Eisbären Berlin

Krupp - „Hier ist der richtige Ort, um Titel zu gewinnen“

Eishockey-Legende Uwe Krupp hätte für keinen anderen Klub als die Eisbären auf die mögliche Elternzeit verzichtet. Im Interview spricht er über seinen Ruf und darüber, was der für ihn bedeutet.

Foto: Reto Klar

Als Spieler brachte es Uwe Krupp zum Heldenstatus, als er 1996 als erster Deutscher den Stanley-Cup in der NHL gewann. Als Trainer führte er die Nationalmannschaft bei der WM 2010 auf Platz vier, die Kölner Haie schafften es mit dem 49-Jährigen zuletzt zweimal in das Finale der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), entließen ihn aber im Oktober. Seit vier Wochen trainiert Krupp den EHC Eisbären. Vor dem Spiel in Hamburg am Sonntag (14.30 Uhr) sprach die Morgenpost mit ihm.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie wirklich keine Lust gehabt, noch etwas länger frei zu machen? Schließlich haben Sie daheim ein kleines Baby, Herr Krupp.

Uwe Krupp: Zwei Monate habe ich ja gehabt. Und irgendwie war es so, dass ich dann auch wieder etwas machen wollte.

Ausgedehnte Elternzeiten stehen heutzutage aber allgemein hoch im Kurs.

Ich hätte auch sicher länger warten können, aber das hängt ein bisschen mit dem Timing zusammen. Hätte sich nicht die Tür mit Berlin geöffnet, weiß ich nicht, ob ich etwas anderes gemacht hätte.

Kleinkinder fordern einen Tag und Nacht. Spüren Sie das im nicht gerade stressfreien Trainerberuf besonders?

Die Zeit mit der Familie empfinde ich als totale Auszeit. Wobei das als Trainer nicht so einfach ist. In meinem Fall nimmt mich das Trainerdasein völlig ein, du kannst nicht so richtig abschalten. Eigentlich fällt es mir recht schwer, mal nicht an die Bedürfnisse und Herausforderungen der Mannschaft zu denken. Außer, wenn ich Zeit mit T.J. und Claire verbringe.

Für Ihren älteren Sohn Björn, der seit ein paar Wochen in Wolfsburg spielt, und Sie war binnen kurzer Zeit ein Kapitel beendet, das bei den Kölner Haien. Fühlt man sich da als Familie verstoßen?

Da ist mittlerweile etwas Gras drüber gewachsen. Mit einer neuen Aufgabe und einem neuen Umfeld kommt auch ein gewisser Abstand.

Köln ist Ihre Heimatstadt, die Haie sind Ihr Heimatklub. Wie schwer war der unfreiwillige Abschied?

Für meine Familie, da gehören auch die Freunde dazu, war es vielleicht noch härter als für mich. Für viele geht die Verbindung sehr weit zurück, die haben mich mit sechs Jahren schon zum Eishockey gefahren, haben einen Hai auf dem Auto drauf. Für die war es eine tolle Sache, dass ich die Geschicke des Vereins leiten durfte. Und in der Konstellation war das für viele vom Gefühl her mehr als nur ein Job. Wenn der endet, verstehe ich das als jemand, der sein ganzes Leben in diesem Umfeld gearbeitet hat. Für mein privates Umfeld war das deutlich schwieriger.

Für Sie war es die erste Entlassung in Ihrer zehnjährigen Karriere als Trainer. Wie fühlt sich das an?

Von einigen meiner Kollegen habe ich Anrufe bekommen. Die haben zu mir gesagt: „So, jetzt bist du ein richtiger Trainer. Jetzt weißt du endlich, wie das Geschäft wirklich läuft.“

Als Jeff Tomlinson hier gehen musste, hatte er viel Verständnis für den Klub, klang sehr loyal und demütig. Überrascht Sie das?

Das war genauso, als ich mit ihm gesprochen habe. Er sagte, dass ich an einen guten Platz komme. Im Grunde genommen ist das ein Zeugnis dafür, dass er sich gut und fair behandelt fühlte in seiner Zeit hier. Das ist ein Kompliment in einer schwierigen Situation.

Bei Tomlinson war es nicht so, dass die Fans ihm nachgetrauert haben. Sie wurden sofort ins Herz geschlossen.

Ich wusste nicht so richtig, was mich in Berlin erwartet, und über die positive Fanreaktion habe ich mich natürlich gefreut. Ich versuche eigentlich immer, so authentisch wie möglich zu sein, keinem etwas vorzumachen. Bei mir weiß man eigentlich immer, wo man dran ist. Manchmal kann man damit auch anecken, aber das ist immer noch besser, als nicht ehrlich zu sein.

Wenn man genau hinschaut, ist diese Trainerposition etwas anders gelagert als Ihre bisherigen. Zuvor mussten Sie aufbauen, die Erwartungen waren zunächst klein. Jetzt soll die Mannschaft sofort um den Titel spielen. Was heißt das für Sie?

