Unbehütet kommt Constantin Braun selten aus der Kabine. Aktuelles Modell aus der Kappensammlung ist ein blaues Teil mit der Aufschrift „New York“ auf dem Schirm. Dieses trägt Braun wie ein Radrennfahrer nach oben geklappt, schnittig also. Das kommt dynamisch rüber, es fällt auch auf. Womit sein Auftritt nach dem Spiel in etwa die gleiche Relevanz erhielt wie zuvor seine Darbietung auf dem Eis.
Auffällig und dynamisch war Braun gewesen, noch dazu sehr erfolgreich verlief die zweite Halbfinalpartie zwischen dem EHC Eisbären und den Krefeld Pinguinen in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) für den Verteidiger. Beim 5:2, dem zweiten Sieg im zweiten Spiel der „Best of five“-Serie, steuerte Braun einen Treffer und drei Vorlagen bei. Ungewöhnlich viel für einen Defensivmann.
Er nimmt das mehr so mit, diese persönlichen Daten. „Mein Kompliment geht an die ganze Mannschaft“, sagt der 25-Jährige. Mit den vielen Punkten hat sich Braun allerdings in eine exponierte Position geschossen, mit zwei Toren und sieben Vorlagen belegt er unter den punktbesten Abwehrspielern der DEL den ersten Platz im Play-off. So gut war er noch nie.
Stützen mit Auszeiten
Aber Zahlen erzählen nie die ganze Geschichte. Rob Zepp, der Torhüter der Eisbären, ist ein gutes Beispiel dafür. Seine Daten sind gerade nicht berauschend. Obwohl er „wieder super gehalten hat“, so Braun. Beide erlebten in den vergangenen Wochen und Monaten sehr unterschiedliche Phasen, gute und weniger gute. Im Halbfinale aber sind sie wichtige Stützen.
Zweifeln sollte daran bei Zepp ohnehin niemand. Vier Titel gewann er mit den Berlinern. „Über ihn muss man nicht reden, für mich ist er der beste Torwart der Liga“, sagt Kapitän André Rankel. Zepp scheint sich überdies mit jedem Jahr zu steigern. Besessen arbeitet er an sich, will immer noch mehr herausholen. In der Hauptrunde spielte er dann auch so gut wie nie. Doch am Ende ging es bergab, die Mannschaft wurde schwächer, die Gegentreffer nahmen rapide zu. Im Viertelfinale gegen Hamburg setzte sich das fort, desaströse 18 Gegentore gab es in den ersten drei Spielen.
Neue Erfahrungen für den Torhüter
Mitten in der dritten Partie passierte dann das Unerwartete. „Im Play-off bin ich noch nie in einem Spiel ausgewechselt worden“, erzählt Zepp. Auf Statistiken schaut er zum Glück nie, sie waren verheerend. „Diese Serie begann uncharakteristisch für das Play-off, ich habe das bisher nicht so erlebt. Manchmal wusste ich gar nicht, warum der Puck im Netz war“, sagt der 31-Jährige. Dass es nun so weit war, lag viel am Defensivspiel der Berliner. Zepp wurde oft von den Kollegen allein gelassen, auch von Braun.
Anfangs fehlte er der Mannschaft, Nachwirkungen einer Sprunggelenksoperation ließen ihn zu Saisonbeginn aussetzen. Seine Rückkehr war deutlich spürbar, die Abwehr erhielt eine stabile Größe, auch offensiv trat er hervor wie nie. Ein Grund war der Weggang von Richie Regehr und Nick Angell, dadurch stieg Brauns Bedeutung für das Spiel des EHC, gerade in Überzahl. „Er hat sich vom siebten Verteidiger bis zu einem der Topspieler der Liga entwickelt“, sagt Manager Peter John Lee. Auch zu einem der Wortführer bei den Eisbären.
Kritik nach kritischen Worten
Braun ist impulsiv, wenn ihm etwas nicht passt, muss das raus. Gegen Ende der Hauptrunde, als die Mannschaft beständig große Vorsprünge verspielte, platzte ihm der Kragen öffentlich. Er habe die Schnauze voll davon, giftete er, ständig werde geredet, ohne dass sich etwas ändere. Einer muss mal auf den Tisch hauen, klar, nur kam es bei einigen im Team nicht gut an, dass diese Kritik nach außen geäußert wurde. Zumal Braun ebenso seine Probleme mit der Konzentration hatte und an vielen Gegentoren Mitschuld trug.
Ebenso in der Serie gegen die Freezers. Braun agierte oft fahrig, spielte in den falschen Momenten den Pass. Damit setzte er die Mannschaft und Torhüter Zepp unter Druck. Daher liegt er trotz seiner vielen Punkte in der Plus-Minus-Statistik nur bei plus eins, er war bei vielen Gegentoren dabei und lief Gefahr, seine WM-Teilnahme zu verspielen. Jetzt nicht mehr. „Die Defensive hat sich gefunden. Wir haben die Zeit genutzt und oft geschaut, wo wir falsch gestanden haben“, sagt Braun.
Vertrauen in die eigene Stärke
Das spürt besonders Zepp. Frustrierend waren die ersten Spiele für ihn, „du arbeitest und versuchst, dich da wieder rauszukämpfen, aber es passiert nichts“. Doch er weiß, was er kann, vier Titel sind kein Zufall. „Manchmal ist es gut, einen Schritt zurück zu machen und den Kopf neu ausrichten“, sagt der Nationalspieler. Er habe seinen „Grundlagen vertraut, denn die gehen nicht weg. Das war ein großer Test für unseren Charakter“. Gemeinsam mit dem besseren Stellungsspiel der Vorderleute konnte der Gegentorschnitt seit fünf Partien nun auf zwei reduziert werden. Zepps Werte werden aber nur langsam hübscher zu lesen aufgrund der großen Vorbelastung.
Noch ein Sieg fehlt
Ihm ist das egal. „Im Play-off zählen doch nur Siege“, sagt der Torhüter. Einen benötigen die Eisbären noch, dann stehen sie im Finale. Nach den bisherigen Leistungen der Pinguine zu schließen, könnte dieser Sieg am Sonntag im dritten Spiel der Serie in Krefeld schon Wirklichkeit werden (Sonntag, 14.30 Uhr, ServusTV). „Wir sollten nicht schon vom Finale reden, die Krefelder werden um ihr Leben kämpfen“, sagt Constantin Braun. Der entschied sich nach der Dusche noch für eine andere Kopfbedeckung. Er wechselte auf grün und Bommel. Das war zwar nicht mehr schnittig, aber dafür dem Wetter draußen entsprechend.





