man muss nach Perfektion streben“, erzählt der frühere Profi, den diese Einstellung dorthin führen soll, die WM oder Olympia auch in der neuen Aufgabe erleben zu können. Ihn dort in der Ausübung seiner Tätigkeit zu beobachten, wäre einfacher als in der DEL, denn die Unparteiischen für große Turniere werden lange vorher nominiert.