DEL

Eisbären-Trainer Tomlinson leistet Abbitte bei den Fans

Nach einer Äußerung aus einem schlechten Moment heraus lässt sich Jeff Tomlinson auf eine öffentliche Diskussion über Ersatzkeeper Elwing ein. Der steht gegen Straubing am Sonnabend erneut im Tor.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Mario Stiehl

Niklas Sundblad ist Schwede, spricht aber ganz gut deutsch. Was da gerade um ihn herum nach dem Spiel des EHC Eisbären gegen den von ihm trainierten ERC Ingolstadt gesprochen wurde, verstand er allerdings irgendwie nicht. Sundblad ging also anschließend zu seinem Berliner Kollegen Jeff Tomlinson, erkundigte sich genauer und schüttelte nur mit dem Kopf.

Kurz zuvor hatte sich Tomlinson entschuldigt, nach einem 3:2 gegen eine der besseren Mannschaften der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Entschuldigt im Prinzip dafür, weil sein Torhüter gut gehalten hatte. „Ich habe einen Fehler gemacht“, sagte Tomlinson. Vor dem Spiel war der Trainer mit reichlich Pfiffen von den Fans bedacht worden. Weil Tomlinson den Torhüter Sebastian Elwing aus deren Sicht ungerecht behandelt hatte. Plötzlich war ein großes Pro-Elwing-Lager entstanden. Und Tomlinson irgendwie in der Defensive.

„So eine öffentliche Entschuldigung erlebe ich zum ersten Mal“, sagt Tomlinson. Sundblad hätte sich wohl nicht darauf eingelassen, er konnte den Gedankengängen nicht folgen. Letztlich fiel mit Rob Zepp der Stammtorwart aus, der mit fünf Meistertiteln erfolgreichste Torhüter der DEL-Geschichte, und in Elwing musste der Ersatzmann einspringen. Tomlinson hatte die Rippenverletzung Zepps, deren Dauer nach dem Ausscheiden in der European Trophy noch unbestimmt war, schwer mitgenommen. Er sprach hernach von einem „deutlichen Unterschied“ zwischen beiden Torhütern. Das nahmen dem Trainer viele der Anhänger übel.

Verständnis für die Fans

Psychologisch wertvoll war der Spruch in dieser Situation vielleicht auch nicht. „Ich kann verstehen, dass die Fans das nicht gut fanden. Es wäre mir wahrscheinlich auch so gegangen“, so der Deutsch-Kanadier. Gemeint war es jedoch nicht abschätzig gegenüber Elwing. „Gleich danach habe ich mit ihm gesprochen und gesagt, dass ich ihn nicht für einen schlechten Torwart halte“, erzählt Tomlinson. Doch Zepp ist eben Zepp, einfach eine Klasse für sich in der DEL.

Dass die Sache nun so hoch kochen konnte, liegt an mehreren Faktoren. Tomlinson übernahm den Job im Sommer von Don Jackson, dass er nun nicht das Niveau halten kann und der EHC nur auf Rang neun liegt, verbinden viele mit seiner Person. Die widrigen Umstände mit Verletzungen, teilweise missglückter Personalpolitik und anfänglichen Einstellungsmängeln im Team nach drei Titeln in Folge werden da gern ausgeblendet. Auf der anderen Seite ist Elwing gebürtiger Berliner, Eisbär auf Lebenszeit quasi. Das ganze Spiel über sangen die Fans: „Da steht ein Eisbär im Tor.“ Zuvor wurde ein Plakat präsentiert: „Elle, wir steh’n hinter Dir.“

Reaktionen wie eine Katze

Der 33-Jährige hat das genau mitbekommen. „Das war ein schönes Gefühl, eine super Unterstützung. Das genießt man“, sagt er. Im erst dritten Saisoneinsatz gelang ihm zudem der erste Sieg. Es passte einfach alles für ihn, Reaktionen wie eine Katze bescheinigte Stürmer Florian Busch dem Kollegen. Da konnte Elwing auch das mal los werden: „Die Eisbären sind gut aufgestellt im Tor. Sie holen sich ja keinen guten ersten Torwart und eine Gurke.“ Gewiss nicht.

Nur bekommt er eben selten die Gelegenheit, das zu zeigen. „Der Job hinter Zepp ist der schwerste in der ganzen Liga“, sagt Tomlinson. Der Nationaltorhüter will immer spielen, und seine enorme Fitness lässt das auch zu. Das weiß Elwing, Tomlinson redet ab und zu mit ihm darüber. Elwing ist daher einer der am wenigsten eingesetzten Ersatzmänner der DEL. Und wenn er dann mal ran darf, wird es schwer für ihn. „Man ist sehr angespannt und will alles richtig machen. Spielst du mehr, macht es das einfacher“, so Elwing. Immerhin hatte er diesmal eine Partie in der European Trophy gegen Frölunda Göteborg (4:3), die er zum Einspielen nutzen konnte. „Das war wichtig für den Kopf, und ich konnte es jetzt gut umsetzen“, sagt er. Außerdem verteidigten seine Vorderleute gegen Ingolstadt sehr rigoros, das half dem Goalie enorm.

Sportliche Kompetenz allein beim Trainer

In die Partie gegen Straubing am Sonnabend gehen nun alle mit einem besseren Gefühl (18.30 Uhr, O2 World, hier im Liveticker der Berliner Morgenpost). „Ich habe mich gefreut, dass die Fans hinter ihm stehen. Das hat Sebastian gepusht“, sagt Tomlinson. Der Zwiespalt mit den Fans ist für ihn ausgeräumt. Unabhängig davon ist die sportliche Beurteilung der Leistungen von Spielern allein Sache des Trainers, Kritik gehört ebenso dazu wie Lob. Und kritische Worte, egal aus welcher Laune heraus, dürfen durchaus auch als Motivationshilfe betrachtet werden. Wohin ein zu behutsames Umgehen mit Profis führen kann, verdeutlichten die ersten Monate der Saison doch recht anschaulich.

Dennoch will Tomlinson demnächst vorsichtiger sein mit seinen Formulierungen. „Mein letzter Fehler war das aber trotzdem nicht“, sagt er. Zu seiner Erleichterung hat sich inzwischen auch die Situation bezüglich Zepp entspannt. Anfangs war über einen mehrwöchigen Ausfall des 32-jährigen Deutsch-Kanadiers spekuliert worden, doch er trainiert schon wieder. Am Freitag ging er auf Tomlinson zu und sprach davon, dass er am liebsten am Montag in der letzten Partie des Jahres in Düsseldorf spielen würde. „Er ist extrem ehrgeizig“, sagt der Trainer. Genau deshalb hat sich Zepp eine Sonderstellung erarbeitet. Fällt einer wie er aus, trifft das jeden Trainer. Weshalb Niklas Sundblad die ganze Diskussion in Berlin nicht nachvollziehen konnte.