Eishockey

Der beste Berliner sucht ein neues Hause

Marcel Müller ist der einzige Berliner, der je in der NHL spielte. Gegner der Eisbären will er nicht immer bleiben.

Marcel Müller ist jeden Sommer in der Heimat

Marcel Müller ist jeden Sommer in der Heimat

Foto: osnapix / Duckwitz / imago/osnapix

Berlin.  Manche Tage gibt es einfach nicht. Zumindest sieht die Statistik sie nicht vor. Den vergangenen Sonntag etwa, als die Krefeld Pinguine bei den Augsburger Panthern (3:4) spielten. Ohne Punkt, also ohne Vorlage oder Tor, ging Marcel Müller aus der Partie. Was bei seiner Saisonbilanz von bisher 26 Einsätzen in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) und 36 Zählern folglich schon Lottoausmaße annehmen würde, sollte man auf die Tage wetten wollen, an denen Müller nicht punktet.

Einer wusste, dass es mal so kommen würde. Er wusste sogar noch mehr. Über Müller (29) sagte Meistertrainer Pierre Pagé einst, dass er es eines Tages in die NHL, die beste Eishockeyliga der Welt, schaffen würde. „Das habe ich mitbekommen“, erzählt Müller und lacht: „Pierre war ein Visionär, der hat vieles auch über den grünen Klee gelobt.“ Bei Müller behielt er allerdings recht, er spielte in der NHL. Als bislang einziger gebürtiger Berliner.

Bei den Krefeld Pinguinen ist er zweitbester DEL-Scorer

Am Mittwoch kommt Müller wieder nach Hause. Nicht als NHL-Star, sondern als Stürmer der Krefeld Pinguine tritt er gegen den EHC Eisbären an (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena). Was den Wert seiner persönlichen Show nicht schmälert. Wobei es in der nicht allein um ihn geht. Auch Sturmpartner Daniel Pietta nimmt eine wichtige Rolle darin ein. Zusammen kommen die beiden auf fast so viele Scorerpunkte (68) wie die erste Reihe des EHC zu dritt (80). In der Punktwertung der DEL rangieren Müller und Pietta an Platz zwei und drei.

In Krefeld erlebt der Berliner gerade glückliche Jahre. Sicher, der Blick auf die Tabelle trübt die Stimmung ein wenig. „Platz zehn ist das einzige Ziel, das wir haben“, sagt Müller und will mit dem Zwölften beim Tabellenführer wichtige Zähler für die Pre-Play-off-Qualifikation einfahren. Ansonsten aber fügt sich alles, mit Pietta hat er einen kongenialen Partner an der Seite, mit dem ihn mehr als nur das Eishockey verbindet. „Unsere Freundinnen spielen zusammen Feldhockey und verstehen sich auch sehr gut“, sagt er. Beide Profis haben Babys im gleichen Alter von gut einem Jahr. „Das ist ein großes Thema, das man teilen kann“, so Müller. In der Kabine geht es bei ihnen um erste Schritte, um die nächsten Termine für das gemeinsame Babyschwimmen: „Dadurch ist alles noch intensiver geworden.“ Diese Harmonie überträgt sich auf das Eis.

Im Dauereinsatz mit dem idealen Partner

Deshalb, und weil die Pinguine nicht genug Geld für noch mehr starke Spieler haben, sind die beiden im Dauereinsatz. Das führte jüngst zu Diskussionen auf höchster Ebene. Bundestrainer Marco Sturm ließ Müller und Pietta nach einiger Zeit der Abwesenheit Anfang November für das Natioalteam auflaufen und sagte, die beiden würden im Klub zu viel spielen. „Ich kann das verstehen, weil du dadurch zwei gute Spieler hast, die vielleicht bei der Nationalmannschaft nicht auf demselben Frischelevel sind wie andere“, erzählt Müller. Genauso viel Verständnis hat er für Krefeld-Trainer Rick Adduono, der die beiden ständig aufs Eis schickt. „Wir spielen teilweise über 25 Minuten. Ich glaube, da kommen nicht mal die Verteidiger der Eisbären ran“, sagt Müller, dem Adduono gern die Eiszeit kürzen würde: „Aber er liebt es, auch Unterzahl zu spielen.“

Sein großes Potenzial liegt freilich in der Offensive, dort gewinnt der elegante und zugleich kräftige Müller zusammen mit Pietta die Spiele für die Pinguine. Das Trikot der Eisbären trug der Angreifer von 2005 bis 2007, Pagé war damals sein Trainer. Sogar seinen ersten und einzigen Meistertitel durfte Müller als junger Profi feiern, als jüngster Spieler, der nach der Wende für den EHC ein Tor erzielt hat. Die kurze Episode ist die einzige im Berliner Profieishockey, bleiben soll sie es nicht.

Der Stürmer sucht ein Haus in seiner Heimatstadt

Irgendwann hat sich Marcel Müller einen Lebensplan zurechtgelegt. In Rudow ist er geboren, lernte dann bei den Capitals das Eishockeyspielen und richtete sich später danach, was am besten für ihn sein könnte. In Köln boten sie ihm mehr Eiszeit (und Geld) als in Berlin, er machte das Beste daraus, durfte 2010 bei den Olympischen Spielen mitwirken und bei der Heim-WM. Die Jahre in Köln führten ihn in die Organisation der Toronto Maple Leafs aus der NHL. Zwei Jahre verbrachte Müller überwiegend im Farmteam, aber für drei Spiele durfte er in der besten Liga der Welt mitmachen. „Das ist mehr als nur eine Notiz im Lebenslauf. Ich wurde wegen meiner Leistung nach oben berufen“, erzählt Müller, dem Toronto die Chance, innerhalb der NHL zu wechseln, nicht geben wollte.

In Schweden suchte er anschließend sein Glück, kehrte wegen des besseren Gehalts aber nach einer Saison in die DEL zurück. Damals gab es auch ein Angebot des EHC. „Da hatte ich gesagt, dass ich meine Karriere in Berlin beenden möchte, wenn ich dahin zurückgehe“, so Müller, der es in dieser Saison gern ins Olympiateam schaffen würde. Sollte das nicht klappen, könnte er die lange Olympiapause der DEL nutzen, um sein Projekt voranzutreiben. „Wir suchen ein Haus in Berlin“, so der Stürmer, der jeden Sommer hier verbringt und nicht mehr bei den Schwiegereltern wohnen möchte. Sein Vertrag in Krefeld läuft aus, mit einem starken Spiel könnte sich Müller eindringlich bei den Eisbären empfehlen. Nach dem Ergebnis vom Sonntag ist es unwahrscheinlich, dass er am Mittwoch ohne Punkt bleibt.

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