Ob es so unterschiedlich ist, weiß ich gar nicht. Das ist hier die zweitjüngste Mannschaft der Liga, es gibt eine Reihe von jungen Spielern in Schlüsselpositionen. Klar sind die Erwartungen hoch, das kommt mit dem Namen, mit der Historie. Aber ich sehe unsere Mannschaft nicht in der Position, dass jeder Spieler nur sein Potenzial abrufen muss, und dann werden wir Meister. Ich glaube eher, dass jeder Spieler eine Entwicklung durchmachen muss. Dann haben wir eine Chance. Ich gehe die Aufgabe nicht groß anders an als vorher.

Was definitiv überall gleich ist, ist Ihr Status als Heiliger des deutschen Eishockeys, als Überfigur. Wie leben Sie damit?

Eigentlich, indem ich das überhaupt nicht in meinem Bewusstsein habe. In meiner täglichen Arbeit mit der Mannschaft ist mir das überhaupt nicht klar. Es ist auch nicht wichtig für mich, was ich irgendwann mal gemacht habe als Spieler oder auch Trainer. Das habe ich schon als Spieler gelernt, da half es auch nichts, wenn du in der Saison zuvor 40 Punkte hattest. Du musstest das wieder schaffen, sonst hast du den Job verloren. Das ist als Trainer nicht anders.

Aber der Trainer wird schon anders angeschaut, wenn er viel zu bieten hat.

Da sind wir bei der Perspektive von anderen Leuten. Für mich gibt es eine klare Trennung. Mir hilft der Stanley-Cup-Sieg vor fast 20 Jahren nicht dabei, meine Mannschaft auf Hamburg einzustellen. Trotzdem kann man natürlich immer mal wieder eine Anekdote erzählen. Ein Rezept für ein gutes Training ist das aber nicht. Du musst einfach ehrlich sein mit den Spielern, die müssen das Gefühl haben, dass sie dir vertrauen können.

Der Name Uwe Krupp sorgt dennoch stets für Aufruhr. Beschäftigen Sie sich damit?

Es gibt zu viele Leute, die irgendwo mal erfolgreich waren und aufgrund dieses Erfolges glauben, dass sie gewissen Kredit haben in irgendeiner Aufgabe, die sie übernehmen. Ich denke, dass es niemanden zum Fachmann als Trainer macht, wenn er als Spieler was gewonnen hat. Für mich gibt es da wenige Zusammenhänge. Du musst versuchen, die Mannschaft mit Hilfe deiner Persönlichkeit zu erreichen. Meine zum Beispiel hätte als Trainer und Spieler nicht unterschiedlicher sein können.

Inwiefern?

Ich hätte lange nie geglaubt, dass sich mal Trainer werde. Als Spieler war ich voll fokussiert darauf, die in mich gestellten Erwartungen zu erfüllen und alles dafür zu tun, meine beste Leistung zu bringen. Ich habe mich nie damit beschäftigt, wie und ob sich das möglicherweise irgendwie positiv auf die Führung einer Mannschaft übertragen lässt.

Was haben Sie bis jetzt gesehen im Team?

Wir haben zum Teil alle Ansätze gezeigt, die du brauchst, um eine Topmannschaft zu sein. Aber es gibt sicherlich noch ein paar Bereiche, in denen muss eine Entwicklung da sein, um den Besten Paroli zu bieten. Alle spielen mit viel Engagement, haben die Ärmel hochgekrempelt. Das ist die wichtigste Grundlage, um an dein Potenzial ranzukommen.

Sind die Eisbären gut genug, um ihre Ansprüche zu verwirklichen?

Das hängt davon ab, wie sich die Mannschaft entwickelt. An welchem Punkt wir sind, ist schwer zu sagen. Die Mannschaft tritt jetzt anders auf als vorher. Wir betrachten das objektiv momentan als gute Richtung.

Sie hatten sich sehr glücklich gezeigt über den Job in Berlin. Wollten Sie einfach nur arbeiten oder lag das auch am Klub?

Da sind wir bei der Frage vom Anfang. Wenn die Eisbären nicht gekommen wären, glaube ich nicht, dass ich so schnell wieder angefangen hätte zu arbeiten. Das war schon eine besonders reizvolle Aufgabe aufgrund der Strukturen, des Umfelds. Björn hat zu mir als erstes gesagt: ‚Das ist nicht umsonst Hockeytown, besser geht es nicht’.

Sie waren in den vergangenen beiden Jahren nah dran am Titel. Was hat gefehlt?

Nur ganz wenig. Es gibt Mannschaften wie Ingolstadt, die machen aufgrund von besonderen Umständen auf einmal in kurzer Zeit mehrere große Schritte. Das gibt es nicht oft, aber es kommt vor. Dann gibt es Mannschaften, die machen kleinere Schritte, die arbeiten sich immer näher ran. Ich bin im Nachhinein fest davon überzeugt, dass diese letztjährige Kölner Final-Mannschaft noch einen Schritt brauchte, um die Meisterschaft zu gewinnen. Irgendwann muss eine Mannschaft auf dem Eis allein und relativ unabhängig von den Instruktionen eines Trainers die richtigen Entscheidungen treffen. Um zu einem Gewinner zu werden, brauchen die meisten die Erfahrung, denkbar knapp gescheitert zu sein.

Jeder glaubt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Sie den ersten Titel als Trainer gewinnen. Ist das jetzt der richtige Ort?

Ja. Und ich freue mich darauf.