Weltmeisterschaft

Ein Berliner auf der Suche nach dem späten Glück

Eisbären-Verteidiger Jens Baxmann spielt in Finnland seine erste WM und möchte die Pleite der Olympia-Qualifikation vergessen machen. Der nächste Gegner ist am Sonntag Titelverteidiger Russland.

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

Es war alles ziemlich neu. Klar, erlebt hat Jens Baxmann schon viel. Sieben nationale Meistertitel gewann er mit dem EHC Eisbären, spielte in der Champions League, gewann die European Trophy mit dem Berliner Klub, der das deutsche Eishockey seit gut einem Jahrzehnt dominiert. Der Verteidiger ist ein Erfolgstyp, einer, dem der Klub seine großen Jahre mit zu verdanken hat. Aber diese Tage in Finnland, das ist noch mal eine andere Ebene für Jens Baxmann.

Begonnen hätte das finnische Abenteuer fast mit einem Paukenschlag, die deutsche Nationalmannschaft unterlag bei der Weltmeisterschaft dem Co-Gastgeber Finnland erst in der Verlängerung (3:4). Ein prima Start war es trotzdem, dieses allererste WM-Spiel des Berliners. Und es war anders als alles zuvor, viel schneller. „Darauf musste ich mich erst ein bisschen einstellen“, sagt Baxmann. Zeit zum Nachdenken bleibt kaum, hat er festgestellt, dazu sind die Gegner viel zu flink und technisch zu stark. „Du musst immer voll konzentriert sein und sofort handeln“, erzählt der Verteidiger. Gegen Russland, den Titelverteidiger, gilt das am Sonntag um so mehr (15.15 Uhr, Sport1).

Alle freuen sich für Jens Baxmann

Viel Zuspruch erhielt Baxmann in den vergangenen Tagen, alle haben sich für ihn gefreut. „Meine Familie ganz besonders, aber auch die Jungs“, sagt er. Die Jungs sind die Kollegen vom EHC, mit Torhüter Rob Zepp, Stürmer André Rankel und Verteidiger Frank Hördler standen drei davon gegen Finnland mit auf dem Eis. Ebenso der Manager der Eisbären, Peter John Lee, war froh. „Ich soll das genießen, hat er mir gesagt. Und dass ich es verdient habe.“ 28 Jahre alt musste Baxmann werden, um sein WM-Debüt feiern zu dürfen. Ein spätes Vergnügen.

Dafür trat er zunächst einmal kürzer. Früher war er nach den Meisterfeiern der Berliner schon mal vier Tage komplett außer Gefecht. Diesmal durfte er mit der Nominierung rechnen. „Es ist ein anderes Gefühl, wenn man am nächsten Tag aufsteht. Man feiert nicht mehr sinnlos“, sagt er. Zu kurz kam der Spaß trotzdem nicht, er mischte sich mit großer Vorfreude.

Wenig Glück im Nationaltrikot

Obwohl das WM-Debüt für ihn nicht gerade als glorreicher Punkt in seinem Profileben vorherzusehen war. Die Olympia-Qualifikation wurde vor drei Monaten versiebt, der Druck ist groß jetzt. Auch auf Baxmann, er war dabei gewesen im Februar. „Wir sind es jetzt schuldig, das irgendwo ein bisschen gutzumachen“, sagt er. Er hofft inständig, dass das gelingt. Ansonsten wäre das wieder etwas zum Nachdenken. Über sich selbst und sein Schicksal in der Nationalmannschaft.

Nach der Olympia-Quali war er bereits an diesem Punkt. „Ganz ehrlich, da geht dir durch den Kopf, dass dir die Nati kein Glück bringt“, sagt der Abwehrspieler. Zum ersten Mal gehörte er bei einem wichtigen Turnier zum Kader, und dann scheitert die Mannschaft, verpasst erstmals Olympia. Nach solchen Erlebnissen wird viel in Frage gestellt, vor allem das Personal. Das muss man verarbeiten.

Immer solide, immer zuverlässig

Darin verfügt Baxmann über Erfahrung. Nicht mal ein Dutzend Länderspiele stand vor dieser Saison in seiner Vita. Er weiß, wie er mit schwierigen Situationen umgehen muss. An ihm wurde oft gezweifelt, obwohl ihn die Leistungen bei den Eisbären darüber erhaben hätten machen sollen. „Du fragst dich: Warum ist das so?“ Spieler wie er werden oft unterschätzt. Beim EHC sorgt Baxmann immer vor dem eigenen Tor für Ruhe, ganz solide, ganz souverän, ganz zuverlässig. Aber oft auch ganz unauffällig. Und wer kaum auffällt, wird gern unterschätzt.

Ein Punkt war oft auch, dass die vorherigen Bundestrainer lieber auf Spieler setzten, die sie lange in der Vorbereitung hatten. Profis aus dem Liga-Finale kamen da kaum mehr zum Zug. „Ständig im Finale zu sein, war nicht unbedingt ein Vorteil“, so Baxmann. Pat Cortina griff nun kräftig zu bei den Finalisten Berlin und Köln. Baxmann hat das überrascht.

Viele Absagen von Kollegen

Genugtuung verschafft es ihm nicht, so einer ist er nicht. Er hat auch nie mit Neid auf die anderen geschaut, die zur WM fahren durften. Genauso wenig musste er überlegen, ob sich die Reise jetzt überhaupt lohnt. Es hatten ja viele Spieler abgesagt, teils mit fadenscheinigen Gründen. „Durch meine Premiere habe eine ganz andere Motivation dabei zu sein als viele andere“, sagt der Verteidiger. Die Eingewöhnung auf diesem Level hat er nun hinter sich. „Mein Ziel ist es, jetzt von Spiel zu Spiel immer besser zu werden.“

Die Namen der Gegner schrecken ihn dabei nicht. Bei Junioren-Titelkämpfen war er schließlich auch schon dabei gewesen. „Damals habe ich gegen Sidney Crosby gespielt“, erinnert sich Baxmann. Es war ein großes Erlebnis, einen der allerbesten Spieler weltweit so nah zu erleben. Baxmann wird das Spiel gegen Kanada nie vergessen. „Wir haben ordentlich auf den Sack bekommen, aber ich wurde zum besten deutschen Spieler gewählt“, sagt er und muss heute noch darüber lachen.

Sehr positive Gefühle

Von der Schwere der Aufgabe, vor der die deutsche Mannschaft steht, ist bei Baxmann gar nicht so viel zu spüren. „Der moralische Anspruch ist hoch, das wissen alle“, erzählt er. Seine Freude über die Teilnahme an der WM lässt aber kaum negative Gedanken zu. „Ich kann das gar nicht begründen, habe ein sehr positives Gefühl und bin echt optimistisch.“ Das erste Spiel bestätigt ihn. Für den Berliner Erfolgsgaranten Jens Baxmann ist der Anfang gemacht, um bei seinem finnischen Abenteuer doch noch sein spätes Glück in der Nationalmannschaft zu finden.