Es war kein großes Rätsel, wer da mit dem Hut auf dem Kopf aus der Kabine kommen würde. Drei Tore sprechen eben eine eindeutige Sprache. Forschen Schrittes bog also Travis Mulock um die Ecke und postierte sich mit breitem Grinsen für sein Statement – mit dem Hut als Zeichen für den vom Trainer auserwählten Mann des Tages. „Großartig war es“, sagte er, seine ganze Reihe hatte eine tollen Tag erwischt und damit den 6:3-Sieg des EHC Eisbären über den ERC Ingolstadt geebnet.
Im Vordergrund stand das persönliche Vergnügen am Toreschießen natürlich nicht. „Wir sind alle erleichtert“, erzählte der Stürmer. Endlich hatte seine Mannschaft in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mal wieder ein Heimspiel abgeliefert, das die Fans mitriss, in dem die alten Tugenden des Klubs zu erkennen waren. „Das hat gezeigt, wie gut wir doch eigentlich spielen können“, so Mulock. Ingolstadt spielte schließlich als Tabellenvierter vor, die Berliner dagegen empfingen als Vorletzter. Nach dem Verständnis der Eisbären ist in den vergangenen Monaten einiges falsch gelaufen, und manchmal schienen sie gar nicht zu begreifen, was da eigentlich passierte.
Vielleicht verhilft die Partie gegen die Oberbayern nun zum nächsten Schritt der Verarbeitung. „Das war genau das Spiel, das wir gebraucht haben“, sagt André Rankel. Trainer Jeff Tomlinson hätte auch ihn zum Hutträger erklären können. Der Kapitän war so präsent wie lange nicht, willensstark, antreibend, hocheffektiv. „Er hat der Mannschaft den Weg gezeigt“, lobt der Coach. Ein Tor und drei Vorlagen stehen in seiner Statistik, auch Julian Talbot kommt auf diese Werte. Jeder aus dem Tornado-Trio Rankel, Talbot, Mulock, die eine Sturmreihe bilden, verbuchte gegen Ingolstadt beeindruckende vier Scorerpunkte.
Am System festgehalten
Ein Problem mit dem Selbstvertrauen sollten diese drei also nicht mehr haben, auch die Mannschaft nicht. Sie durchlebte verschiedene Phasen, wurde früh schwer getroffen, hat sich aber nach dem 0:2 wieder aufgerappelt. „Wir sind nicht eingebrochen, wir haben uns durchgekämpft und nie den Faden verloren“, sagt Rankel. Sie wollten unbedingt an ihrem Spielkonzept festhalten, was mit dem Mut der Verzweiflung nach dem Rückstand durch eine Erhöhung des Tempos letztlich gelang. „Wir wollen nie einen Rückstand, aber diesmal war es ein Weckruf“, so der Trainer. Ingolstadt konnte den Berlinern fortan keine Angst mehr einjagen, der EHC geriet als Team in einen kleinen Spielrausch, wie er in dieser Saison noch nicht zu beobachten gewesen war. „Das war jetzt hoffentlich der Funke, der auf alle überspringt“, sagt Mulock.
Was nun noch mehr Bedeutung bekommt, ist der Blick nach vorn. In Serie verlieren die Eisbären seit Wochen nicht mehr. Doch jedem Schritt in die richtige Richtung folgte zuletzt einer zurück. „Krefeld wird jetzt das wichtigste Spiel der Saison. Wir müssen uns endlich nach vorn bewegen“, findet Mulock. An diesem Sonntag (14.30 Uhr) gastieren die Pinguine beim Meister in der O2 World. „Wenn wir uns da nicht daran erinnern, was uns gerade stark gemacht hat, stehen wir wieder da“, verdeutlicht der Kapitän das Dilemma. Sogar der Rückfall auf den letzten Platz wäre möglich. Trotz des Sieges und dem Vorstoß auf Rang zehn liegen die Berliner nur zwei Punkte vor dem 14. der Tabelle.
Dass Krefeld als Dritter nur neun Punkte vor den Eisbären rangiert, illustriert die Ausgeglichenheit in der Liga. Es zeigt auch, dass für den EHC in Sachen des Kampfes um die Top Vier noch nichts verloren ist. Doch dazu wird dringend eine positive Konstanz benötigt. „Das ist sehr wichtig für uns“, fordert Trainer Jeff Tomlinson. Genauso bedeutsam wäre es, dem heimischen Publikum sofort einen zweiten Erfolg zu kredenzen. Die schlechte Heimbilanz zuvor führte gegen Ingolstadt zum Minusrekord von 11.200 Besuchern. Nach dem sechsten Heimspiel stehen jetzt drei Siege und drei Niederlagen zu Buche. Gegen Krefeld könnte die Statistik also ins Positive gedreht werden.
Mit einem Auftritt wie vor zwei Tagen spricht nichts dagegen. Die zurückliegenden Wochen haben allerdings Zurückhaltung gelehrt beim sonst so von sich überzeugten Titelverteidiger. Ob der Knoten nun geplatzt sei, darauf wollte sich Kapitän Rankel trotz aller guten Aspekte des 6:3 nicht festlegen. Eines aber sagte er doch mit fester Stimme und hungrigem Blick: „Wir wollen ein Sechs-Punkte-Wochenende.“ Es wäre das erste Mal nach dem Start-Wochenende in der DEL, dass die Berliner zwei Spiele in Folge gewinnen.





