Eishockey

Eisbären suchen einen neuen Schützenkönig – in der Abwehr

Zu den Veränderungen, die der neue Eisbären-Trainer Jeff Tomlinson sich wünscht, gehört mehr Torgefährlichkeit durch die Verteidiger. Aber noch haben dies nicht alle Spieler genügend verinnerlicht.

Foto: ROTH/AUGENKLICK / pa

Ein paar kleinere individuelle Beratungen gab es schon. Gestern erst, vorgestern auch. Inhalt der Ausführungen: Wie sich der Einzelne in der Defensive verhält, wenn er sich im direkten Duell mit einem Gegner befindet. Ansonsten steckt der Titelverteidiger der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) noch in der Phase der kollektiven Umerziehung. Die Spieler des EHC Eisbären müssen lernen, dass der neue Trainer von ihnen als Mannschaft ein paar Dinge anders erledigt haben möchte, als sie das zuvor gewohnt waren. Dafür geht die meiste Zeit drauf, wenn Jeff Tomlinson mit seinen Profis arbeitet.

Also werden teamübergreifende Elemente geübt, jeden Tag aufs Neue. Wie früher in der Schule muss die Mannschaft den neu erlernten Stoff wiederholen. Die zwei Niederlagen am vorigen Wochenende in Krefeld und Nürnberg belegen den Bedarf deutlich. Für Feinheiten auf persönlicher Ebene bleibt da bisher kaum Platz. „Wir müssen erst die allgemeinen Sachen klären, bevor wir die individuellen anpacken“, sagt Frank Hördler. Vom Hören weiß er aber, dass auf ihn bald eine spezielle Anforderung zukommen wird.

Im Sommer war es, als Tomlinson seinen neuen Job antrat. Der 43-Jährige schilderte, wie er sich das so vorstellt bei den Berlinern. Dabei sagte er unter anderem, dass Spieler wie Hördler und Jens Baxmann fortan öfter auf das Tor schießen sollen. Bisher sind die beiden als Hüter der Defensive im Berliner Kader bekannt. Tomlinson will sie zu Schützenkönigen umschulen, weil er auch offensives Potenzial sieht, mehr zumindest als vorher Don Jackson.

Hördler hat die meisten Punkte der Abwehrspieler

Die Zahlen klingen, als hätte Tomlinson bereits Erfolg gehabt. Hördler verbucht die meisten Punkte der Abwehrspieler mit vier Vorlagen. Baxmann hat als einziger Verteidiger bislang getroffen. An Tomlinson liegt das aber nur bedingt. „Gesprochen haben wir noch nicht darüber, dass ich mehr schießen soll“, sagt Hördler. Wegen der vielen Baustellen, um die sich der Trainer kümmern muss, hat es sich noch nicht ergeben.

Dringend scheint der Hinweis ohnehin nicht zu sein, vielmehr zeichnet sich eine normale Entwicklung ab. Hördler und Baxmann, beide 28 Jahre alt, reifen von Jahr zu Jahr, ihr Leistungsniveau hat sich konstant dem der ausländischen Top-Verteidiger angenähert. Dominante Nordamerikaner gibt es nun nicht mehr in der EHC-Abwehr, weil deren Rolle an die deutschen Nationalspieler übergegangen ist.

Manager Lee wünscht sich mehr Gefahr von der blauen Linie

Damit wächst die Verantwortung, auch die, offensiv entscheidende Dinge in einem Spiel zu unternehmen. Bereits im Play-off der Vorsaison bestimmten Baxmann und Hördler das Niveau – und sorgten erstmals beim EHC dafür, dass sich die ausländischen Verteidiger in der internen Punkteliste hinten anstellen mussten.

Mehr Gefahr von der blauen Linie würde sich Peter John Lee dennoch generell wünschen. Ihm geht es weniger um direkte Torerfolge. „Jeder Schuss auf das Tor eröffnet neue Möglichkeiten“, sagt der Manager. Viele Treffer fallen aus Nachschüssen. Richie Regehr fällt Lee da ein, „der hat den Puck immer gut zum Tor gebracht“, sagt der Manager über den früheren EHC-Verteidiger. Regehr hatte das Gefühl für den richtigen Moment. Denn so einfach ist es nicht, die Scheibe genau zu adressieren. „Weil heute so viele Schüsse geblockt werden, ist das eine Kunst“, sagt Lee sogar.

Einer wie Regehr fehlt derzeit bei den Eisbären

Darin sieht auch Hördler eine Gefahr. Seine defensiv geprägte Sichtweise des Spiels lässt ihn das nicht vergessen. „Ich muss immer aufpassen, dass ich niemanden anschieße und daraus eine Gegenchance entsteht“, sagt er. Sonst aber gilt: „Wenn ich der Meinung bin, dass ich den Puck zum Tor bringen kann, dann tue ich das auch.“ Im Powerplay geht das meist besser, denn der Gegner steht mit mindestens einem Mann weniger auf dem Eis. Nur gehörte Hördler in diesen Spielsituationen früher meist nicht zu denen, die Meistertrainer Don Jackson aufs Feld schickte.

Damit hadert er nicht. „Ich habe nicht immer das gemacht, was der Trainer wollte“, sagt er selbstkritisch. Die Chance, es besser zu machen, hat er jetzt. Baxmann auch. „Die Karten werden neu gemischt, ein Trainer übernimmt nicht alles vom anderen“, so Hördler. Beide sind nun im Powerplay gesetzt. „Das möchte jeder, weil da die Spieler auf dem Eis stehen, die das Vertrauen des Trainers haben“, sagt Hördler. Baxmanns Tor etwa entstammt dem Überzahlspiel, die neue Aufgabe sagt auch ihm zu.

Wichtiges Wochenende für den Deutschen Meister

Das vergangene Wochenende fiel mit lediglich einem Tor der Eisbären mau aus. Gegen Wolfsburg am Freitag (19.30 Uhr) und Köln am Sonntag (17.45 Uhr, O2 World) soll der Trend nicht von einem guten in einen schlechten Saisonstart umkippen. „Für uns ist es das Wichtigste, nach den Niederlagen wieder zurückzukommen“, sagt Hördler. Dazu müssen zunächst die Lektionen der Umerziehung im Teamverhalten sitzen.