Klub-Jubiläum

Ex-Torwart René Bielke - „Die haben uns schon gehasst“

Die Eisbären feiern 60. Geburtstag. Der Klub erlebte eine merkwürdige Dynamo-Zeit in der DDR mit der kleinsten Liga der Welt. Bielke war auch nach der Wende noch dabei und erinnert sich daran.

Foto: Marco Leipold / City Press GmbH

Besonders intensiv werden die Stunden im Festzelt vor dem Wellblechpalast nicht werden. René Bielke weiß auch gar nicht, ob er an beiden Abenden hingehen soll. Jeweils am folgenden Morgen steht er bei den Eisbären Juniors bei deren ersten Liga-Spielen an der Bande, als Torwarttrainer.

Früher war Bielke, 52, selbst Torwart der Eisbären. Er stand sogar schon zwischen den Pfosten, als sie noch SC Dynamo hießen. Eisbären und Dynamo, das sind zwei Abschnitte in der Geschichte eines Klubs, der am Freitag und am Sonnabend seinen 60. Geburtstag mit Spielen gegen Gegner von einst feiert. Bielke, den sie damals den „Hexer“ nannten, erlebte eine der intensivsten Phasen dieses Vereins hautnah mit: die Wendezeit.

Vor 1990 erscheint das Leben eines Eishockeyspielers bei Dynamo nicht gerade aufregend. Zwei Mannschaften gab es nur, Berlin und Weißwasser, beide am Leben gehalten auf Geheiß des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke. „Darüber haben wir uns nicht groß Gedanken gemacht. Für mehr fehlte halt das Geld“, sagt Bielke. Und die Aussichten auf Medaillen waren anderswo für die DDR viel größer, kombiniert mit den Kosten ließ es das Eishockey als nicht förderungswürdig gelten.

Bielke fing dennoch an. Sein Vater war von der Armee gerade in Weißwasser stationiert gewesen. „Ich habe direkt gegenüber dem Eisstadion gewohnt. Und was sollte man sonst schon in Weißwasser machen?“, so Bielke. Weil er mit sechs Jahren gleichermaßen „lang wie breit“ war, stellten sie ihn ins Tor. Drei Jahre später besuchte er schon die Sportschule in Berlin, der Vater war von der Armee erneut versetzt worden. Aus Dynamo Weißwasser wurde für ihn Dynamo Berlin.

Nicht so langweilig, wie man denkt

Ganz so langweilig, wie es der erste Eindruck vermittelt, war das Ost-Eishockey gar nicht für die Spieler. Es bestand nicht nur aus den Duellen in der kleinsten Liga der Welt. In Berlin gab es das Sommerturnier, dann folgte oft eine Turnierreise in die Schweiz, Europapokal wurde gespielt, über den Jahreswechsel ging es nach Schweden. Dazu die Nationalmannschaftstermine. „Es gab schon genug Abwechslung“, erzählt Bielke, der von 1982 bis 1990 sechs DDR-Meisterschaften feierte. Damals musste er mit seinen Kollegen von acht bis 16 Uhr im Sportforum sein. Heute verbringen die Profis deutlich weniger Zeit dort. Sie müssen aber auch keine Partei-Lehrgänge mehr über sich ergehen lassen. Oder FDJ-Sitzungen.

Die Dauerduelle in der DDR-Liga schmälerten den Ehrgeiz kaum. Natürlich begegnete man sich ständig wieder, und „wir sind mit dem Großteil der Jungs gut ausgekommen, aber es wurde mit viel Emotionen gespielt“. Nur wer Meister wurde, durfte international ran. Und mehr Nationalspieler stellen. Auch auf den Rängen verlor die Rivalität kaum an Reiz. Gerade in Weißwasser wurde sie gelebt. Weil die „Scheiß-Berliner“ die Bananen zu kaufen bekamen, die es im Rest der Republik nicht gab. „Die haben uns schon gehasst“, sagt Bielke. Auch Gegenstände flogen gern mal aufs Eis. Trotzdem war Weißwasser ein Erlebnis, immer. In das alte Freiluftstadion passten 12.000 Leute, meistens kamen die auch alle. Aber Wind und Wetter waren schlimmer. „Mit Frostsalbe und Zeitung mussten wir uns schützen“, erzählt er. In Berlin war es da schon angenehmer, dort hatte die kleinere Halle ein Wellblechdach.

Trikot hängt unter dem Wellblechdach

Unter dem hängt das Trikot von Bielke heute. Er ist stolz darauf, dass sich jemand dafür eingesetzt hat. Es war ja auch mal anders. „Als ich 1992 nach Ratingen gewechselt bin, haben die Fans mir Rubelscheine hinterhergeworfen, weil dort viele russische Spieler waren“, erinnert sich der einstige Torhüter. Aber was sollte er machen? Zwei Jahre blieb er nach der Wende noch. Stieg erst ab. Den anfänglichen Stress in einer richtigen Liga war keiner gewohnt. Dann wieder rauf. Das waren zwei Lehrjahre. „Keiner kannte so richtig die Spielregeln“, erzählt Bielke.

Eigentlich wollten alle die neuen Möglichkeiten nutzen und marktüblich verdienen. Dabei sind sie etwas über den Tisch gezogen worden. „Wir kannten die Preise nicht.“ Doch Geld hatte der Klub wiederum auch nicht. Also blieb nur ein Wechsel, in Ratingen (ein Jahr) und Krefeld (vier Jahre) stimmte das Gehalt für die letzten Karrierejahre.

Sohn Dominik wurde Meister mit dem DEL-Team

Mit den Ost-West-Vorbehalten hatte er da wenig zu tun. Auch vorher nicht, als er noch in Berlin spielte. Klar, bei den Derbys mit den Preussen in der ersten Nachwende-Saison ging es richtig hoch her. Aber „Honecker-Knechte“ oder „Stasi-Schweine“, das hörte er vor allem bei der WM 1983 in der BRD. Heute sind das Relikte aus alten Zeiten, den Berlinern gehört als Eisbären längst eine dominante Rolle im deutschen Eishockey. Sieben Meistertitel feierten sie, bei vieren war auch Bielke dabei. Allerdings Sohn Dominik, Verteidiger. Er musste seine Karriere gerade mit 23 Jahren wegen Sportinvalidität aufgrund eines Hüftschadens beenden.

Das wird sicher ein Thema sein, wenn René Bielke sich zum 60. Geburtstag des EHC im Festzelt mit alten Kollegen trifft. Oder am Eis steht und zuschaut, wie sich das Team der Berliner am Freitag mit Weißwasser duelliert (19.30 Uhr) und Crimmitschau mit Dresden (16 Uhr). Am Sonnabend geht es dann um die Plätze. Thema werden aber auch die alten Zeiten sein. Im kleinen Rahmen, denn mehr lässt der Frühaufsteher-Job im Nachwuchs nicht zu.

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