Klar, da ist erst mal Enttäuschung. 1:4 zum Auftakt in Augsburg verloren, dumme Fehler gemacht, irgendwie nicht richtig bei der Sache gewesen, mutlos. „Das war nicht der Start, den wir erwartet haben“, sagt Trainer Jeff Tomlinson nach dem ersten Spiel des EHC Eisbären in der neuen Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Die ersten Nörgler melden sich auch schon wieder zu Wort, sprechen dem 44-Jährigen in Internetbeiträgen die Kompetenz ab, die Mannschaft anzuleiten.

Er kennt das. Die ganze vergangene Saison über musste Tomlinson damit leben, mit der Enttäuschung, mit dem Gegenwind. Sein erstes Jahr als Cheftrainer der Berliner, immerhin mit sieben Titeln zwischen 2005 und 2013 DEL-Rekordmeister, war ein sehr schwieriges. Damals glückte der Start, mit sechs Punkten fiel er so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr aus. Danach setzte die Krise ein. Trotz der Auftaktniederlage jetzt fühlt sich Tomlinson gut präpariert, um es in dieser Spielzeit besser zu machen und nicht im Pre-Play-off stecken zu bleiben: „Ich sage mal so: schlechter kann es ja nicht werden.“

Das soll keine lustige Äußerung sein. Tomlinson will damit nicht herunterspielen, was passiert ist in der Vorsaison. Es ist wichtig, das zu erwähnen. Denn dem Trainer wird viel unterstellt, das hat er bemerkt. Das Vertrauen in ihn ist beim Anhang nicht sonderlich ausgeprägt; Dinge, die er sagt, werden gern mal missverstanden. „Damit muss ich leben. Da habe ich eine Menge gelernt“, sagt der Deutsch-Kanadier. Er will versuchen, klarer zu werden in seinen Aussagen, unmissverständlicher.

Allein diese Ebene zeigt, dass Tomlinson vor wichtigen Monaten steht. Sie werden darüber entscheiden, wie es mit ihm weitergeht. Bis zum Saisonende läuft sein Vertrag. Das beschäftigt ihn derzeit nicht, er will jetzt die Voraussetzungen nutzen. „Man kann es nennen, wie man will, Neustart, Wiedergutmachung“, erzählt er. Tomlinson will mehr, der Klub auch. Und die Fans sowieso.

Mehr Unterstützung als vorher

Wichtig ist für den Trainer dabei, dass er seine Position optimiert sieht. „Ich habe jetzt mehr Unterstützung“, sagt Tomlinson. Mit Stefan Ustorf als Sportlichem Leiter und Marian Bazany als Fitness-Experte, zwei früheren Nationalspielern, wurde das Team erweitert. Vergangene Saison, so der Coach, habe er sich in manchen Dingen öfter allein gefühlt. Manager Peter John Lee hatte einfach zu viel mit der Vorbereitung der Champions Hockey League zu tun. Bazany gehöre in der Liga zu den am besten ausgebildeten Leuten für seinen Bereich. Ustorf verfüge über ein gutes Gespür für das Spiel. „Alles zusammen ist das nicht nur für mich ein Vorteil, sondern für die Eisbären“, sagt der Trainer.

Auch das Team ist jetzt ein anderes. Zumindest betonen das die Verantwortlichen gern. Personell hat sich zwar wenig getan, doch die neue Arbeitsmoral macht viel aus. „Wie man zur Arbeit kommt und wie man sie dann macht, davon hängt viel ab“, erzählt Tomlinson, der Schwierigkeiten hatte, in die mit Meister-Allüren vollgestopften Köpfe seiner Profis vorzudringen. Die Rückkehr in die Realität im Frühjahr machte wieder aufnahmefähig.

Jetzt müssen nur noch möglichst alle gesund bleiben. Vergangene Saison war diesbezüglich ein Horror, fast nie konnte der EHC mit ein und derselben Mannschaft antreten. In Augsburg hat sich nun Stürmer Florian Busch an der Schulter verletzt, das genaue Ausmaß wird am Montag diagnostiziert. Aber das muss aufgefangen werden können.

Mehr Gestaltungsspielräume

Diese drei Ebenen zusammen nehmen Tomlinson mehr in die Verantwortung. Vor einem Jahr trat er an und war weitgehend machtlos angesichts der Bedingungen, die er vorfand. Diesmal konnte er mitgestalten. „Deshalb gehe ich optimistisch in die Saison“, sagt der frühere EHC-Stürmer. Zweifel an der Qualität der Mannschaft, die von außen hin und wieder zu vernehmen sind, lässt er selbst nicht aufkommen. Um unter den Besten mitzuspielen, müsste es reichen, glauben die Berliner. Das lenkt den Fokus noch mehr auf Tomlinsons Arbeit.

Er selbst vertraut auf seine Fähigkeiten. „Dieser Job macht mir Spaß, ich mache das gern, arbeite sehr hart und habe Ahnung vom Eishockey“, erzählt der Trainer. Über die Zeit sei er gereift, habe in Düsseldorf und vor allem Nürnberg genug erlebt, um auch mal schwierige Phasen zu überstehen: „Ich bin stark, ich wackel nicht.“ Um Rückhalt aus der Chefetage muss er sich ohnehin erst einmal keine Gedanken machen, so trainiert es sich etwas leichter.

Irgendwann allerdings wird es darum gehen, ob Tomlinson bleibt oder weiterziehen muss. Aber das ist weit weg. „Sorgen um meinen Job mache ich mir keine. Hätte ich die, dann wäre ich lieber Postbote geworden“, sagt der Trainer. Am Sonntag empfängt seine Mannschaft zum Heimauftakt in der DEL die Straubing Tigers (14.30 Uhr, O2 World). Das ist wichtiger, da „müssen wir ein anderes Gesicht zeigen“. Denn es soll schließlich nicht gleich die nächste Enttäuschung folgen. Es soll alles besser werden.