Play-off

Alles nur Theater bei den Berliner Eisbären

Freezers bezichtigen die Eisbären der Schauspielerei, doch die Berliner reagieren gelassen darauf. Der EHC führt in der Serie nun mit 3:2 und kann am Sonnabend ins Halbfinale einziehen

Foto: Malte Christians / dpa

Über das Ende hätte er sich aufregen können, ganz fürchterlich, jeder hätte das verstanden. Weil mit voller Sicherheit wohl kaum jemand sagen konnte, ob der Puck nun vor, mit oder nach der Sirene im Tor war. Die Schiedsrichter entschieden auf Tor, 3:2 für die Eisbären in der wirklich allerletzten Sekunde. Die Hamburger Proteste prallten an den Offiziellen ab. Die Berliner könnten nun am Sonnabend in Hamburg ins Halbfinale einziehen (17.30 Uhr, Servus TV). Aber darüber mochte Benoit Laporte nicht lamentieren.

Er hätte können, klar. „Darüber kann man die ganze Nacht reden“, sagte der Trainer der Hamburg Freezers: „Aber der Fehler lag nicht bei den Schiedsrichtern, sondern bei meiner Mannschaft.“ Die hatte den Puck Sekunden vor dem Ende im eigenen Drittel an André Rankel verloren, daraus entstand das Tor von Jens Baxmann, das dem Titelverteidiger der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) die 3:2-Führung in der „Best of seven“-Serie brachte.

Laporte wurmte etwas ganz anderes. Es brodelte regelrecht in ihm, schon länger, schon in den anderen Partien. Nach dem fünften Spiel der Serie konnte er nicht mehr an sich halten, es musste raus. „Ich bin jetzt 19 Jahre Eishockeytrainer“, fing er noch in gemäßigtem Ton an, „aber was die Eisbären machen, hat weniger mit Sport, sondern vielmehr mit Kino zu tun.“ Dann redete sich Laporte richtig in Rage.

Vorwürfe gegen Rankel

Er habe sich das eine ganze Weile angeschaut, aber irgendwann sei es genug. „Meine Mannschaft arbeitet so hart für das Eishockey, aber die Berliner machen nur Schwalben“, giftete der Freezers-Coach. Besonders André Rankel, den Berliner Kapitän, stellte er an den Pranger. Der zeige ein Verhalten, das man aus dem Fußball kenne, das im Eishockey aber nichts zu suchen habe. Den Eisbären fehle der Respekt vor ihrer Sportart.

Es sind nicht die ersten bösen Worte in dieser Viertelfinalserie. Zwar gehören beide Klubs zum selben Besitzer, der Anschutz Entertainment Group, aber wirklich brüderlich geht es nicht zu zwischen ihnen. Ziemlich gallig ist das Verhältnis, im Play-off noch mehr als sonst. Die Berliner etwa unterstellen, dass es durchaus üble Absicht sei, dass sie in Hamburg in einer Nebenhalle trainieren und die geschwitzten Spieler durchs Freie in die Kabine mussten. Angesichts der Kälte bestehe ein großes Gesundheitsrisiko. Florian Busch wurde auch krank.

Hamburg versucht es mit Härte und Worten

Nun glauben sie bei den Hamburgern, die Berliner würden sie veralbern – und die Schiedsrichter dabei gut mitmachen. „Scheiß Schiedsrichter, das geht schon die ganze Serie so“, tobte Sportdirektor Stephane Richer vor der Kabine. Viel und laut wird geschimpft. Das gehört zum Play-off dazu, Vorwürfe von der einen Seite sollen die andere beeinflussen, möglichst zum eigenen Vorteil natürlich. Als jemand, der den Sport kaputt mache, wurde etwa EHC-Verteidiger Jim Sharrow nach Partie drei (4:8) tituliert, weil er nach einem Stockcheck von Eric Schneider lange auf dem Eis liegen blieb, am nächsten Tag aber wieder spielte, während Schneider zwei Spiele gesperrt zusehen musste. Wie dumm es ist, bei einer 7:1-Führung einen Stockcheck anzusetzen, wäre aber auch durchaus Diskussionsstoff gewesen.

Hamburg giert nach Erfolg, verzweifelt sogar nach schier endlosen Jahren der Enttäuschung. Gegen die Schönspieler aus Berlin erhoffen sie, diesen mit Härte zu erzwingen. Dabei verschwimmen die Grenzen, oft genug werden sie von den Freezers auch überschritten. „Sie können von Glück reden, dass nicht alles gepfiffen wird“, sagt EHC-Trainer Don Jackson. Besonders Stürmer David Wolf fällt in dieser Hinsicht immer wieder auf.

Trainer Jackson reagiert gelassen

Jackson verfiel allerdings nicht in Gegenvorwürfe. Er hörte sich Laports Tirade ruhig an und schilderte dann ebenso ruhig seine Sicht der Dinge. „Ich verstehe Benoit, ich denke genauso über Schwalben wie er. Aber meine Jungs sind keine Schauspieler. Sie sind immer in Bewegung und meistens nur durch Fouls zu bremsen“, so der Berliner. Gefragt nach dem für ihn besten Akteur seiner Mannschaft nannte Jackson dann Rankel, der auch das 1:0 durch Vincent Schlenker vorbereitet hatte – wie ein Fußballer übrigens spielte er einen Pass mit dem Schlittschuh. Laporte zischte ein zynisches „genau“ vor sich hin. Vom eigentlichen Geschehen in der Serie lenkte das etwas ab. Auch dieses Spiel mit der 2:0-Führung, dem dann schlampigen Auftreten der Eisbären, dem Ausgleich und dem umstrittenen Siegtreffer bot Ungewöhnliches. „Ich finde, die Serie ist mental sehr anstrengend, man kann sich nie sicher sein“, sagt Baxmann.

Was sicher ist: Die Hamburg Freezers werden sich gegen das Ausscheiden wehren, und zwar mit sehr rustikalen Mitteln. Die sind wichtiger Teil ihrer Taktik, wie die Worte von Laporte. Sie waren nach dem Ausbruch schnell wieder verraucht. Jackson und Laporte sprachen kurz und gingen anschließend freundschaftlich lächelnd auseinander.